Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 6 (21.2.1891)
- Date
- 1891-02-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 יז־<-•-^׳ רי: und ketbe machen sie denselben cadenzirenden Schritt, von der Subdominante dieser Tonart, vermittelst der beiden dazwischenliegenden Nebennoten, zur Tonika. Der Unterschied zwischen beiden ist der, dass beim Dsuaobto von der Dominante und beim Silluk von der Subdominante der Parallel-Durtonart in die bezeichnete Subdominante, mit Hinzunahme' der Zwischentöne, geschritten wird. Somit glauben wir zur Genüge dargethan zu vaben, dass die Singweisen aller unserer Vorlesearten nichts weniger als auf fremde Tonarten gebaut sind, dass sie vielmehr auf der Basis einheimischer Tonarten beruhen und sogar ihre Finalschlüsse meistens die Grundsätze heutiger musikalischer Anschauungen und Erfahrungen befolgen. Wenn wir nun auf diese Intonationen im Allgemeinen einen klaren, forschenden Blick richten, so ersehen wir, dass die Vorzüge derselben augenfällig und gar vielfach und mannigfaltig sind. Denn abgesehen davon, dass sie für die richtige Aussprache des Wortes und für die syntaktische Gliederung des Satzes geradezu unentbehrlich sind, sind sie an und für sich schon wirklich reizende Cantilationen, die den erhabenen» heiligen Text würdig zum Ausdruck bringen und ihn bestens verdeutlichen helfen. Ferner bergen sie in sich eine grammatische und exegetische Wissenschaft und legen von Demjenigen, der sie in allen Einzelnheilen corrcct und exact zum Vortrage bringt, beredtes Zeugnis ab, dass er dieser Wissenschaft in hohem Grade mächtig und der heiligen Sprache vollkundig ist. Wir erblicken darin auch eine ungefälschte. geschichtliche Urkunde für die ordnungsmäßige Ent- Wickelung unseres Gottesdienstes, die uns darauf hinweist, wie unsere Vorväter überall Fürsorge getroffen haben, ihren Gottesdienst, in jeder Weise musikalisch zu gestalten, und bemüht waren, selbst an Sprechftellen desselben sichere Zeichen und Merkmale zu setzen» um sie nicht der Willkür eines Jeden zu überlassen und der widerwärtigen Ignoranz preiszugeben. Wir sprechen dieses in vollster Ueberzeugung aus, da wir selbst Gelegenheit hatten, einem solchen Acte der crafsesten Ignoranz leider beiznwohnen und Zeuge davon zu sein, was geschieht, wenn man die geraden, wohlgeebneten Bahnen unserer Väter verlässt und andere, eigene Wege einschlägt. Vor einiger Zeit waren wir in die Noihwendigkeit gerathen, fern vom Orte unseres Wirkens über Samstag zu weilen und diesen Tag in einer größeren Gemeinde zuzuvringen, wo der reformirte Gottesdienst ,mit allen Cdicanen', also mit Orgel — wo die fehlt, ist man auch mit Harmonium oder gar Physbarmonica ״^''" — Damengesang — auch christlicher Confession — Zjährigem Cyclus und tropplosem, deelamatorischem,Leinen' re., seinen Sitz aufgeschlagen hat und dort im besten Flor stand. Wir waren natürlich weniger auf die musikalischen, als auf die declamatorischen Kunstgenüsse neugierig, die unserer hier harrten. Aber was haben wir hier alles betreffs dessen zu oören bekommen! Wahrlich, wir riefen da aus: Wehe über die Ohren, die solches anhören können, und doppelt wehe über die Ohren, die solches anhören müsse n und nichts dagegen zu thun vermögen! O Thora, göttliche Thora! Du Quelle aller Vernunft und alles Wissens, hülle Dich hier in Säcke und wälze Dich im Staube, ob solcher Lächerlichkeit und Poffenhaftigkeit, die der Unverstand mit Dir treibt und Dich zum Spielball des UnwlssenS und der Geistlosigkeit herabwürdigt! Abgesehen, dass die so schönen, Wohllauten Worte verunziert und verunstaltet aus dem Munde des ,Deelamators' herauskamen und im Jargondialeet von ihm ausgesprochen wurden, vom ״MilTel״ und ״MilTra“ keine Spur, als ob sie gar nicht existirten, es passte natürlich, auch nicht ein Wort zum andern und kam ein Kauderwälsch zum Vorschein, das wirklich abschreckend und tief beschämend war. Und das hörte eine Gememde von mehr als 300 Mitgliedern, mit ihrem Rabbiner l an der Spitze, ruhig und seelenvergnügt an. und auf jedem Gesichte war der Ausdruck der höchsten Befriedigung zu lesen. Das also nennt man ,Reform!'*) Ja wahrlich! Mit nichts hat sich die sogenannte Reform so gründlich blamirt und fick selbst ein beglaubigtes ArmuthS» Zeugnis ausgestellt, als mit der Abschaffung des gangbaren und in der Wissenschaft woblbegründeten Troppvorleiens, um au Stelle dessen den ,deklamatorischen Vortrag' zu setzen. Damit hat fie eben deutlich bewiesen, dass sie für die darin enthaltene musikalische, grammatische und exegetische Wissenschaftlichkeit kein Verständnis, und auch für die mit hinzukommende Alterthumskunde keinen Sinn hat, und dass ihr der Nimbus mehr gilt, als die reine, mackellose Wahrheit, der gehaltlose äußere Prunk mehr, a!S der gesunde innere Kern. Sie hat damit der Wissenschaft einen Absagebrief geschrieben, und dagegen der Nnwissenheit und der Nnkenntnis, ja selbst dem Beguemlichkeitstriebe, Conzessionen gemacht. Denn fürwahr, nicht das ,Leinen' für sich hat Schuld, dass eS vielfach missfällt und deshalb in vielen neuerungssüchtigen Ge» meinden, die es nicht zu begreifen vermögen und nicht die geringste Kenntnis davon haben, verbannt und abgeschafft wurde, sondern weil es in Wirklichkeit nicht so leicht ist auszuführen und aus Unkenntnis oder gar Bequemlichkeitsgründen, vielerseits miss» braucht und in einer Weise vorgetragen wird, dass es in der That als »unschön' bezeichnet werden muß. Gerade so, als ob es etwas dafür könnte, dass man es jargonmäßig ,Leinen' nennt, welches bei den ,Hochdeutschen" Widerwillen erregt und fie glauben macht, dass dahinter nur etwas ganz Ungeheuerliches, nicht in ein Gotteshaus der ,Neuzeit' gehörendes stecke. Wir wollen nun die Einwendungen betrachten, die von der sogenannten wissenschaftlichen Seite dagegen vorgebracht werden und sehen, wie weit sie berechtigt sind. L. Liebermann fragt in seiner Abhandlung .7122 N18“ siegesgewiss: ,Wer kann behaupten, dass unser Lehrer Moses .das 8arko oder das 86Zok nur so und nicht anders gesungen hat, oder dass er irgend Jemandem anbefohlen: so machst Du das Sokeph koton und so das Sokoph godol?“ Mit demselben Rechte aber könnte man ebenso fragen: Wer ist dabei gewesen, dass er uns genau berichten könnte, wie Moses die Schechita gehandhabt, oder welche An» ordnungen er darüber getroffen hat, dass wir jetzt das Rituell desselben so haarklein beobachten sollen? Und dergleichen Fragen könnte man denn auch bei allen unseren Gesetzesübungen und Gebräuchen stellen und immer einwenden: Wer weiß es zu be״ haupten, wie Moses dieses gemacht, oder anbefohlen, es so und und nicht anders zu thun? — Auf Dieses oder Derartiges aber antworten wir: dieserhalb braucht wahrlich noch Keiner mit Moses in direktem Verkehr gestanden zu haben, oder zu stehen; dafür haben wir unsere untrüglichen Traditionen, die uns über Alles genaue Auskunft geben, wie wir eine Sache ausüben sollen, und find überzeugt, dass auch vor Jahrtausenden dieses Gebot, dieser Brauch, diese Vorschrift nicht anders in Praxis gestanden war. Hier aber kommt noch dieser Umstand hinzu, dass es durchaus nicht nothwendig ist zu glauben, Gott hat alle seine Anreden an MoseS im Tone der Neginos gesprochen, und Moses wieder hat alle diese Gottesgebote und Worte vor Israel mit allen *) Es ist uns dabei die Talmudftelle in Chagiga 6. b, eingefallen, welche von יפסוק הטעסים״ von der ,Betonung der Tonzeichen' handelt und die Frage aufwirft, ob in der Schriftstelle Lroäus 24, 5, das auf das entferntere ,עולות“ oder das näherliegende ,למיס©* bezogen werden soll; da dachten wir, zu dieser Frage könnte man noch eine andere hinzufügen, ob nicht besagtes ״Porim* vielleicht auf diese Zuhörerschaft Bezug nimmt, die darin keinen Unterschied weiß uud auch nicht einen solchen zu hören bekommt.