Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 5 (11.2.1891)
- Date
- 1891-02-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Oder um den Neid der Aulisemilen und solcher, die es werden sollen, wach zu rufen, beim Anblicke eines Gebäudes, das eine solche Niesensummc verschlungen? Um einen schönen Gelang und classische Musik zu hören, könnte ja die Zugend in die Oper gehen, wo das Vergnügen viel billiger wäre! Zum Eiureißen genügen wohl einige Taglöhner, der Wiederaufbau braucht Architekten. Aber wo ist denn der Rabbiner, der geistliche Führer und Berather der^Gemeinde?!^) Sollten denn ihm die Lehren der heiligen Schrift und des Talmud über Len Werth der jüdischen Schule unbekannt sein?! Wir wollen ihm, dem gelehrten geistlichen Oberhaupte von Pilsen, in aller Bescheidenheit einige Stellen auführen! Zn Midrasch R. zu 3. B. M. Kap. 24 heißt es: ,So lauge die Stimme der Kinder Zsraels in seinen Bet- und Lehrhäusern vernommen wird, ist es von Gott gesegnet und selbst durch die Mächtigsten Völkern unbesiegbar.' — ,Und ich war Ihnen — den Zsraeliten — ein kleines Heiligthum' (Ezechiel 11), das sind die Bet-und Lehrhäuser Zsraels. — ,Ewiger! eine Zustuchlstäite warst Lu unS durch alle Geschlechter' (Psalm 90), das sind die Betuud Lehrhäuser Jacobs. (Talmud Megiiah 20 a.) Die Schule verhält sich zum Tempel wie die Seele züm Körper. Die hohe Bedeutung der Schule, wie ihr Vorzug vor dem Tempel geht klar aus folgenden Stellen des Midrach, Talmud und Schalchan Aruch hervor.H . 1. Die Schulen gleichen den lieblichen und duftenden Gärten, und die Schulkinder daselbst den lieblichen Früchten. 2. Eine Stadt ohne Schule soll zerstört werden. 3. Die schönste Zierde der Menschheit bilden die Lehrer und die sie umgebende Schuljugend, welche den kostbarsten Perlenreihen Ulrichen. 4. Die Lehrer uud ihre Schulen werden die Wächter und Erhalter der Stadt genannt. (Midrasch R. z. Hohenliede Eap. 5, 7, zu Klagelieder Cap. 3. Jenischalmi Chag./2. Abschn.) Jede Gemeinde, die 25 Mitglieder, ja nach einer anderen Ansicht selbst unter dieser Zahl, zählt, muß eine Jugendschule errichten. (Talm. Lact. B. B. 21, Jore deah 245) Man darf die Synagoge in ein׳ Lehrhaus umwandeln, aber nicht ein Lehr- Haus in ein Belhaus, weil man nicht die höhere in eine niedere Heiligkeit umwände!» darf. Selbst durch den Bau des jerusalemitischen Tempels darf man den Zuzendunterricht nicht unterbrechen. <Siebe Cap. 9, Talmud Megiiah 26 h, Sabbath 119. O. CH. 153, Z. Deah 245) Schon vor etwa 2000 Jahren gebot Simon ben Schetachs, ordnungsmäßige Gemeindeschulen zu errichten und zu erhalten; 150 Zahre später traf Josua ben Gamla die Verfügung, dass ju jeder Stadt Juzendlehrcr angestellt werden, die 6—7jährigen Kinder zu unterrichten. (Tr. B. B. 21.) Wohl war der Hauptzweck dieser Schulen.- der Zugend das Gotteswort und die Nationalgeschichte zu lehren, aber jeder Fachmann weiß wohl, dass zur richtigen Erlernung dieser Unterrichtsfächer auch die profanen Willenschaften gelehrt werden mussten, wenn auch nicht so systemalisch, wie dies in den jetzigen Schulen geschieht. Ueberdies berichtet Nabban Simon ben Gamla. dass von 1000 Schülern im Hause seines Vaters 500 in der Gotteslehre und 500 in der griechischen Weisheit Unterricht erhielten. (Tr. B. K 83.) Ferner wird aus- .*) Herr Dr. Z. Caro war m letzter Zeit von seiner agitatorischen THLtigkeit, zur, Wahrung der Standesinteressen,. wie er es nennt, viel zu sehr in Anspruch genommen, um den Vorgängen innerhalb der Gemeinde genügende Aufmerksamkeit schenken zu können. Im Interesse der Gemeinde Pilsen wäre es aber viel ersprießlicher, wenn ihr geistlicher Führer seinen Einfluss und seine bedeutenden Fähigkeiten mehr pro domo geltend machen würde. Wie wir sehen, gibt es für den Herrn Rabbiner daheim zu thun genug. (Die Redaktion.) drücklich gelehrt, dass in Palästina neben der hebräischen Sprache auch die griechische, in Babylon aber neben der hebräischen die! persische Sprache gelehrt wurde. (Talm. Gittin 28, Sota 49, B. K. 82.) Es haben sonach unsere jetzigen Volksschulen, die nebst dem Gottesworte auch die weltlichen Wissenschaften lehren, dieselbe hohe Bedeutung, wie die im Talmud uud Lchulchau Aruch erwähnten Neligionsschulen. Za der in unseren Volksschulen in der Thora und den profanen Fächern ertheilte Unterricht entspricht dem Wunsche unserer Weisen. ,Schön ist Thorakeuntnis mit weltlichem Wissen gepaart, denn die Bemühung mit beiden macht Sünden vergessen.' (Spr. d. V. 2, 1.) Wie wahr und richtig spricht Zesaia: ,Deine Zerstörer und Deine Niederreißer, sie stammen von Dir selbst ab!' Woher soll der Nachwuchs an Lehrern oder Nabbinen kommen, wenn der armen Zugend die Möglichkeit benommen ist zu einem gründlichen Unterrichte in den hebräischen Disciplinen? Die Söhne der Neichen, die sich dem Geschäfte der Väter widmen, die wollen eben nichts wissen von jüdischem Glauben'und jüdischem Cultus, aber waS noch gefährlicher ist — das böse Beispiel — Exempla trahunt. Da ist das Wort der Schrift am Platze: Rauhed avaun ovaus al bonim, al schileschim veal ribeim lesaunoj! Ein Beitrag zur Klärung der Frage -er traditionellen Tonarten. XXI. Nach einer den geschätzten Lesern dieses Blattes gewiss allzu groß dünkenden Pause, die der Erledigung anderweitiger Verpflichtungen gewidmet war, können wir den fallengelassenen Faden unserer Ausführungen wieder aufnehmen und in der Erörterung des Traditionsgesanges fortfahren. Bekanntlich ist Herr Obercantor Singe r in Wien der Ansicht, dass unsere sämmtlichen Traditionsgesänge auf die von ihm aufgestellten drei altjüdischen Tonarten zurückgesührt werden müssen, während Herr Obercantor D e n t s ch in Breslau demgegenüber standhaft behauptet, jdass dieselben meistcntheils sich von den Kirchentonarten ableitcn lassen. Angesichts dieser widersprechenden, aber von solchen Autoritäten vertretenen Behauptungen kann nicht oft genug betont und wiederholt werden, dass beide Annahmen nicht das Nichtige treffen und gleickweii von der Wirklichlichkeit entfernt sind. Die alleinige und einzige Wahrheit ist vielmehr, wie wir es oft schon hervorgehoben und wie Zeder ׳sich selbst überzeugen kann, die, dass die Traditiouszesäuge in ihrem weit überwiegenden Theile vom Modernen Dur und Moll hcrrühren; nur in einer verschwindend kleinen Anzahl können sie auf unsere Spezialtonarten — auf die Kirchentonarten aber ganz und gar nicht — bezogen werden. Um jedoch dies unwiderlegbar zu beweisen, ist es wohl nothwendig, die notorisch ältesten und charakteristischsten Singweisen aus der großen Menge unseres Melodienschatzes herauszugreifen und sie, tonisch und harmonisch zerlegt, unfern geschätzten Lesern vorzuführen, damit sie sich klar und deutlich von ihrem Aufbau und ihrer inner» Beschaffenheit — und damit auch von der Triftigkeit unserer entgegengesetzten Behauptung — überzeugen können.; Zu diesem Behufs können wir unseres Erachtens keine besseren und schlagenderen Argumente anführen, als die allbekannten 'fünffach verschiedenen Vorlesttngs-Zutonationen (Xeginos); Nämlich diejenigen zum Vorlesen her Thora an Wochen-, Sabbath- und Festtagen, ferner die nämlichen zum Vorlesen nm Rösch haschonoh und Jom Kippur, sowie diejenigen zum Vorlesen der Maphtora, der Megilla und Eeha. Wir glauben hierin insofern nicht fehl