Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1891)
- Date
- 1891-01-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Im Dienste der Austilärnng IV. Berlin, im Jänner 1891. Der vierte der angekündigten Vorträge des Herrn Pastor jsrhn. Ziegler beschäftigte sich mit dem Judenthum zur Zeit Christi, und entwickelte der Vortragende vor Allem den totalen Unterschied im äußeren Leben und in der religiösen Grundanschauung Israels vor und nach dem babylonischen Exil. Die neue /Colonisation Palästinas unter Serubabel's und vor Allem unter Esra's Führung halte den einen großen Vorzug vor den früheren Zeiten-selbst- Ftändigen nationalen Lebens, dass nunmehr allseitig anerkannt «nd unwidersprochen, ossiciell gesickert der Monotheismus dastand And directer Abfall zu den Naturculten der Nachbarcn ein für alle Male ausgeschlossen war. Dieser Vorzug aber gieng Hand Zn Hand mit einem viel größeren Nacktheit: die Grundlage dieser Neubegründung der Theokratie war einzig und allein das Ges e tz die Quelle und Kraft der alten Theokratie, das Prophetenthum, die lebendige und freie Stimme Gottes trat bald zurück, ja diese Stimme schwieg dann überhaupt. Der Redner wies nach, dass die Gesetzgebung, welche nicht rtwa ein mit einem Male fertig gestelltes Werk gewesen sei, sondern sehr verschiedenen und weit auseinander liegenden Zeilen entstamme, überhaupt durch Esra ihren Abschluss gefun den habe. Und Zwar geschah dies im Sinne einer strengen Abschließung des Volkes Zu Leben und Sitte von jeglicher Berührung mit dem Heiden- Zhum (Verbot der Verheirathung mit Weibern anderer Völker) Und einer durchgeführten Concentration des Cultus um den ^neuen Tempel, sowie im Sinne einer gesetzlichen Gleichgestaltung aller Glieder des Volkes. Dies war der Weg des Zwanges statt des bisherigen Weges des frei von Gott empfangenen Geistes. Und Weil das Wort Gottes nun nicht mehr ursprünglich in der Ge- Hcnwart gehört und verkündet würde, sondern nur noch als ein geschriebenes, vielfach für die ganz andersartiger: gegenwärtigen Verhältniße unverständlich gewordenes, dunkles Wort vorlag. so Oednrste es der gclehr'-en Auslegung. Und so entstand denn mit Eira die dem nach!xilischen Judenthum eizenthümiiche Erschciuung eines S t a u d e s d e r S ch r i f t g e l e h r t e n. Esra selbst ist der Vater dieser zur Zeit Christi in Biuthe flehenden, das Volk lenkenden Zunft der schristgelehrten Meister Zn Israel. Für ,sie reichte auch das geschriebene Gesetz nicht mehr aus, denn die verschiedenartigsten einzelnen Fälle im Leben waren Darin nicht vorgesehen. Und so musste denn die mündliche U eb e r l ie ferun g aushclfen, von der man wissen wollte, dass Moses sie dem Zosua, Zosua sie dem Acltcsten, diese sie den Propheten, die Propheten sie den Männern der ,Großen-Verfammluug^, die zu Esra's Zeilen sta tfand, übergeben hätten. .Einen Zaun um das geschriebene Gesetzt machten die Sckriftgelehrten mit Hilfe der Ueberlieferung, und diesen .Zaun* hielten sie heiliger, als das Gesetz selber. Der-ursprüngliche rein sittliche Sinn des Gesetzes wurde mehr und mehr zurückgedrängt gegenüber Len Vorschriften der Reinheit in äußerer Beziehung, dem Opfer- Und dem Tempelcultuk. Die Gesinnung und die innere Stellung der Herzen zu Gott trat in den Hintergrund; gesetzlicher Gehorsam, gesetzliche Reinheit und Pünktlichkeit galt als das Höchste. Au den Aussagen des selbstgefälligen pharisäischen Geschichtsschreibers der Juden unmittelbar nach der Zeit Christi, an Zosephus, «rwies der Redner den scheinbaren Vorzug, aber noch viel mehr Das thatsächliche Deficit dieser Haltung des nachexilijcheu Juden- Hums. Er erörterte kurz dis Entstehung des Talmu d aus der gekennzeichneten Richtung des Schriftgelehrtenthums und er charakterisirte dann die verschiedenen Richtungen (nicht Sccten) des Judcnthums zur Zeit Christi, die Pharisäer und die Sadduzäer. In jenen kennzeichnet sich die folgerichtige Ent- Wicklung des gesetzeifrigen Judenthums als die volksthümliche und volksbeberrschende Macht der traditionellen Autorität, in diesen die selbstzufriedene Gewalt des Priesteradels, der hohenpriesterlicben Geschlechter, die, im Besitz der höchsten Stellen, sich der Anbequemung an heidnische Machthaber und Autoritäten nicht verschlossen, aber, religiös gleichgiltig, in keiner Weise ein gesundes Gegengewicht gegen den selbstgerechten Fanatismus der pharisäischen Nabbinen in die Waagschale zu werfen vermochten. Die große Masse des Volkes wurde von der national eifrigen und deshalb volksthümlichen Richtung dieser schristgelehrten Meister in Israel geleitet. Der Ordensverband der E s s ä e r aber hatte deshalb keinen Einfluss auf das Volk, weil er nicht, eigentlich auf dem Boden des reinen alttestamentlichen Monotheismus erwachsen war, sondern in der Verabscheuung der Materie und jeder Verunreinigung des Manschen durch Materie, in der Hinwendung zur Sonne beim Gebet ein wesentlich griechisch-philosophisches Gepräge zeigt. Der Essäismüs war ein dem jüdischen Stamme aufgepfropftes Reiß, das keine entschiedene Bedeutung für das damalige Zudenthum batte. Und selbst die edelste Pflanze deS Judenthums in der Zerstreuung, die alexandrinische Neligions- Philosophie, deren Hauptvertreter Philo von Alexandrien ist, hat" zwar auf das spätere Christeuthum, nicht aber auf das Zudenthum " in seinem Mittelpunkt, in Palästina, eine Einwirkung erzielt. Doch in der Zeit, in welcher noch einmal die ganze Existenz des nationalen Gottesdienstes, des jüdischen Monotheismus, ernstlich in Frage gestellt wurde, in der Zeit des Antiochns Epiphanes und der heldenmüthigen Makkabäer (cn. 166 v. Chr.), entstand noch einmal der Prophetengeist, aber in einer sehr veränderten, abgeschwächten und durch fremde Bestandtheile entstellten Gestalt. Der Redner wies dies am B u ch e Daniel nach, welches nicht in der Zeit des Exils, sondern in der Zeit der Makkabäerkriege geschrieben worden ist. Hier ist die alle mcssianische Hoffnung und Verheißung wieder erwacht und bat jedenfalls zur Heldenmüthigen Durchführung des Widerstandes gegen den wahnsinnigen und frechen syrischen Vergewaltiger viel gewirkt. Doch der alte hohe und herrliche sittliche Inhalt der Propheten fehlt: Traumgesichte, Zeichen, Berechnungen und scharfer Eifer für äußere Gesetzlichkeit und Reinheit sind an seine Stelle getreten. Nur äußerer Sieg und gewaltsame Unterdrückung der heidnischen Reiche find hier und in der ganzen daran sich anschließenden apokalyptischen Litteraiur das letzte Ziel. So gebt das Zudenthum mehr und mehr einer Krisis entgegen: Gesetzlichkeit und nationaler Fanatismus führen es im Kampfe mit Dem Nömerreich einem großen Gericht zu. Zur Geschichte der Jude» in Vorarlberg. Von Emil Frankel, Wien. Die österreichischen Alpenländer waren von je her wenig׳ von Juden bewohnt, und selbst heute noch cxistirt blos in Graz, der Hauptstadt Steiermarks, ein größeres jüdisches Gemeinwesen; das jedoch seine Geschichte auch nur auf die letzten Decennien zurnckleiten kann. Eine Ausmabme macht das kleine Ländchen Vorarlberg, in welchem bereits zu Beginn des Mittelalters jüdische Ansiedlungen geduldet wurden. Die bedeutendste war Hohenembs, der Geburtsort Snlzer's. wo heute noch eine jüdische Gemeinde besteht, deren Anfänge sich durch mehrere Jahrhunderte geschichtlich verfolgen lassen. Schon im Jahre 1343 unter dein Grafen U l r ich M o n fort Feldki rch finden wir Juden in Vorarlberg. In diesem