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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-01-11 · Heft 2 (11.1.1891) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 2 (11.1.1891)
Date
1891-01-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 ist die Erziehung Gegenstand der Ödhut und Sorge der Verwaltung der Cultusgemeinde nur bezüglich deS den armen Kindern zu ertheilenden Neligivnsunterrichtes (Talmnd-Tboka.) Nebrigens hat die Gemeindeverwaltung in diesen Ängelenheiten böcbsteus blos eine berathende Stimme;׳) die Gesetze bestimmen die Competeuz der Gemeinde und die Macht deren Vertreter, dann ist ihre Wirksamkeit eine öffentliche und genau bestimmte. Obwohl die Angelegenheiten .der Gemeinden der Altgläubigen* rein religiöser Natur sind, so kann man doch auf dem Boden dieser Angelegenheiten und in den Grenzen der zu Necht bestehenden Vorschriften eine heilsame oder verderbliche Thätigkeit entwickeln, man kann günstige Resultate erzielen, oder einen schädlichen Einfluss üben — das hängt von der Leitung, von den guten oder schlechten Führern ab. Mittelst dieser kleinlichen Ameisenarbeit, dieses kleinen täglichen Schaffens kann so mancher Stein zum socialen Fundamente oder zur chinesischen Mauer, welche uns von der Welt absondert, herbrigeschaffl werden. Wenn an der Spitze der Gemeinde gebildete, thatkräftige, verständige, zielbewusste Männer stehen, so vermögen sie von ihrem Standpunkte aus den Massen Liebe zu höherer, ökonomischer und socialer Ordnung einzuflößen; besitzt aber die Cultusgemeinde keine intelligenten Factoren, ist sie einer vernünftigen und edlen Führerschast beraubt, so kann sie zu einem Neste des Elends und des Obscurantismus werden. Wir sollen daher ein wachsames Auge auf die Richtung und Führerschaft der Cultusgemeinden im Lande richten. Leider hat die Majorität der Cultusgemeinden im Lande mit nur weniger Ausnahme einiger größerer Städte, in denen der gebildetere Theil das Uebergewicht hat, keine würdigen Führer, welche im Stande wären, sie auf die Bahn der eigentlichen Entwickelung zu leiten. DaS materielle Elend und der Obscurantismus der Massen schreiten mit muthrgem Schritte vorwärts. Niemand muntert sie zum Fortschritte in der Civiliiation und im materiellen Wohlstände auf, Niemand bestrebt sich, die Unarten und Fehler der Vergangenheit zu beseitigen. Die Verwaltung der Gotteshäuser, die Gemeindephilantbropie, das Nabbinat, die Anstalten der öffentlichen religiösen Erziehung in den sogenannten Talmud-Thoras bieten ein Bild der Vernachlässigung, der Verarmung, des moralischen Elends und der Unordnung dar. Nicht genug, dass dort der blinde, verknöcherte Conservatismus herrscht, der keine Verbesserungen, keine Modiflcationen zulässt, aber auch diese Richtung besitzt keine ihrer Würde entsprechenden Repräsentanten. Man sollte glauben, dass zur Leitung der heiligsten Angelegenheiten nur allgemein geachtete Männer von untadelhafler Vergangenheit, welche Einfluss und Autorität in den Gemeinden genießen, gewählt werden sollten; indessen sehen wir, dais das Cultusvorsteheramt in vielen Gemeinden des Landes aus so eine niedrige moralische Stufe gesunken ist, da'S die Massen ,der Wähler' sich nicht scheuen, z. B. solche Glaubensgenossen zu wählen, welche durch Wucher zu irgend einem Vermögen gekommen sind, um in ihre erfahrenen Hände das Scepler der Führerschaft niederzulege»,-und diese also sollen die Priester der Barmherzigkeit und der religiösen Erziehung sein. Es ist daher leicht einzuseben. inwieferne eine ähnliche Nepräsentanz zur Herabsetzung der ethischen Scala im Allgemeinen beiträgt?) - ג) Bei uns sind die Cultusgemeinden in allen ihren Angelegenheiten ganz autonom, unabhängig, nicht wie in Polln, wo sie nur eine berathende Stimme haben. ' ' . (Anm. des Uebers.) 3) Ich muß leider hier an dieser Stelle constatiren, dass die Zustände in dieser Richtung in Galizien nicht beffer sind. Sowohl im conservativen als auch fortichriltlichen Lager wird nicht mehr wie einst auf Tüchtigkeit des Die Humoristik hätte ein dankbares Gebiet, wenn sie Ob» servationen über die Leiter dcs südlichen Gemeindewesens in den Landgemeinden nnd deren Cuiturstuse anstellen wollte — aber die Angelegenheit ist leider für uns zn traurig. Nebst einer elenden Repräsentanz, herrscht Thal- und Hilflosigkeit, Unkenntnis socialer Bedülsniße und das Herumschweisen aus Irrwegen. Dass dieser Zustand sich nicht bessert, das ist die Folge unserer Trägheit nnd Nachlässigkeit. Unser Volk geriet in Folge einer sehlerhaflen Erziehung und negativer Bedingungen aus einen krummen Pfad, aber im Grunde überwiegt bei ihm das edlere Element, es ist also die untrügliche Hoffnung einer Besserung, vorhanden, nur müsste in dieser Beziehung die jüdische Intelligenz die Initiative ergreifen nnd in den Kamps gegen den Rücktritt der Massen treten. ,Wir können nichts thnn, wir haben keinen Einfluss, wir besitzen keine Macht, um aus die Massen unserer Glaubensgenossen zu wirken' — so lauten die Worte deS furcht, samen Pessimismus, Die wahrhaft jüdische Intelligenz, welche diese Masten ans Herz zu drücken versteht nnd sie nicht stolz von oben berab behandelt, soll und kann aus sie einwirkev. Sie kann im Lande eine Schaar nützlicher Agitatoren, Pionniere religiöser Bildung und sccialer Ordnung schaffen, ihnen den Weg zeigen, ihnen materielle und moralische Hilfe leisten zum Kampfe gegen den Obscurantismus. An der Spitze dieier Agitation must die Verwaltung der größten Gemeinde im Lande stehen, deren Autorität ein wichtiger Hebet zur Durchführung so mancher nützlicher Idee wäre. Ihre moralische Pflicht ist, in Angelegenheiten der Schaffung von Ordnung in den Cultusgemeinden und der Regeneration derselben voranzuschreiten, ihren Zustand zn untersuchen, Verbinduugeu mit ihren Repräsentanten anzuknüpfen, sie zu nützlichen Gemeinde-Reformen anzuregen und zn wecken, mit einem Worte ein moralisches Band zwischen den zerstreuten Gemeinden zum Zwecke der Entwicklung religiöser Jnftitutioonen in einer mit dem Zeitgeiste und den socialen Bedürfnißen entsprechenden Weise zu schaffen. Candidaten, auf desien persönliche Qualisication, jüdisches Wissen und Herz gesehen, sondern in erster Rrihe fällt da das Geld in die Wagschale, ohne auf deffen Ursprung, auf deffen Quelle zu achten und dann der persönliche Ehrgeiz, um Vorsteher zu sein, um die etwa nicht unbefleckte Vergangenheit mit dem Purpurmantel des Vorstehers der ist. Cultusgemeinde zu verhüllen. Einst strebten Männer des Fortschrittes an das Ruder der Gemeinde zu gelangen, um den Fortschritt in den Gemeinden zu fördern, um das Gemeindewesen auf eine bessere Bahn zu leiten; heute, wie gesagt, wird diese Würde meist aus per» sönlichen Motiven angestrebt, weil man dieses Amt als eine Stufe zu andern Würden betrachtet, die Folge davon ist, dass sich die besseren und bescheideneren Elemente in der Gemeinde ganz zurückziehen, jenen das Feld räumend. Es ist einmal die höchste Zeit, diesem Uebel zu steuern und den Gemeinden die Augen zu öffnen, damit sie angesichts der dem Judenthnme von allen Seiten drohenden Gefahr nur die ehrenhaftesten Männer als ihre Repräsen» tanten wählen, denen man nichts anhaben kann, deren Hände rein, deren Wandel ohne jedweden Mackel ist. — Nicht der kurze Rock oder der polnische Kaftan darf da den Ausschlag geben, sondern der reine lautere Charakter und das warme jüdische Herz. Nur auf diese Weise können wir uns Achtung abzwingen. Wir müssen in erster Reihe daraus bedacht sein, uns selbst in unseren Repräsentanten zu ehren und dann wird uns Niemand Achrung versagen. Die Initiative hiezu sollte eben von der hauptstädtischen jüdischen Repräsentanz aus» gehen. Von hier aus soll das Signal hiezu gegeben werden. Die Lemberger ist. Cultusgemeinde sollte um sich alle fortschrittlichen Gemeinden schaaren, nm so quasi einen Gemeindebund zu bilden, desien Streben dahin zielen sollte, in wichtigen Angelegenheiten gemeinsam vorzuzeheu. Ein derartiger Bund, wie ihn der galizische Gemeindetaz inaugurirt hat, könnte Vieles zur Erstarkung und Kräftigung des Judenthums beitragen. Aber da muffen alle persönlichen Ambitionen bei Seite geschoben werden, und der beständige Hader aus der Welt geschafft werden. Einigkeit thut uns noth. Anm. des Uebers. r

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