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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-03-01 · Heft 7 (1.3.1891) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 7 (1.3.1891)
Date
1891-03-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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unb weniger klangreich war, wenn nur sonst sein Lebenswandel ein würdiger war, aus dem Amte nicht entfernt werden durfte. Ja, nicht einmal der Beschluß der Gemeinde war im Staude, den Sohn von dem Berufe seines Vaters zu entheben. Derselbe hochherzige und geistesgewandte Rabbi Salomo V^n Adret sagt:וכלל גדול אמרו בכל המנויים שהבן קודם ואפילו בהן גדול ואפילו יש אחרים גדולים הימגו. »Und einen großen tiefbeherzigeusweriheu Grundsatz baden unsere alten Weisen, deren Angedenken gesegnet sei, aufgestellt, dass nämlich der Sohn immer und überall einem Fremden vorangeht, wo es sich um Wiederbefetzung von Aemtern und Würden handelt. Dies galt sogar für das heiligste Amt, für das des Hohenpriesters, selbst dann noch, wenn Andere bedeutender und größer an Gelehrsamkeit wären.* Was nun von dem Chasan gilt, galt in gleicher Weise von dem Vorleser (Horeb קרא) der Tbora, auch hier durfte nur der hiezu Berufene und Erwählte aus der Thora lesen. War ja selbst die Neiheufolge der Aufzurnfcnden vom Gesetze geregelt und bringt die Judcnordnung unter Maria Theresia noch besondere Vorschriften darüber, wer der dritte und wer der vierte 11. s. f. ansgerufen werden dürfe. Noch bis auf den heutigen Tag hat sich für den Frcudentag der Thora — an welchem bedeutungsvoll genug nicht nur die Lcctüre der Thora beendet, sondern auch sofort wieder von Neuem begonnen wird, um anznzeizen, dass das Lernen bei d.m nach Wissen wahrhaft Strebenden niemals aufhören darf — der schöne und sinnige Brauch erhalten, die Erlaubnis "״רשום der Gemeinde und des Vorstandes sowie der Gelehrten eiuzuholeii, um zur Tbora gernfen zu werden, denn nach guter alter Sitte hatte in früheren Zeiten der zur Thora Gerufene selbst die betreffende Paraschah vorzulesen, wie dies in Deutschland und Frankreich noch heutzutage bei den Jünglingen, die ihre Lav-rnwiwab-Feier würdig begehen, geschieht. In der Regel ist nun das Amt des Chasan mit dem des Koreb vereinigt, und da auch sonstige Pstichten sich damit verbanden —last nost least — der Unterricht der unmündigen Kinder im Lesen und Verstehen der wichtigsten Gebete, die ja zum größten Theile der heiligen Schrift entnommen sind — und / die mit diesen Ausgaben betrauten Personen den größten Tbeil des Tages ihre Zeit und ihre Kraft dem heiligen Dienste widmen mussten, so ist cs nur natürlich, dass sie die« nicht ohne Entgelt thun konnten. Galt und gilt doch nach der jüdischen Gesctzeslehre die Begründung eines Hauswesens, eines eigenen Familienstandes für eine Der wichtigsten Pstichten, die dem Alaune obliegen. Um aber eine solche erhalten zu können, bedurfte cs eines Nahrungszweiges, der nicht nur ehrt, sondern auch nährt. Die Frage, ob der Abgesandte der Gemeinde (Schliach Zibbur) von den jeweiligen freiwilligen Gaben leben oder einen fixen Jahresgehalt beziehen sollte, wurde schon im 13. Jahrhundert vielfach vcntilirt und von der größten Autorität seiner Zeit, Rabbi Salomo» den Adret aus Barcelona, dabin beantwortet, dass ein Fixum den freiwilligen Gaben (שמתנתם מעוטה וחרפתם מרובה) entschieden vorzuziehen sei (Schalot u’tesebubot, Paragr. 450). Und das gleiche finden wir im Sehulchan Aruch, Oracli Chajjim, Paragraph 53.3) (Fortsetzung folgt.) 3) Es wäre wahrlich an der Zeit, dass die zweimal des Jahres an Rabbiner und Cantor zu spendenden ״freiwilligen Gaben* abgeschafft und den jüdischen Gemeindebeamten ein entsprechendes Aequivalent als Fixum znm Gehalte hinzugegeben werde. Rabbiner und Cantor haben gemeinschaftliche Interessen, und nur der enge Anschluss von diesen zwei Factoren könnte Ersprießliches sowohl in intellectueller als materieller Hinsicht einander leisten. S&pie&ti 8at. is-Brüll. Biographisches von- Eugen Davids oh n, Cantor in Frankfurt a. M. Nebemias Brüll! Diesen Namen führte ein Mann, der im Dienste der Wissenschaft Großes geleistet und trotzdem als Mensch weder von Ansehen umgeben sein noch mit irgend welchen blendenden Miltelu, die ihm reichlich zu Gebote standen, sich einen anserwählien Platz in der großen Gemcinschasl erringen wollte. Die Halbbildung und der Mangel an Ueberzengung in der Gesellschast lieferre dem Gezücht von Strebern immer einen sehr fruchtbaren B-den, und jedem der verehrlicben Leser werden Fälle gegenwärtig sein, in denen Vortbeile von Persönlichkeiten in Anspruch genommen wurden, die den Math hatten, 'jede Ueberzeugung, wenn überhaupt eine solche vorhanden war, zu verleugnen und das, was an Wissen und Können fehlte, durch gewandtes Auftreten und besondere GesellschaftLkünste zu verdecken. Ja, überall ist Ordnung, nur oft nicht in der Weit- Wie wäre es denn sonst möglich, dass geistige Liliputaner für.Niesen gelten, hingegen mit urwüchsig geistiger Kraft ausgerüstete Männer es oft kaum so weit bringen, Dass man von ihnen spricht. Nun — auch im Tempel des Mcnschenthnms brennt eine ewige Lampe, sie brennt Jahrtausende hindurch. Die Geschichte ist diese ewige. Lampe. Mit der Persönlichkeit ist daß Erdenwallen ans, auch das Erdenwallen derjenigen, die so sicher in der Gunst ihrer Mit- Menschen lebten, wenn die Gründe auch hiefür nicht allgemein׳ verständlich waren. Der Mann, der sein Leben großen Änfgabeu aber widmete, der für die geistige Entwicklung der Menschheit die Hebel seines eigenen Geistes einsetzte, dieser Mann führt ein geistiges Leben auf Erden in der Geschickte der Menschheit. Das Große, was er geschaffen, erfüllt die Nachwelt und bleibt bestehen. Einen folckeu Mann besaß die Frankfurter Gemeinde in ihrem leider so früh dahingegangenen Seelenhirteu Dr. Nehemias Brüll. Als dem verachteten) in Ghettos eingcschlossenen Judcnthume freie Erkenntnis und veredelteres Menschenbewusstscin auch allgemeine Menschenrechte einränmte, da wurde es innerhalb der Frankfurter Jndenmauein lebendig. Das große, jüdische Können wollte sich ein neues Gebiet erobern; es schuf für ein Judenthum Platz, das in seinen großen Grundsätzen unerschütterlich stehen bleiben sollte, ohne jedoch einsam wie eine Insel aus dem Meere hervörzuragen, vielmehr wie ein Culturland sich an das andere zu fügen. Gesetze und Sitten waren׳ in's Land gekommen, die es den Juden ohne Anfgeben geistiger Errungenschaften gestatteten, die Religion zu üben und sich mit diesem Dienst auf dem Standpunkt der Zeit zu erhalten. Um eine Verbrüderung zu ermöglichen, um aus engen Kerkermauern wieder die Strahlen des-Tageslichtes zu erreichen, verstand sich die jüdische Gemeinschaft zur Nachgiebigkeit. Sie schüttelte das im Schatten von Jahr- Hunderten verbliebene Laub ab und ließ von der Sonne einer neuen Zeit sich mil lebendigem, frischen Grün schmücken. Dazu bedurfte cs der Hand kundiger Gärtner, und solche Gärtner besaß die jüdische große Gemeinschaft Frankfurts in Stein, Geiger und B r ü l l. Fürwahr ein leuchtendes Dreigestkrn waren diese drei Männer dem Judenthume. Sie waren zu groß, um sich mit Fragen zu beschäftigen, in .denen kleinliche Geister das ganze Heil begründet sahen, Fragen, die in der That keines besonderen Eifers Werth waren. Diese drei Geistesfürsten eiöffneten dem Judenthume ein freieres, weiteres Feld, das durch Strecken führt^ auf denen wir uns mit allen Brüdern berühren, auch wenn sie

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