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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-01-21 · Heft 3 (21.1.1891) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 3 (21.1.1891)
Date
1891-01-21
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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London. Die von den Burgern Londons beschlossene Petition .an den Zaren Kat folgenden Wortlaut: Kaiserliche Majestät! Wir, die Burger von London, nahen ehr« fürchtevoll Ew. Majestät und bitten um allergnädigste Erlaubnis, Ew'. Majestät die' Sache der Unterdrückten vorzulegen. Von Tausenden in Ew. Majestät weitem Reiche sind Hilferufe zu uns gedrungen, undwir Engländer,, die wir für alle Nothleidsuden Mitleid fühlen, wenden uuS an Ew. Majestät mit der Bitte um Ew. kaiserliche Hilfe und Gnade.'Fünf Millionen Nnterthanen Ew Majestät seufzen unter dem Joche von Ausnahmegesetzen; Nachkommen einer Nasse. von welcher alle Religion kam, unsere und die.Eiv. Majestät und jegliches Bekenntnis, das an die Existenz eines Gottes glaubt; Leute, die mit allen Regungen ihres Herzens an ihrem alten Glauben und alten Cultus hängen, diese Juden sind in Ew. Majestät Reiche Gesetzen unterworfen, welche ihnen׳ Leben und Gedeihen unmöglich machen. Diese Gesetze, die aus den Zeiten stammen, wo religiöse Unduldsamkeit in fast jedem Staate herrschte, sind noch in jüngster Zeit verschärft worden Und' bedrücken mit fürchterlicher Schwere als eine unerträgliche Bürde die israelitischen Nnterthanen, errichten eine Schranke zwischen ihnen und ihren christlichen Landsleuten, machen eine Pariaskaste aus ihnen, erniedrigen sie und drücken ans sie daS Mal einer fluchbeladenen Rasse. Zusammengepfercht iu enge Grenzen innerhalb des weiten Reiches Ew. Majestät und selbst innerhalb dieser Gebiete gezwungen, Hauptsächlich in Städten zu leben, wo Armuth und Elend jeder Art strotzen, ist es ihnen benommen, sich frei-und ungehindert zu bewegen; durch Spezialgcsetze in jeder Unternehmung gehindert, dürfen sie weder Grundbesitz erwerben, noch irgend welche Interessen an solchem haben, so dass es ihnen, der meisten Erwerbszweige beraubt, nahezu unmöglich geworden ist, .ihr Leben zu fristen. Nicht allein dem Raume und der Wirkungssphäre nach, sind sie in jeder.Beziehung eingeengt. Man versagt ihnen die höhere Ausbildung und gestaltet ihnen dieselbe nur . in. einem Maße, welches wenig dem Umfange ihrer Bedürfniße und ihrer Aspiration entspricht. Sie können weder wie die übrigen Nnterthanen ungehindert die akademischen Berufsarten ' ergreifen und trotz aller Verdienste und aller Tapferkeit auf Beförderung in der Armee rechnen. Es ist nicht zu verwundern, wenn bei ihrem Ringen mit solchen Hindernißen im heißen Kampfe ums Leben die Fehler und Schwächen ihres Charakters besonders her-- vortreten und ihre mannigfachen Tugenden verdunkeln. Denn sie besitzen Tugenden. Diese Israeliten lieben ihr Vaterland, trotzdem die Gesetze sie für Fremdlinge erklären, sie dienen in der Armee Ew. kaiserlichen . Maj. in größerer Anzahl, als ihnen znkommen würde, sie kämpfen todesmuthig iu Russlands Schlachten und vergießen ihr Blut für das Wohl ihres Vaterlandes. Immer treu ergeben Ew. Majestät, bestreben sie sich, den Gesetzen zu gehorchen, so drückend ihre Last auch sein mag. und gehorsam den Befehlen ihres alten Gesetzbuches, beten sie in ihrem Synagogen für den Thron und das.Haus Ew. kaiserlichen Majestät. Kaiserliche Majestät! Wir, die wir gelernt haben, alle Confessionen zu dulden und Glaubensfreiheit für ein Zrchen wahrer Religion erachten, wir flehen Ew. Maj. an, diese A u s n a h m e g e s e tz e gegen, die Juden aufznheben- Geben E-v. kaiserliche Majestät-den Juden den Segen der Gleichheit vor dem Gesetz. Neberall, wo Juden gleiche Rechte besitzen, gedeihen die Völker. Wir bitten daher Ew. kaiserliche. Majestät, diese Ausnakmegesttze und NechtSbeschränkuugeu zu aunulliren,. welche die jüdischen Nnterlhanen Niederdrücken. Kaiserliche Majestät! Lassen Sie die Sonne kaiserlicher Gnade in ihre dunklen Hütte» leuchten und lassen Sie ihre väterliche Fürsorge dieselben beschirmen. Wie jedes Jahr die Vergrößerung und das Wachs hum von Ew. Maj. weitem -Reiche sieht, so möge Ew. kaiserliche Majestät ein neues EroberungSzebiet betreten, und durch Liese Emancipation auSgerufen werden zum Kaiser von 5 Millionen dankerfüllter Herzen. Kaiserliche Majestät! Ihre königliche Schwester, unsere Kaiserin Königin (Gott schütze sie!) baut ihren Thron auf die Liebe ihres Volkes, indem sie dessen G ück und Gedeihen zu dem ihrigen macht. So möge Ew. Majestät aus der Liebe Ihres Volkes Macht und Glück schöpfen; möge diese Liebe Ew. Majestät gewaltiges R ich noch gewaltiger, Ew. Majestät Thron fest und unerschütterlich machen nnd neue Segnungen auf das HauS Ew. kaiserlichen Majestät ergießen. Im Namen der Bürger Londons, Joseph S a vo r y. Lord Mayor.' Der Lord Mayor hat die vorstehende Denkschrift dem General- Lieutenant Richter als Adjutanten für Bittschriften des Czaren übersandt. In dem Begleitschreiben hebt der Lord Mayor hervor, dass den Bittschriststellern jedes politische Motiv ferulieg׳. Das ,Court Circular' berichtet ans angeblich zuverlässiger Quelle, dass die Königin ein eigenhändiges Schreiben in Sachen der russischeu Judenverfolgungen an den Czaren richten wird. JungKlMZkL». Am 18. d. M. verschied Frau Dorothea Grünwald, die edle Gattin unseres hochgeachteten Herrn Rabbiners Dr. Grür'wald. Das Leichenbegängnis fand Dienstag den 20. d. M. 2 Uhr Nachmittags unter zahlreicher Theilnahme der Bevölkerung statt. (Wir sprechen unserem sehr geschätzten Mitarbeiter, Se. Ehrw. Herrn Dr. Grünwald, unser tiefstes Beileid auS. — D ie Re d acti o n.) Arag. Ein Fall a la Tisza-Ezlar hatte in Kolitt a. d. E. eine ganz entgegengesetzte Wirkung. Vor Ostern v. I. verbreitete sich daselbst das Gerücht, dass ein Bäckerjunge bei dem jüdischen Kaufmann Morgenstern bis 10 Uhr Nachts im Keller eingesperrt war, nnd wussteder Znuge nicht genug Aufhebens von der Angst, die er aussteheu musste, zu erzählen. Die städtische Polizei unterzog den Jungen einem Verhöre, und es stellte sich heraus, dass derselbe das Begebnis erfunden und in böswilliger Absicht auSgestreut hatte. Vor Kurzem wurde der cinquartute wurde bald das schönste , Stübel' angewiesen. Noch immer wusste der Wirth nicht, wer sein Gast sei, als sein Blick einen Koffer streifte, auf welchem mit großen hebräischen Lettern zu lesen war: »Rabbi Jakow Lai schein aus I a s s i.' Die Bestürzung des Wirthes, nachdem er diese Inschrift gelesen, entgieng Jakow nicht': ״Aha!' rief er lächelnd aus, ,,mein Koffer hat mich verrathen!" Jakow erklärte nun dem Wirthe, dass er unr als Privatmann hier zu wohnen wünsche und heut' Abend in Schul' gehen werde. ,Das trifft sich heute großartig, das wird ein oneg schabbos werden," sagt der Gastwirth freudestrahlend, ,,denn Reb Chone Chasau auS Brodi wird oren. ,Schade, schade', rief jener aus ,dann werde ich lieber vorziehen, meine Tefilla zu Hause zu verrichten, denn an solch' herumziehenden Chasonim ist keine Lroche; doch bine Regel ohne Ausnahme, vielleicht täusche ich mich. Wie heißt der Chasau?' ,Rb Chone aus Brodi' antwortete der Wirth. ,So so, Reb Chone Chasau, ja den lasse ich mir gefallen, der kann sich getrost hören lassen, ein feiner Chasau, jag ich Euch, eine Stimme so süß wie Honig!' chetheuerte Jakow. Inzwischen war Chone vom Vorsteher mit der Erlaubnis, ,Schabbos vorbeten zu dürfen, znrückgekehrt und trat luftig und vergnügt, wie eS sein Metier mit sich brachte, in die Schenkstnb-: und fesselte bald die Gesellschaft durch daS Erzählen von Anekdoten. Die Anwesenden waren entzückt von dem Chasau und freuten sich schon im Voraus, den vorzüglichen Gesellschafter auch als Chasau zu hören. Nachdem Chone eine geraume Zeit unter den Wirthshausgästen geweilt hatte, erhob er sich, um sich in sein Zimnrer zurückzuziehen, doch als er einige Schritte gegangen war. blieb er stehen und sagte zum Wirth: ,Wer ist denn noch über Schabbos eingckehrt, es steht ja ein zweiter Wagen dor der Thür?' ״Schah!“ zischte der Wirth. ,RabbiJakow'La! sehen» aus Jassi.' ,Wer?' schrie der Chasan wieder inS Gastzimmer tretend: ,dieser Betrüger, dieser am hoorsz!“ Alle sahen einander bestürzt an. ,Ihr kennt den La! sehen»?“ fragte der Wirth betroffen. ,Ob ich ihn kenne, so gut wie ich mich kenne!' rief Chone entrüstet. ,Leute! Lasset Euch nicht austachen nnd nennt doch diesen Betrüger nicht Lai schem, ein Nichts ist Er!'' ,Chasan! Sie thun dem Manne unrecht', vertheidigte der Wirth, ,das hat er nicht verdient; denn als ich ihm vorher Ihren Namen nannte, lobte er Sie über alle Maßen.' ,Ich bin ihm sehr dankbar für fein Lob!' spöttelte der Chasan. ,Ich bedarf, Gott sei Dank, feines Lobes nicht, mich kennt man in der

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