Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 6 (21.2.1891)
- Date
- 1891-02-21
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/1304829-3453207-3453213--3088-3457406- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
5 Aus dem I. kvrvL: (Ab. 1, 2.) .Simon der Gerechte hatte zum Wahlspruche: ,Drei Dinge erhalten die Ordnung der Welt, Wissenschaft, (Thora) Gottesdienst und Nächstenliebe.' Die Wiffenschaft erschließt das Innere der Naturreiche und macht uns mit ihren so vielseitig verwendbaren Kräfte bekannt. Sie zeichnet der Geistesthätigkeit ihre Bahnen vor uud befestiget den Probirstein der Wahrheit in uns, welche die beseligenden Gesilde des Glaubens vor uns eröffnet. Wem bliebe auch ferner der hohe Werth und die Weihe Lines angemessenen Gottesdienstes unbekannt? Wohl gibt es selten einen Menschen, der nicht schon in einer andächtigen Ergießung vor seinem Schöpfer, Trost und Ruhe, Erhöhung und Veredlung seines Selbstbewusstseins gesunden. Der Schuljugend wird beides zu Theil; Wissenschaft in der Schule, Thora bei Neligivusunterricht, dadurch wird der Geist veredelt, Herz und Gemnth durch den Gottesdienst gekrästigt. Die Nächstenliebe soll die dritte Säule der Weltordnung näher bezeichnen. Streichet diese Tugend aus dem Buche der Menschheit, und ein wüstes, ungeformtes Menschengewirr wird sich Euch die Welt darstellen. Fallen werdet ihn schon sehen, aber Niemand der aufrichtet; herumirren, aber Niemanden, der zurechtweiset; Hungrige und Nackte, aber Niemand, der sic bekleidet oder speiset. Menschenliebe muß die Zugend besonders in der Schule, dieser Welt im Kleinen, gegen alle Menschen, ohne Unterschied des Glaubens, Ranges und Standes beherzigen und ausüben. (Abot. 1, 7.) Natai aus Arbeli sagte: ,Entferne Dich von einem bösen Nachbar, geselle Dich nicht zu den Gottlosen und glaube nicht, dass Jemand der Strafe entgeht'. Entferne Dich von einem bösen Nachbar, mit dem man doch häusig in Berührung kommt. Solche Nachbarn sind die Schüler einer Classe, sie sind sich in der nächsten Nähe. Suchet also, wo möglichst den Umgang mit solchen bösen, leichtsinnigen Nachbarschülcrn zu meiden. Hält Euch fern, von ihnen wenigstens außerhalb der Schule, denn der Nachahmungstrieb ist zu stark im Menschen, und das Beispiel .hat eine riesige Kraft. Anfangs erweckt das Laster, überhaupt bei gut erzogenen Kinder, den tiefsten Abscheu, allmählich schwächt sich der sittliche Widerwille, endlich verstummt er ganz, man ahmt es gleichgiltig nach und befreundet sich mit ihm. Der Verbrecher hatImit groben Lastern seine Sündenlaufbahn nicht be» gönnen, allmählich hat sich seine sittliche Stimmung abgefchwächt, und das Böse erwarb sich nach und nach das Heimatsrecht im Herzen. Quälst du als Kind erbarmungslos ein Tbier und gewöhnst Du Dich daran, später übst Du es auch an Menschen aus und wirst schadenfroh. ,Darum wehe denen, welche heranziehen die Sünden an dünnen Fäden, stark wie Wagenseile wird endlich das Verbrechen' (Zes. 6, 18.) .Aber Heil dem Manne, der nicht wandelt im Nathe der Frevler, auf dem Wege der Sünder nicht steht und im Kreise der Spötter nicht sitzet' (Pf. 1, 1.) (Ab. 1, 12.) Hillel pflegte zu sagen: .Gehöre zu den Schülern Ahrons, liebe den Frieden, bestrebe Dich in Eintracht zu erhalten, liebe die Menschen, und leite sie zur Thora'. Das schönste Bild eines Weisen ist hier gekennzeichnet, eines wahrhaft frommen, göttlichen Mannes; voll Wahrheit an Gesinnungen, voll Friede und Gerechtigkeit im Lebenswandel und im immerwährenden Bestreben vom Irrwege deS Lebens ab in den Schooß der Tugend zu leiten. Solche Schüler AhrouS zu werden, soll auch dis Jugend sich bestreben. Den Frieden lieben im Elternhause, dass kein Zank und Streit zwischen Geschwistern das Familienglück trübe. ,Wie schön und lieblich ist es, lehrt der Psalmdichter, wenn Geschwister in Eintracht leben' (Ps. 133, 1.) Bestrebet Euch, die Eintracht in der Schule zu erhalten; Uneinigkeit unter den Schülern führt zn häufigen Klagen, stört den Unterricht und verstimmt den Lehrer. Nicht aber nur begeistert war Hillel don den erhabenen Tugenden des Hohenpriesters Ahron, welche er uns zum Muster vorführt, sondern er verwirklichte in seinem eigenen Lebenswandel das schöne Vorbild desselben. So sehen wir ihn, einem rohen Heiden, der ihn in übermüthiger Laune ausforderte, ihm das ganze Gesetz Israels zn lehren, so lange er auf einem Fuße stehen kann, voll Ruhe und Sanftmnth bedeuten: .Was Dir verhasst ist, das thue auch deinen Nächsten nicht', hierin besteht das ganze Gesetz, das übrige ist Commentar, .geh' und lerne' (Sab. 31), so näherte er die Menschen, selbst die Heiden, zur Lehre Gottes. Liebe und Frieden sind ein treues Geschwistekpaar, reichen sich einander die Hand zum Bunde. Du wirst den Frieden lieben, wenn Du die Menschen 1 liebst, wenn ihr Wohl Dir am Herzen liegt, wie das Deine; Am andern Tage erwachte er mit stechendem Kopfschmerz. Sara hatte die Nacht an seinem Bette gesessen und seinen brennenden Durst in seinen Fieberphantasien gelöscht. Mit Anstrengung zwang er sich zu sprechen,, und einige Worte, die freundlich und tröstend sein sollten, entrangen sich stoßweise seiner Kehle. Aus seinem Gesicht las mau deutlich den Seelenschmerz, der in ihm tobte. Zn ihm erwachte das Bewusssein seines Elends, seiner Feigheit, des Jammers, den er über sich gebracht. Nach einigen Tagen fühlte er sich kräftiger. ,Wir müssen fort Sara, nicht möchte ich hier sterben wollen. Nun ist's Zeit dass wir abreisen.' Der Gastwirth bestellte eine Droschke, die sie zur nächsten Bahnstation brachte. , An einem Herbstabend bog Karl, ein gebeugter Mann, am Arme feiner Begleiterin nahe bei der Stadt G. um die Ecke des Friedhofes, um an das Thor desselben zu gelängen. Es stand noch offen. Sie giengen hinein und suchten das frische Grab des Vaters auf. ,Da schlummert der Biedermann neben seiner trefflichen Gattin!' lautete die Inschrift auf dem Gedenkstein. . Ein leiser Windhauch flüsterte durch die Trauerweide», das ' fallende Laub mahnte an die Vergänglichkeit alles Irdischen; schon standen einzelne Bäume schmucklos und starrten mit ihren Zweigen in die Höhe, düster wurde es ringsumher. Da stieg der Mond empor, und das . große Seic|j£r1|elb wurbe 1ו0פ seinem matten Lichte erleuchtet. '•ל יי' ' t■ •V :־• Die Beiden waren stehen geblieben, ohne ein Wort zn wechseln. In diesem Augenblicke trafen sich Sara'S und Karl's Blicke. Und da das Mädchen nun erinnert ward an das, was geschehen, aber auch in dem Auge des von ihr geliebten Mannes so viel Weh' und Gram aufblitzen sah, nbermanntc sie die Gemüthsbewegunz. Die Farbe ihres Angesichtes wurde noch bleicher, und Thränen schoffen über ihre Wangen. Plötzlich bewegten sich die Lippen Karl's, aber keine Thräne netzte fein Auge — der Unglückliche konnte nicht mehr weinen, — konnte nicht beten —׳ und doch war sein Herz so bewegt, er sehnig sich, den Frieden seiner Seele wieder herzustellen, doch der Anblick der Gräber seiner Ettern raubte ihm den Muth. Sara lehnte sich an den Grabstein der Mutter und stützte ihr Haupt in die Hände. Sie fuhr auf und machte eine abwehrende Bewegung; dann aber wendete sie sich plötzlich um, erfasste dis Hand ihres Begleiters und drückte dieselbe innig und leidenschaftlich׳ ,Ist Dir nicht wohl liebe Sara?' fragte Karl besorgt. ,Oder beunruhigt Dich etwas? Gott weiß es, dass ich Dir das höchste Glück bieten würde, dass ich Dich liebe mit jeder Faser meines Daseins!' Er sank auf das Grab des Vaters — er wollte sich erheben» er vermochte es nicht. — Sie öffnete die blassen Lippen und rief: .Karl! Karl!"- (Fortsetzung folgt.)