Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1891)
- Date
- 1891-01-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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er Deiner, so verfuhrt er Dich, lächelt Dich an und macht Dir Hoffnung. Jedes lebende Geschöpf liebt Seinesgleichen, und jeder Mensch seinen Nächsten. Alle Kreatur vereinigt sich nach Geschlechter«, und Seinesgleichen schließt sich der Mann an. Welche Gemeinschaft bat der Wolf mit dem Lamme? So hat keine der Sünder mit dem Frommen. Welchen Frieden hält die Hyäne mit dem Hunde, und welchen Frieden der Reiche mit dem Armen? Jagdbeute des Löwen sind die Waldesel in den Steppen, io sind die Weiden der Neichen die Armen. Ein Gräuel ist dem Hochmuthigen die Niedrigkeit, so ist ein Gräuel dem Neichen der Arme.' (Sirach 13, 1. ff.) Der Verfasser scheint sehr gegen das Capital zu kämpfen, ein getreues Bild unseres Zeitalters; es gibt doch nicht Neues unter der Sonne, Alles schon da gewesen. Sirach rügt den unzüchtigen Verkehr der Geschlechter, warnt vor dem Umgang mit Sängerinnen und Tänzerinnen, vor der schönen Sünde, welche die Judäer von den Griechen gelernt hatten. Er entwarf in einem Spruche ein hässliches Bild von den Töchtern Israels, wenn vielleicht auch übertrieben, sie jedoch nicht in günstigem Lichte zeigt. ,Eine Tochter ist ihrem Vater ein geheimer Kummer, und die Sorge um sie raubt ihm den Schlaf. In ihrer Jugend, dass sie nicht verblühe, und verheirathet, dass sie nicht gehasst Werde. In ihrer Jungfräulichkeit, dass sie nicht geschändet und in ihrem Vaterhause schwanger werde.' (Das. 42, 9.) Diese angeführten Sprüche des Sirach werden auch im Talmud (Sanh. 100 b.) angeführt und einer Polemik unterzogen, auf die sich Nabbi Josef stützt, dass das Buch ״Ben-Sira“ den Büchern der Z’dukim, Sadduzäer, gleichznstellen ist, die nicht gelesen werden dürfen. Dazu bemerkt Raschi, Schlagwort Z’dukim, weil sie leugnen an den lebenden einzigen Gott (schekofrin b’El chaj.) Wo hat denn Naschi diese Behauptung her? Die Sadduzäer glaubten nur nicht au die mündliche Lehre, Tradition, sie glaubten nicht an die Unsterblichkeit der Seele, aber an die Thora hielten sie fest, folglich auch an das Gebet: ״Sch’ma Jisroel“, an den Glauben des einzigen Gottes. Wie kann also Naschi diese Behauptung aufstellen? Ist es doch bekannt, dass von den Sadduzäern auch Hohepriester fungirten, wurden I Gottesleugner zu solchen Stetten zugelassen werden? Zwar ist diese Raschistette eingeklammert und vielleicht von jemand Anderem commentirt; aber wie durfte diese Erklärung ausgenommen werden? Wir stehen hier vor einen Nätbsel. Sirach war ein treuer Anhänger des Hohenpriesters Simon der Gerechten (8dumon Hazadik), den er hochachtete und bewunderte. Er feierte in seinem Spruchbuche denselben mit glühender Begeisterung. Wir setzen einige seiner Verse hierher: ,Wie herrlich strahlte er, wenn ihn das Volk umgab, wenn er aus dem Vorhang des Atterheiligsten trat! Er glänzte gleich dem Morgenstern, der das Gewölk durchsticht, an Milde gleich der Mondesfcheibe, wenn vott sie ist und ganz. An Majestät der Sonne gleich, die rosig färbt die Tempelzinnen, an Farbenpracht der Regenbogen, der glänzend sich am Himmel zeigt. Lieblich, wie die Nose, die den Frühling ziert— rein wie die Lilie, die prangt am Wafserquett— dem Oelbaum gleicht er, der reiche Früchte trägt — und der Cypresfe auch, die hoch und stolz cmporragt — er gleicht der Ceder, die Libanons Gebirge krönt — gleich Palmen umsteht ihn die Schaar seiner Brüder.' Das sind echt feierliche Töne, wahre poetische Ergüsse. Welcher Cantor wird sich dabei nicht erinnern an die Jozarstelle im Mussafgebete von Jom Kipur mit dem Schlagworte: ״Mar’eh Kohen?a W.r. (Fortsetzung folgt.) Geliewrdmmg zur heiligen Weihe. Bon M. Tintner, Cantor und Lehrer in Bunzla». Besprochen von G. Nathan, Lehrer rc. in Janowitz. Das Interesse der jüdischen Gemeinden, nicht nur ihrer gesanzübcnden Funktionäre, an synagogalen Musikwerken leitet sich vorzugsweise von dem in immer weiteren Kreisen erkannten und sich fühlbar machenden Bedürsniße eines einfach erhabenen Gemeindegesanges im Gottesdienste und einer ästbetisch-besncdigenden Gestaltung desselben her. Es ist eine gebieterische Forderung der Jetztzeit, jedes zu diesem Zwecke auftretende Streben wohl zu beachten und zu unterstützen, insbesondere auch im Hinblick auf die attbekannte Nothlage, in der sich viele Gemeinden mit dem religiösen Unterricht und der Erziehung ihrer Kinder für das Judenthum der Zukunft befinden. Man liebt und schätzt höher den blendendenSchein einen gesanges.technisch gebildeten, als,,großer" Chafan anftretenden Cantor, als das in zäher, mühseliger Arbeit sich darstellende Wirken eines berufslüchtigen NeligonslehrerS. Für Jenen pflegt in unseren Gemeinden in der Regel kein Opfer zu gering, hingegen für Dielen fast jedes zu groß zu sein. Keine, auch nicht die kleinste Gemeinde mag eines sangesfertigen Cantors entbehren; auf einen guten und zeitgemäß gebildeten Lehrer wird jedoch nur in zweiter, wenn nicht letzter Linie gesehen. Dieser Umstand ist bei der Wahl eines Cultusbeamten, des einzigen in vielen kleinen Gemeinden für ake religiösen Funktionen, gewöhnlich ausschlaggebend und hauptsächlich mitwirkend zu der vielbeklagten Nothlage in der religiösen Erziehung. Das Heil liegt daher heutzutage in einem geregelten Gemeindegefana, in welchem alle Sangeskräfte auch der kleinsten Gemeinde nutzb«r gemacht und der Schwerpunkt der gottesdienstlichen Erbauung in die Gemeinde selbst verlegt werden kann. Alsdann wird, ungleich öfter als bisher, der Lehrer in Aufnahme und Geltung kommen, statt des bloßen .Cantors' — und der beregte Nothstand wird um vieles eher gehoben sein. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachten wir das jüngste Werk musikalischer Composition, das auf allgemeine Einführung eines zeitgemäßen, ästhetisch vollauf befriedigenden Gemeindege» sanges in unseren Synagogen abzielt. Es ist ein Werk des würdigen, rühmlichst bekannten Cantorö und Lehrers, Herrn M. Tintner in Bunzlau, welches unter dem Titel: ׳,סדר הדרת קודש" oder .Gebetordnung zur heiligen Weihe' im Selbstverläge des Verfassers, bezw. Herausgebers, erschienen ist und bereits vielfache Verbreitung gefunden hat. Das Buch ist ganz eigen» artig angelegt. Es sott, wie der Verfasser in der Vorrede sich auSdrückt, ein ״Kol־bo“ für den Cultusbeamten der Neuzeit sein, der zumeist auch ein Kolbo sei» muß. In der That ist dieser הדר״ק ein vollständiges Compendium des gesammten Synagogen. Cyklns zunächst für den cantoralen und Gemeinde-Gesang. Es sind nicht lauter Neuheiten, die das Werk darbietet, aber es ist ein höchst sorgfältig und planmäßig ausgearbeitetes Werk, welches, aus dem beregten allgemeinen Bedürfnis hervorgegangen, diesem in verständnisinniger, kunstgemäßer Weise entgegenkommt. Es bietet dem zeitgemäß strebenden Cultusbeamten eine zuverlässige Handhabe, sowohl für die praktische Einübung und Ausführung aller gottesdienstlichen Gesänge, Rezitativs und Chöre, als auch für die Erbauung der Gemeinde und Hebung der Andacht in allen Casualien nach den Erfordernißen der Neuzeit. Dieses Werk macht, so zu sagen, eine ganze Bibliotbck entbehrlich, leitet an und bildet den dasselbe fleißig benützenden Beamten zu einem ,Cultusbeamten', wie er sein sott. Eine Reihe deutscher Gesäuge und Gebete, in alle Theile des Werkes eingelegt, kann ihn befähigen, den mannigfachsten Ansprüchen an Gebets» und