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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-02-01 · Heft 4 (1.2.1891) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 4 (1.2.1891)
Date
1891-02-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Wien. Baron Albert' Rothschild hat mit Niichficht auf "die besonders strenge Jahreszeit dein Bürgermeister von Wien die Summe von zehntausend Gulden zur Verwendung für Arme ohne ^Unterschied der Confession übersendet. Die Vertheilung wurde dem ׳/Ermessen des Herrn Bürgermeisters überlassen, welcher diesen Betrag sofort den Annen-Jnstitnten der zehn Bezirke Wiens in entsprechenden Quoten überwiesen hat. Wien. Sonntag den 25. Jänner fand im Palais des Herrn .'Ritter von Gutmaun die Trauung seiner Tochter, der Baronin von Königswarter, mit Herrn Baron Mayer aus Coburg statt. Die /Traungsfeierlichkeit wurde im engsten Familiencirket abgehalten. Herr Dr. Jellin.k nahm den Trauungsakt vor. und Herr Obercantor Singer sang und recitirte die üblichen Trauungsgejänge .unter Begleitung eines Harmonium. Zu dem darauffolgenden Hochzeitsmahle waren auch .die Herren Rabbiner Dr. Jellinek, Dr. Güdemann und Herr Obercantor Singer zuzezogen. Wahrend des MahleS liefen Hunderte von Depeschen aus allen Weltgegenden ein, unter welchen die beiden des regierenden Herzogs und der Herzogin von Coburg mit großem Enthusiasmns ausgenommen worden. Wie». In Fünfhaus wurde Montag׳ den 26. Jänner der '70. Geburtstag des Rabtiners der israelitischen Cultusgemeinde im Bezirke Sechshaus und Mitgliedes des Bezirksschulrathes, Dr. Schmiedl. festlich begangen. In der reich geschmückten Synagoge waren mehr als tausend Personen aller Confessionen anwesend. Unter den Ehrengasten sah man: Bezirkshauptmann Ritter v. Berndt, Polizeibezirksleiter Polizeirath Wisokomeytsky, zahlreiche Beamte der Bezirks Hauptmann- ׳schaft und Mitglieder der Vororte-Gemeindevertretunzen, den Prästdenten der Wiener Cultusgemeinde Wilhelm Ritter v. Gut mann, Gemeinderath Simon, Abgeordneten Dr. Bloch, den Herausgeber der ,Cantoren- Zeitung' Obercantor Bauer, Cantor Blatt, Obercantor Dünmann, Director Wastl und den Lehrkörper des Staatsgymnasinms in Meidling rc. Nach einem vom Obercantor Jnrberger unter Begleitung des Chor- Personals vorgetragenen Psalm hielt Rabbiner Dr. Güdemann die 'Festrede. Ergriffen sprach Dr. Schmiedl einige Worte deS Dankes und schloß mit einem Hoch ans den Kaiser, worauf die Versammlung die Volkshymue sang. Wien. Sonntag den 25. Jänner fand in Löbl's Restauration. VI. Kasernengasse 20, die Constituirung des Wiener Schächter-Vereines ..,,Awaudas liakaudesch“ statt, dessen Statuten bereits behördlich genehmigt sind.'Der Verein entstand aus der unter den ehrbaren und wahrhaft religiösen Schächtern austauchenden Erkenntnis, dass die religiöse Handhabung der Schechita, die namentlich in letzter Zeit in- und außerhalb Wien'S einer öfteren Kritik unterworfen wurde, von der Gesammtheit der Schächter srlbst strenge controlirt und so daS Ansehen des Standes gewahrt werden müsse. In den Vorstand wurden gewählt die Herren: Goldmann (Obmann), Stärk. Schimmerling. Allenberg, Blau und Toch. Zugleich wurde beschloffen, dem Wiener Rabbinate ein Memorandum mit folgender Birte zu unterbreiten : ,Der Verein ״Awaudas hakaudesch“ ersucht, das ehrwürdige möge sämmtliche 112 Schächter nach gewissen Serien zum strengen Nissojaun berufen.' Wien. Der verantwortliche Redakteur unseres Blattes. Herr Alois Kulka, begeht in der nächsten Woche de» 25 jährige» Gedenktag deS Beginnes seiner cantoralen Laufbahn. Kulka war früher Obercantor in Lundenbnrg, Cantor am Leopoldstädter Tempel in Wien und nachher im VI. Bezirk. Er zählte zu den stimmbegabtesten Sängern und erfreute sich als solcher unter den Berufs» genoffen eines guten Rufes. Bemerkenswerth ist, dass Cantoren in hervorragenden Stellungen, wie Birnbaum in Königsberg, LazarnS in Hannover — dieser war an seiner Seite auch zweiter Cantor in Lundenbnrg — u. A., bei ihm als Nssekursrina sangen und dadurch die erste Anregung zur cantoralen Laufbahn erhielten. Seit einigen Jahren gehört wol Kulka nicht mehr ganz unserem Berufe an, da er nur mehr an den hohen Feiertagen in dem von der Wiener Cultusgemeinde im Musikvereinssaale veranstalteten Gottesdienste vorbetet, und widmet sich fast ausschließsichfeiner anSgebreiteten journalistischen Thätigkeit. Auch in dieser B rufssphäre hat sich Kulka viel Anerkennung erworben, die in der Verleihung mehrerer Orden Ausdruck gefunden hat. Wir rufen dem wackeren Jubilar ein herzliches Prosit zu und wünschen ihn» ein noch langjähriges, erfolgreiches Wirken. Wie». Der in Fünfhaus bekannte reiche Hausbesitzer und Fleisch» Hauer Joseph Wienner hält es mit seinem enragirte» Antisemitismus ganz gut verträglich, in seinem Hause, Fünfhausgaffe Nr. 8, auch Parteien israelitischer Confession — Zins zahlen zu taffen. Zn diesen Miethparteien gehörte die Buchhalters-Familie Weinreb. AnS einem wahrhaft geringfügigen Antaffe fiel Amalie Wienner. die Gattin deS Fleischhauers, mit einer Flnth nicht wiederzugebender Schimpsworte und Schmähungen, welche nur daS antisemitischen Lexikon, kennt, über die Frau her und provocirte einen derartigen Scandal, dass die Wohn- Parteien auf den Gang gelaufen kamen. Hiebei seclludirteu ihr die Frauen Agnes Kocutheuer und Marie Wittge lebhaft. Weit ernster wurde die Situation für Frau Weinreb, als Wienner in eigener Person die Treppe hinaufstürmte, die versperrte Thür der Weiilreb'scheu Wohnung mit Gewalt ausreißea wollte, den Glockenzug abriss und mit der Drohung: ,Ich muß die Judenbrut erschlagen!' gegen daS ans den Gang gehende Kücheuseuster mehrere Schläge führte. Frau Weinreb Dort ai-gelangt, obwohl müde von der Reise und kaum restaurirt, gieug er mit seinem Freunde ins Theater, wo der ,Frei- "schütz" gegeben würde. Um 50 Pfennige gelangte» sie auf den höchsten Platz des Hauses. Die Musik begann. Der Seminarist war ganz entzückt und stieß öfter den neben ihm sitzenden Karl in den Arm, wenn eine schöne Arie vorkam. Dieser aber saß bewegungslos da, so -dass es dem Freunde endlich auffiel. ,Hier wärest Du am Platze, ׳Freund!* rief er ans, als der Akt beendet und der Vorhang gefallen war. ,Du würdest deine Geige mindestens so gut spielen, als Einer der Musiker da unten. — Aber Junge! was hast Du denn? ich glaube .gar, Du weinst.' Es war so. — Mit Thräneu in den Augen saß Karl da, in -sichtbarer Aufregung. — ,£),״ sagte er endlich für sich hin, .wäre ich daheim geblieben! Jetzt weiß ich, dass mein Spiel nichts ist, gar nichts!' Traurig ließ er den Kopf hängen; aber bald wurde er wieder ׳ hingerissen von der herrlichen Musik, über welche er sich selbst und Alles um sich her vergaß. Nach Schluss der Oper begaben sich die Freunde in ihre Wohnung, wo sie lange ihre Ansichten über Musik und Kunftleistung austauschteu, bis der Schlaf sie überwältigte. Am andern Morgen uneinte der Seminarist. dass Karl in der Hauptstadt bleiben müffe, iUtn sich ganz der Musik zu widmen, denn in G. würde er doch nur ein Stümper bleiben. Um 10 Uhr begaben sich die Freunde zu einem -Professor des Conservatoriums, der unseren Seminaristen kannte. Nach üblichen Redensarten musste Karl Einiges spielen, zuerst nach freier Wahl, daun etwas vom Blatte. Anfangs wollte der Ton nicht heraus, es war fast ats ob der Geigenbogen zitterte; nach und nach abcr ka»n er so in» Feuer, dass er Alles um sich her vergaß und mit Begeisterung die schwierigsten Stellen vortrug. ,Brav, recht brav', bemerkte dcr Meister öfter während des Spieles, und übernahm schließlich seine Ausbildung. Karl war nun ganz beseelt, seinen Studien sich ungestört hingeben zu können und fühlte sich recht glücklich. Bereits nach einem halben Jahre trat er in einem Concert mit Beifall auf. Wer war glücklicher als Karl! Der Vater sah langsam aber sicher seinen Wunsch in Er» füllung gehen. Wohl ein und ein halbes Jahr lang hatte Karl seine vollste Befriedigung in der Kunst gefunden; allein die vielen ,Freunde * und ,Freundinnen' vom Theater, der Geschmack an Wein und Champagner, eleganter Kleidung und Wohnung, dcr ,seine Ton' — das hietz gelebt, das war ein Dasein, wie es sich nach feinen nu»mehrigen Begriffen für einen jungen Künstler geziemte. Eines Morgens, nachdern Karl den Abend zuvor, statt rechtzeitig im Concert zu erscheinen, bei Wein sich seines Daseins gefreut hatte, wurde er zum Director gerufen, dev ihn wegen vielfach wiederholter Nachlässigkeit die Entlassung von seiner Stelle anzeigte. (Fortsetzung folgt).

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