Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 4 (1.2.1891)
- Date
- 1891-02-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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1■ i ’ M׳ I W. W:: -L — Geht ein Pristcr durch das Dorf, so darf er sich auf alle Grobheiten von Kindern und erwachsenen Juden gefasst machen; wird nun das heil. Sacrament zu einem Kranken in Prozession getragen, 10 kennt die Spott-und Schmähsucht der Juden keine Grenzen. Die hier auszcdrückten Ansichten über die Hebräer waren nicht etwa geheim und nur in den eingereichten Vorstellungen enthalten, sondern verpflanzten sich von Geschlecht zu Geschlecht fort, bis sich eine Gelegenheit zum Auk-bruche des lange genährten Hasses darbet. . Als in der zweiten Hälfte des Octobers 1744 die Kraischüsse und Feuersignale den ersten Ausschuß zu den Waffen riefen (gegen die Franzosen), schien cs dem gemeinen Manne Anerträglich, dass der Jude ruhig und ungehindert seinem Handel und Schacher nachgehen und alles mit dem Gelde, das er dem Christen abwncherte, auSgleichen konnte, während der Bauersrnann Haus und Hör, Weib und Kind verlassen und sein Leben für das Vaterland einsetzen müsse. Zn dieser Stimmung gesellten sich einige 20 junge Leute aus Laterns. und Sulz zusammen, drangen vor dem Abmarsche in das Haus des Josle.Levi — Salomonssohn —- zerschlugen einen Spiegel und andere unbedeutende Mobilien, ließen aber alles andere unaugetastet, bis auf einen braunen Mantel, den einer zum Schutze gegen die Kälte mituahm. Mit dem Ausrücken des Landsturmes in den lehren Lagen des Octobers wiederholte sich die Aengstigung der Juden; Angehörige der Gemeinde Nankrveil wählten sich drei Judenhäuser zum Angriffe, schlugen Thüreu, Fenster, Oefen und Geräthschasten zusammen, fanden sie irgend ein taugliches Kleidnugsstück für sich, so machten sie sich keine Gewisscnssache daraus und ließen ״cs mit lausen. Jämmerliches Klagegeschrei wurde von den Juden bei dem Vogteiamte zu Feldkirch erhoben, doch dieses war außer Stand, wirksam cii.znfchreitcn, denn alles streitbare Volk war an die Grenzen gezogen, und es schien nicht an der Zeit zu sein, die Schuldigen hcrausznlesen und zu bestrafen. Die Hebräer zu Sulz erholten sich wieder von ihrem Schrecken, besserten die Wohnungen ans und trieben ihre Geschäfte fort. Bei der Heimkebr des Landsturmes am 10. und 11. November fielen zwar wieder einige Störungen der Juden vor, doch nicht in dem Grade wie beim Auszüge. Alles schien jetzt ruhig, aber im Stillen reifte der Untergang der Hebräer. Der Wunsch, .ihrer los zu sein, wurde von geistlicher und weltlicher Seite nicht geheim gehalten, doch verwahrte man sich gegen Anwendung gesetzwidriger Mittel, in welchen aber das Landvolk keinen gar feinen Unterschied machte. Am 21. December versammelten sich einige Nädelssührer in der Sägemühle bei Sulz.und verabredeten sich, die Judenwohnungen zu vertilgen und mit dem Hans des Emannel Wolf den Anfang zu machen. Gin Fingerzeig hievon bewog die Juden zur Flucht, sie zerstreuten sich in die Schweiz, nach Vaduz und Hohencmbs, und aus diesen Entschluss schienen die feindseligen Einwohner gewartet zu haben. In der folgenden Nacht giengen die Thäter mit vermummten oder geschwärzten Gesichtern an die - Arbeit, Fenerhacken, Aexte, Hebel u. dgl. wurden berbeigeholr, und unter Flinten und Pistolen״ schlissen wurde das erste Judenhans bis an das wenige Gemäuer, daß zu den Feuerstätten gedient hatte, der Erde gleich gemacht. Am 22. December Nachts gienz das nämliche Spiel wieder an, und das zweite Haus fiel unter den Händen der Stürmende» deren Zahl sich schon bedeutend vergrößert hätte. (Schluss folgt.) Kteine "\. Wie». (Der Czar und die Inden.) Aus Petersburg wird folgende, die Ansicht des Kaisers Alexander chaiakterisierende Geschichte berichtet: Einem reichen und gelehrten Juden war es mit großer Mühe gelnngen, ein langes Memorandum über die Lage der russischen Inden zur Kenntnis deS Czaren zu bringen. In diesem Schriftstück wurde darauf .biuzewiesen, dass es im Interesse Russlands selbst liege, wenn die Verfolgung gegen die Juden anfhörten. D.׳r Kaiser laS das Memorandum aufmerksam durch und schrieb dann Folgendes an den Rand.: ,Dieses Memorandum ist in sehr bemelkenswerter Weise geschrieben. Es enthält sehr schlagende Gründe, bisweilen wird es beredt, und es bringt Thatsachen ans Licht, welche sehr betrübend sind, aber wir sollen nie vergessen, dass es die Juden waren, welche unfern Herrn kreuzigten und sein heiliges Blut vergossen, habend j|;: ffe Die Rückkehr. Eine Skizze von M. Tintner, Cantor und Lehrer, Bmizlau Preuß.-Schlesien. Motto: »DerMensch erkennt sich nur im Menschen, nur das Leben lehrt jedem, was cr sei." (Gothe.) Seit vielen Jahren lebte Lehrer Kraus in der Gemeinde G. Reben dem Schuldienste, war er auch Cantor. Er'war der Mann,, welcher mit heiligem Eifer seiner Gemeinde durch Lehre und Beispiel vortrefflich als Muster diente. Durch seine Thaten zeigte cr, dass die Religion Wahrheit in ihm sei; -.er trieb mit dem Worte Gottes keinen Handel. Als Cantor unterwies Kraus seine Schüler auch im Singe», um den Gottesdienst würdig zu gestalten. Er war es aber auch, der den neuen Erdenbürger Ostorv uleebuppa ulemaasim towim einseguete, die Brautleute mit einem Mi addir begrüßte, wenn er den Segen des Himmels für den Ehebuud erflehte, und er war es wieder, der mit dem ernsten Hazur tomim poolo der irdischen Hülle des Dahingeschiedeuen das letzte Geleite gab. Aber auch als Prediger wirkte er veredelnd auf seine Gemeinde, er förderte solche Wahrheiten, welche den׳ größten Einfluss auf das allgemeine Wohl hatten und die Kraft besaßen, die Herzen zum Guten muzuregen. Kein Beruf hat so viele bedeutungsvolle. Seiten,' als der eines jüdischen CultnSbeamteu, wenn dieser ihn recht zu würdigen versteht, und das war bei unserm Kraus der Fall. Diesem vielseitigen Amte verdankte er aber auch besonders seine große Popularität bei der Gemeinde und bei allen Bewohnern des l Städtchens. Verheiratet lebte er mit seiner treuen Gattin, die Freud und Leid inniglich mit ihrem Manne theilte. Die ׳Ehe war durch zwei kräftige Knaben gesegnet. Der Aeltere,' Karl, war ein Genie ganz eigener Art, wie es übrigens deren viele ähnliche gibt, er spielte Violine und Clavier und war seinem jüngeren Bruder Moritz, sonst ein fleißiger Knabe, in vielen Stücken voraus. Obzwar die Mutter keine Neigung hatte, ihren Karl dem Künstlerberus zuzilführen, war es dennoch der Herzenwnnsch des Vaters. Die beiden Knaben waren die Lieblinge der Gemeinde, sie sangen die Solls und hielten so zu sagen den Chorgesang. So vergieng ein Jahr ums andere. Ein ehemaliger Cantor, jetzt Vorsteher der Gemeinde G-i hatte zwar ^schou öfters davon gesprochen, man sollte Karl nach der Hauptstadt blingeu, um ihm die Künstlerlaufbahu zu eröffnen, allein stets kam wieder etwas dazwischen, und am meisten Widerstand fand der Plan an der Gesiniiulig der Mutter. Leider kam bald die Zeit,, wo die gute Frau . nichts mehr zu sagen hatte. Eines Tages gieng^ ein Leiche,»zug - dem ,guten Ort" zu, dem LehrerKraus niid seine beiden Söhne folgten — der Bahre der treuen, umsichtigen Gattin und Mutter. Karl war damals 18 Jahre alt. Von jetzt an wollte es ihn nicht mehr in G. leiden. Als er. von einem Schulfreunde, der seit einem Jahre in der Hauptstadt das Seminar, besuchte,'ein ,Schreiben erhielt, worin derselbe ihm von den Opern und Concerten schrieb, die man dort hören könne, da bat Karl den..Vaterum Erlaubnis, den Freund besuchen zu dürfen, und er erhielt sie. 6107