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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-03-01 · Heft 7 (1.3.1891) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 7 (1.3.1891)
Date
1891-03-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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— 3 nnbere religiöse Bestimmungen haben, als wir. Wir leben nicht mehr in dumpfen Mauern, abgeschlossen von den Errungenschaften der Mitwelt. Wir leben nebeneinander und: tauschen mit den Schätzen unseres Geistes. Diese Gesinnung, die Gesinnung der Verbrüderung, kennzeichnete die drei großen Rabbinen Frankfurts. Der letzte dieser drei, Nebemias Brüll, weilt nun auch nicht mehr unter uns, nachdem er ein ganzes Leben hindurch mit leuchtender Gelehrsamkeit und lebendigster, schärfster Anschauung als ein Großer im Dienste der jüdischen Wissenschaft stand. Als 27jähriger junger Mann erhielt Nebemias Brüll als Rabbiner in Bisenz die Berufung nach Frankfurt a. Nt., um hier mit Wort und Schrift den geistigen Aufschwung in der Höhe zu erhalten, zu der die Gemeinde durch die Führung eines Stein und Geiger gelangt war. Brüll folgte dem Rufe nach Frankfurt a. M. und hier, sich von dem Geräusch des Tages fcrnhaltend, förderte der unermüdliche Forscher mit muthiger Hand die noch im Dunkel der Unklarheit verborgenen Schätze jüdischer Wissenschaft an daS sonnige Tageslicht. Mit treffenden Worten wurde von Herrn Nabb. Dr. Plaut das Wirken des uns leider so früh dahingerafften Nehemias Brüll gepriesen. ,Nehemias Brüll glich dem Arbeiter im Weinberge, den nach jener talmudischen Sage der König schon um die Mittagstunde von der Arbeit abrief, weil jener Arbeiter in wenigen Stunden das verrichtete, wozu andere einen ganzen, langen Tag nötig hatten. Wie ein Erdarbeiter die Schollen emporbebt, um in den Schacht zu gelangen, in dem funkelndes Erz Jahrhunderte hindurch übereinandergeschichtet ist, so drang Nehemias Brüll mit der Fackel seines Geistes hinein in die Massen jüdischer Ueberlieferuugen und brachte Goldkörner litterarhistorischec Wissenfchast mit herauf an die Oberfläche und das Sonnenlicht moderner Geistesrichtung. Brüll folgte nicht dem Zwange, um in religiösen oder wissenschaftlichen Dingen Zugeständniße zu machen, er kämpfte für seinen Standpunkt, er kämpfte für Geistesfreiheit.' Der treffliche Kanzelredner, Herr Nabb. Dr. Plaut, vertrat mit diesen Worten die Ueberzeugung aller Derjenigen, die zu dem Wirken von Nehemias Brüll mit Bewunderung emporsahsn. Die Jahrbücher für jüdische Wissenschaft und Litteratur, die von Brüll herausgegeben wurde», geben einen Einblick in das Wirken des Verewigten. Mil welcher Fülle von Gelehrsamkeit tritt Brüll da au litterarische Fragen heran, mit welcher Klarheit und Logik sondert er das Historische von dem Mythischen. Er deutete nichts nach der Art mancher Gelehrten in lleberlieferungen hinein, sondern wies mit historischer Treue und rein wiffenschaftlicher Erklärung auf die Grundbedeutung und den litterarischen Wert hin. Der freie, unbefangene, vorurtheilslose Standpnnkr, auf dem Brüll stand, erschien deshalb den geistig Trägen, die alles anerkennen, nur in auszefahrenen Geleisen sich bewegen, nicht sehr unbedenklich. Blätter, die dem niedrigsten Tagesgeschmack Rechnung tragen, entzogen sich der Pflicht, beim Ableben des hervorragenden Gelehrten seiner in würdiger Weise zu gedenken. Von welchem Standpunkte aus solche Familienblätter zu beurtheilen sind, erklärt am! besten folgende Thalsache: Ein in der Nähe Frankfurts erscheinendes Blatt constatirte mit Entrüstung, dass in Frankfurt an einem religiös nicht gesetzmäßigem Tage eine Trauungs-Ceremonie vollzogen wurde. . Dasselbe Blatt sah sich aber in der nächsten Nummer schon genöthigt, von berufener Seite auf die Unrichtigkeit und Unwissenheit in dieser religiösen Frage hingewiescn, seinen so vernichtenden Bannspruch wieder zurückzunehmen. Bei solchen Blättern darf man dann selbstverständlich noch viel weniger darauf rcchnen, für das Wirken eines NehemiaS Brüll überhaupt Verständnis anzutreffen. B r n l l ließ keinen Personencultus mit flch treiben, gab am allerwenigsten Neligiösität für so niedere Zwecke her. Er pochte nicht auf seine Würde als geistiges Oberhaupt, er verlangte keine besondere Ehre, keine besonderen Rechte. Der niedrigste Beamte irgend einer Verwaltung stellt oft größere Ansprüche an Ehrerbietung und Gunstbezeugnng. als der große Gelehrte Nehemias Brüll es je gethan. Den Armen half er aus der Not. dem Bedrückten verhalf er zu seinem Neckt. Das schlichte, fast schüchterne Wesen Brütls, das sich mit so hervorragendem Können verband, forderte jeden geistig selbständigen Menschen zur Bewunderung heraus. In seine Gemeinschast gehörten nicht diejenigen, die je nach Vortheilen den Mechanismus ihrer Anschauungen nach jeder gewünschten Richtung hin spielen lassen können, solche geistige Gliederpuppen brauchten nicht für die Anerkennung und Würdigung Nehemias Brülls einzulreten. Mail hat sie nicht vermisst! Seiner Gemeinde, seinen Freunden und Amtsgenossen ist Rabbiner Dr. Nehemias Brüll durch den Tod allzufrüh entrissen worden, aber so wie das Andenken au die herzgewinnende Persönlichkeit des Verewigten nicht aus dem Andenken seiner Gemeinde schwinden wird, so wird das geistige Vermächtnis Nehemias Brülls der jüdischen Wissenschasl alle Zeit zum Ruhme gereichen. Rabbiner und Cantor. Von Aron Roth, Bezirks-Rabbiner in Siklos. In diesen geschätzten Blättern haben sich in letzterer Zeit Mißhelligkeiten, Meinungsverschiedenbeiten und Prioritätsstreitigfeiten zwischen Rabbinen und Cantoren knndgegeben, die leicht zu einer Animosität zwischen den wichtigsten Factoren der isr. Cultuszemeinde ausarlen könnten, was gewiss von schädlichem Einflüsse auf das Wirken und Ansehen dieser beiden Gemeindebeamten wäre. Nabbiner und Cantor, welche beide sich den Priestertitel gerne vindiciren, mögen doch einander die friedliebenden Worte Abrahams an Lot zurufcn: ״Halo anosehiro anaehnu! Wir sind ja Männer und Brüder, Männer eines heiligen Standes und Amtsbrüder'; aber nickt die Worte: ,Trenne Dich von mir, gehst Du rechts, gehe ich links!' Nein vereint, mit vereinigtem Willen und gleichem Eifer, den Gottesdienst zu heben und dadurch ihr Ansehen zu kräftigen, soll ihr Streben sein.' Wenn Rabbinen und Cantoren in Zank und Streit leben, bewährt sich das römische Sprichwort: ,Wenn zwei sich zanken, freut sich der Dritte'. Dieser Dritte, das sind so viele Balebatim, die gerne die Splitter in den Angen ihrer Beamten sehen, um sie zu schädigen. Die Liebe so vieler Mitglieder der Gemeinde ist gewöbulich blind, sie sieht mit einem Auge die Fehler und verschließt das andere, um die Vorzüge des Beamten nicht zn schauen. Unsere Rabbinen sagen: ,Der Streit gleicht einer schmalen Wassercinne, die immer breiter wird, je mehr sie sich ausdehnt: daher sagt Salonion: ,Bevor erherausbricht, lafsab vomStreite!' Ein jüdischer Dichter Emanuel bemerkt treffend: ,Was sagst du beim Anblicke ^streitender Parteien, da lodert die Flamme von Hass, Schmach und Pein. Man streitet mehr um Schalen, Hülsen und Kleien, als um Korn und Frucht.' Indessen die Spannung zwischen Rabbinen und Cantoren ist nicht neu, und besonders waren es die Rabbinen, welche gegen die Chasanim einen gewissen Widerwillen hegten und pflegten^ was wir durch einige Beispiels belegen wollen. Der bekannte 9t. Jehuda ha Chasid tadelt die Vorbeter bitter, weil sie nur ihre Stimme in der Synagoge hören lassen wollen, daher wiederholen sie die Worte, und eine solche Wieder-; holung wird der Gemeinde lästig. In der Synagoge soll der

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