Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 4 (1.2.1891)
- Date
- 1891-02-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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«hob durch ihren Vertreter Dr. Friedländer hierüber bei dem Bezirksgerichte Mnfhaus Klage. Dieser betonte in der heutigen Verhandlung, dass ru Deutschland jüngst ein Regierungserlass erschienen sei, der die Ahndung von Ehrenbeleidigungeu, Welche der Gehässigkeit gegen eine Confession entsprungen seien, durch die Staatsanwaltschaften anvrdne. Gr beantrage wegen Statuirung eines Exempels die Verhängung einer empfindlichen Arreststrafe, und der Richter fällte auch das Urtheil ru diesem Sinne. Zoseph Wienner erhielt acht Tage Arrest zuerkannt, Amalie Wienner, Agnes Korntheuer und Marie Wittge wurden zu je drei Tagen Arrest verurtheilt. Zu der Begründung des Erkenntnißes sagte Richter Dr. Hörn es, dass hier von einer .Geldstrafe Umgang zu nehmen und eine Arreststrafe auszufprecheu gewesen fei, weil aus der Handlungweife der Angeklagten eine besondere Gehässtgkeit gegen eine Confession her׳ Lorgche nnd dieselbe eine Brutalität und Rohheit bilde, welche empfindlich gestraft werden müssen. Atzgersdorf. Die Nachricht, wie sich ein christlicher Ortsschulrath für das Gedeihen des jüdischen Religionsunterrichtes so sorgfältig interessirt, durfte der große Lesekreis dieses Blattes mit Applaus an- Horen und berzinnig begrüßen. Herr W a c k a, Kaunnann, Realitätenbescher und Schulrath in Atzgersdorf, der wegen seiner Geistesbildung, seines toleranten Charakters und strengen GercchtigkeitsfinneS die Hochachtung der ganzen Ortsgemeinde Atzgersdorf, ohne Unterschied der Confession. im reichsten Maße genießt, richtet sein besonderes Augenmerk ans den Religionsunterricht. Er besucht sehr oft die jüdische Religivnsschule, wohnt dem Unterricht längere Zeit an nnd überzeugt sich gern selbst von den Fortschritt׳« der Schüler. So geschah es auch jüngst, und der Herr Schulrath nahm hiebei Gelegenheit, den Schülern Die Wichtigkeit der Religion klarzulegeu und sie zum strengsten Gehorsam gegen den Neligionslehler zu verpflichten. Zugleich ersuchte er Herrn Allenberg, diejenigen Schüler, welche unregelmäßig die Schule besuchen, nur ihm anzuzeigcn. da er düstlben dann zur Theil- ,rahme an dem Unterricht zwangsweise bemüssigen, sowie deren Eltern Verladen und kategorisch rügen werde. (Hätten die jüdischen Schulen lauter solche Schulräthe, so würden die Schuten nur ein ech t j ü d r ich e s Judeuthum ^hervorbririgen. Ehre dem Ehre gebührt! Tie Redaction.) Imigömlzlau. Tiefe Trauer erfüllt die Herzen unserer Geiitfhibe, denn Sonntag den 18. Jänner wurde eine edle, nur dem Glücke ihres Marines und ihrer Familie lebende Frau dem Dasein entrissen. — Dorothea Grüirwald, die liebevolle Gattin unseres verehrten Herrn Rabbiners Dr. M. Grünwald, ist nicht mehr. — Ein tückisches Leiden brach nach der Niederkurist mit einem vierten Kinde verdcrbenbriugend zu tödtlicher Wirkung hervor. Wer vermag den Schmerz Les tiefgebeugte» Gatten, wer die Theilnahme jedes Einzelnen für vier zurückgebliebene Kinder ermessen % Wer die biedere Frau gekannt, wer sie in dem stillen Walten ihrer Häuslichkeit beobachtete, wie sie stch in dieser Welt der Zufriedenheit mit sondergleicher Fürsorge jedem ihrer Kinder widmete, konnte sich der Wahrsprüche edler Dichter nicht erwehren, welche das Brederrveib so schön besingen: ,Wer ciu holdes Weib errungen, stimm' in unser» Jubel ein!' —Ach! Dieser Jubel war für vre sonnigen Tage des ehelichen Glückes nur zu kurz l Das süße Lallen nnd Jubiliren der Kinderschaar, welchem sie so gern ihr Ohr lieh, ist nun für sie verstummt, nnd in dem jugendlichen Alter von kaum 34 Zähren musste sie Alles verlassen, was liebend sie umschlungen! Dorothea Grünwald war die Tochter deS ebenso hochgelehrten, als frommen ObrrrabbinerS Rabbi Zosef Weiße in Waag-Neustadtl in Ungarn. Zu ihrem Wesen vereinte sich zu schönster Harmonie des-Vaters esfeneS Auftreten, und von der Mutter ein zum Wohlthnn hinneigendes Herz, nebst einem ausgebildeten Sinn für alles geistig Schöne. So oft Vater und Mutter ihre geliebten Angehörigen hier besuchten, konnte mau das innige Verhältnis zwischen Eltern, Tochter und Schwiegersohn nicht genug bewundern. Die Hingebung dieser Tochter zu ihren Eltern war in einer Wagschale mit der ihres Mannes, und wenn Neb Zosef Weiße von seinem ,Schatz' gesprochen, so glänzten seine Augen, als Beweis innerer, inniger Befriedigung. Nun werden diese beiden Zugrögel aus dem Süden, welche so viel Freude in's Hans gebracht, sich nicht mehr einstcllen. — Trotz der stillen Zurückgezogcnhe!1 und mancher in Hinsicht öffentlicher Theilnahme an Verguügungen selbstanferlegter Entbehrungen, wie es die kluge Rücksicht auf den Stand ihres Gatten forderte, war die Verblichene doch Gegenstand populärer Werthschätznng und großer Sympathie. Dies bewiesen auch die letzten Ehren, welche man ihr erwies. <3 — ׳״ ■■■-. Das Leichenbegängnis gestaltete sich zu einer großen Sympathie-׳ Kundgebung aller Kreise und Stände der hiesigen Bevölkerung. Wohl an tausend Menschen mögen die neuerbaute Leichenhalle gefüllt haben, um den Thräuen freien Laus zu lassen, die für die Allverehrte stoffen. Zwei Rabbiner, Herr Dr. Kisch aus Prag und Herr Dr. Thieberger׳ aus Jenikau, waren berufen, als Sprecher die hohen Tugenden der׳ Verblichenen über den Sarg zu verkünden; und sie thaten es mit der Ueberzeugung eines tiesfühlenden Bedürsnißes und Fülle der Sprache. Vorzugsweise Herr Dr. Alexander Kisch erschütterte mit einem Citat׳ des bezughabeuden Wochenabschnittes: ,Und die Kinder Israels zogen Unter Führung Mose nnd Mirjam von einem Ort zum andern, bis sie endlich nach Moroso, an den bittern Ort kamen', wohin auch^ wir mit unserer Unglückliche» gerieten! Vollends erklommen wurde die SchmerzeuSIeiter und aufs höchste gesteigert dieser unsägliche Schmer;, als der Bruder der Verstorbenen, Herr Landesrabbinev Dr. S. Weiße aus Dessau, den tiefen Riss des Familiellbandes׳ schilderte, ,die greisen Eltern, die sich dem Grabe viel näher glaubtenals Du. weinen in diesem.Augenblick Thränen des schwersten Kummers mit uns.' ,Es ist ja bekannt', sagte er dann, ,dass es die schönsten Blumen sind, welche der Gärtner zu allererst pflückt. Der große׳ Gärtner hat nun diesmal eine der berrlichsten Blumen aus dem Garten der Menschheit genommen.״ Auch er nahm einen biblischen Vergleich und griff in die Geschichte der Deborah ein. Deborahsaß und richtete zwischen Romo nnd Bes-Ehl. Romo ist das er» habene, das geistige Niveau, die Stätte der Bildung, Bes-Ehl das Religiöse, der göttliche Ort, und sowie es in heutiger Zeit ein schweres׳ Beginnen ist, das Göttliche, Religiöse mit gleicher Höhe des geistig Bildenden voll und ganz zu umfassen, so hat doch die edle Schwester Beides ans gleicher Höhe zu vereinen gesucht. Auch auf das innige,- zwischen ihm und der Theueren geherrschte Verhältnis kam er zu sprechen und schloss unter Schluchzen: ״Uri, Uri Devauro, wache ans! Wache aus! Deborah! Theure Schwester wache ans!" — Eswar dies ein tragischer Augenblick in des Wortes schwerwiegendster Bedeutung. — Der im tiefsten Jammer aufgelöste Gatte ließ es sich nicht nehmen, ebenfalls einige Worte des Dankes feiner liebevollen Gattin zuzurufen, und es hätte mögen Steine erweichen, so bemächtigte sich Rührung der ganzen Versammlung, da er die Edle einem der׳ größten Lehrer in Israel, Rabbi Jehudo ben hauassi gleichstellte, weil sie gleich diesem von Anspruchslosigkeit erfüllt war. Nach Absingen des Mendelsohu'schen Liedes ״Es ist bestimmt in Gottes Rath' durch den Gesangsverein ,Harmonia', wurde die Leiche ans der Halle getragen, wo sie dann in die kühle Erde gebettet wurde. Ein Trost ist dem Gatten und seinen Kindern geblieben, esist die außerordentliche Verehrung, welche in aller Herzen für die leider so früh Dahiugegangeue, wie ein ewiges Licht lodern und nie erlöschen wird! Friede ihrer Asche!! Benedict Singer, 1. Cantor. Merlin. D.r Verein zur Abwehr des Antisemitismus, der sich, wie bereits in vorletzter Nr. dieses Blattes gemeldet wurde, in Berlingebildet hat. erließ folgenden Ausruf, der von den hervorragendstem Gelehrten und Politikern Deutschlands ohne Unterschied der Confession gezeichnet ist: ,Gegen unsere jüdischen Mitbürger wird ein gehässiger׳ Kampf fortgesetzt, welcher der Natur unseres Volkes, seiner geschichtlichen Entwickelung und seiner Stellung unter den civilisie!ten Nationen zuwider ist. Sie werden als Fremdlinge dargestelll und als Menschen, welche die sittlichen Grundlagen des Staates nnd der Gesellschaft' gefährden. Die Aushebung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung istdas Ziel der antisemitischen Agitation. In einzelnen Bezirken deS Vaterlandes hat die antisemitische Bewegung größere Kreise, namentlich ans dem platten Lande ergriffen; auf ändere sie auszndehnen, ist mam eifrig am Werk. Die Unterzeichneten Mitglieder verschiedener religiöser׳ Bekentniße und politischer Parteien wollen der antisemitischen Agitationmit Wort und Schrift eutgegentreten. Sie wollen wirklich vorkommende׳ Ausschreitungen und Mißstände w.'der verhehlen noch entschnldigen, sondern durch positive Einwirknng, insbesondere auch durch wirthschaftliche^ Maßregeln, solche zu beseitigen suchen.' Der junge Verein hat bereitszahlreiche Beitrittserklärungen ans allen Gauen Deutschlande erhalten. -׳ Moin. Jüngst wurde hier ein Coneert veranstaltet, bei welchemnur allhebräische Mnsik zur Aufführung gelangte. Die hervorragendsten Kunstkräst.e Roms wirkte!! mit, und demgemäß war auch der Coucertsaal von den besten Kreisen de? Gesellschaft gefüllt. Die musikalischen Auf-׳ führnngen wurden durch einen geschichtlichen Vortrag den! Verständnisdes Publikums näher gebracht. Metersönrg, 21. Januar. Die judeu feindliche Strömung in den Blältern dauert zwar an; als eine indirecte Bestätignng der-