Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1891)
- Date
- 1891-01-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Fange noch nicht Pflicht war, Familiennamen zu tragen?) Eine Her b e r v cnagc u d st e rr jüdischen Gelehrte ns a m i l i e n des Gesang liebenden Italien führt den Namen מן החזנים ,von den Cantoren', und wie dies bei den Juden Italiens sehr häufig Ler Fall ist, in italienischer Uebersetznnz den Namen ״dei Cantarini.״ Da wir voraussetzen, dass viele der geschätzten Leier dieses Blattes, gesangcslustige und -freudige Cantoren, die Mße Melodische italienische Sprache kennen und verstehen, verweisen -vir auf die hochinteressante abschließende Monographie über die Familie.Sven Cantarini, die den Titel hat: La famiglia Ceen Cantarini di Padova. Monografia del Dottore Marco Osiino- Casale Monferrato 1875. Die Familie Coen Cantarini aus Padua. Eine Monographie vom Dr. Marco, Osimo Casale Monferxato (Italien) 1875.— Der Name Singer, der viele Cantoren ziert, ebensoC a n 1 o r und Schatz (abgekürzt aus Schliach Zibbur) zeigt, dass das Judenthum zu jeder Zeit dem Gesänge gehuldigt. Wenn wir uns Lei dem Namen so lange aufgehalten, geben tvir a!S entschuldigenden Grund an, dass hier ganz besonders daL Wort nomen est omen, der Name ist ein Vorzeichen und Mue Vorbedeutung, gilt. Zeigt noch der Name den Zweck, den Man mit dem betreffenden Amte erreichen wollte, am besten und klarsten an. Lehrer der Jugend, Vorleser und Erklärer der Thora, Vor« Peter der rituellen G e b e 1 e u n d S ä n g e r u n d D i ch t e r in ein er Person, so finden wir, dass nicht nur die Minnesänger, Troubadours «nd Trouvers in Europa, sondern auch die Chasanim, die ,Poetanim', «ud zwar sehr bedeutende ,Poeten' und oft sogar ,Improvisatoren'- tu des Wortes schönster Bedeutung waren. (Fortsetzung, folgt). Die Mischen LuttusverlMniße in Russland. Nachdem wir in den vorhergehenden Nummern ein aus- Mhrliches Bild der Geschichte und socialen Verhältniße unserer Mlaubenszenossen Ln Russland entworfen haben, wird es sicherlich Mlfere Leser Lntereffiren, auch einen Einblick in die Cultusverhältniße Derselben zu thun. Zu diesem Behufe benützen wir eine Programm- Mze von N- So ko l ow, betitelt .die Aufgaben der jüdischen Intelligenz'^ die Herr N. Landes im .Lemberger Israelit' in trefflicher Ucbersctzutig wiedergibt. So manche der scharfen Beob- Ächtungen des Autors, als auck Die Randbemerkungen des Ueber- Mcrs, der immer die galizischen Verhältniße im Auge hat, werden, wenn auch fernablicgcnde Zustände behandelnd, wie auf unsere Menen Verhältniße gerichtet erscheinen und um so größeres Interesse Hervorrufen. Di e Cu l t u S g e in e i 11 d e n: Der Urtypus der gegen- Märtigeu Gestalt Der jüdischen Cultnsgemeinde. der einstige Kahal, «freut sich keines guten Nenvmd's. Wir wissen, dass der Kahal W dämonischer Gestalt, als ein schädlicher, antisocialer Factor. a!S Crntralheerd einer verschworenen jüdischen, auf die Außenwelt Dtalen Einfluss übenden Solidarität dargestellt wird. Es ist hier M^t der Ortj um nachzuweisen, dass nur der vom Nebel der Boreingenommenheit getrübte Blick die Sache so sieht, aber nicht DaS Auge des unparteiischen, wenn auch strengen Forschers. Auf §men der vielen ' grundsätzlichen Fehler, - welche -dieBasis zur Verdammung bilden, wollen wir die Aufmerksamkeit lenken. Wenn in der That die Kahalsorganisation eine gefährliche Eb verderbliche war^ so wurzelte das )sie Hel Mt darin, sondern 9) Ist bekanntlich erst gegen Ende des vorigen Jahrhunderts .den Juden Woten worden. in Den äußeren Verhältnißen, welche deren Existenz ermöglichten; denn jene Bedingungen begünstigten den Kahal, festen Fuß zu fasten und zu gedeihen; sie überließen ihm einen so weiten Wirkungskreis, welcher die Administralion, das Justizwesen, Finanzen und Unterricht 8ni generis umfasste: Nicht in ihm also, sondern in den äußeren Verhältnißen liegt die Schuld, dass er zur Zeit seiner Blüte sogar zu einem .Staate im Staate' wurde; denn, wenn wir aus diesem Satze Alles das, was in ihm Hyper« bKisches, oder seine ganze Uebertriebeuheit ausmerzen, so müssen wir doch zugeben, dass der Kahal in der That zu gewissen Zeitabschnitten unserer Geschichte eine Schöpfung dieser äußeren Factorcn war. welche unseren GlaubenSgenosten nicht gestatteten, sich in harmonischen Einklang mit den allgemeinen Interessen der Gesellschaft zu bringen. Der Unterschied zwischen unseren Anschauungen und denen der Herren Brafmann et Consorten in dieser Angelegenheit besteht einzig und allein darin, dass, während Letztere den Kahal als die Ursache der Nichtverbürgeruug der Juden betrachten, wir ihn blos als eine Folge der anderswoher aufgezwungenen Absonderung. Dass aber eine derartige. Institution weder im Interests der socialen Gesammtheit, noch im Interesse der Juden selbst existiren darf, gestehen wir gerne zu. Die neuere Zeit hat in den Grundfesten des Kahals eine Bresche geschosten und dessen Bau erschüttert. Die Gewalt der ,Parnasim' (der Vorsitzenden) und Nabbineu, welche durch die Macht der Excommunikation mittelst des Bannes aufrecht erhalte» wurde, die Kahals — und Nabbinatsgerichtsbarkeit — sind nnwiderruflich geschwunden; die administrativ-synagogalen Verbände wurden in Folge Entstehens von zahlreichen chassidäischen Lagern immer mehr gelockert; die alte Gesammtgestalt des Kahals schmolz allmählich zusammen, am Ende haben die Staatsgesetze sein Morsches Fundament völlig beseitigt. An die Stelle des alten Kahals trat .die Gemeinde Der Altgläubigen' (ginina starozakonnych) in dieser Gestalt, in welcher wir sie gegenwärtig im Lande sindeu. y Die Thatsache der Existenz religiöser Bedürfniße eines Theiles der Landeßbevölkerung ruft naturgemäß inmitten der betreffenden Gruppe einen auf gegenseitigen und parallelen Bedürfnißen gestützten Bund bervor, welcher Cultnsgemeinde benannt, durch die Gesetze des Landes genau geregelt und das Resultat einer moralischen Nothwendigkeit ist, und wo nur religiöse Toleranz herrscht, dort muß eine derartige Gestalt einer Cultusgemeinde, welche keinen socialen, sondern religiösen Verband bildet, geduldet werden. Es bildet sich inmitten einer solchen Gemeinde das Gefühl der Beschützung der Angelegenheiten des gemeinsamen Glaubens, - das Bewusstsein einer gewissen geistigen Solidarität im Streben nach Befestigung ihrer örtlichen religiösen Institutionen. Der Wirkungskreis der Cultusgemeinde umfasst daher rein religiöse philanthropische Angelegenh.iten, so wie die der Erziehung. Die. zwei letzteren gehören nur insoferne in den Wirkungskreis der Gemeinde, iuwieserne sie mit dem religiösen Bekenntniße in inniger Verbindung sind. So muß z>B. die Erhaltung der Spitäler, der AltkiverSsorgungShäuser, jüdischer Kleinkinderbelvahranstalten schon - wegen der Verschiedenheit der Diätvorschristen (Speisegesetze) eine abgesonderte Repräsentanz haben; hingegen l) Unsere Gemeiudeverhältniße unterscheiden sich ganz von) denen in Rußland. Bei.uns waren in früheren Zeiten die jüdischen Gemeinden politische — mussten daher alle Agenden einer solchen mit Bezug auf die jüdische Bevölkerung versehen. In neuerer Zeit sind sämmtliche Politische Agenden weggefallen, und. die Gemeinden haben sich in Cültusgemrinden umgewandelt, die sichblos-mit den kulturellen Angelegenheiten zu befassen haben. In.Polen und Rußland bestehen keine Cultusgemeinden, sondern Synagogeuverbände mit einer Syna-. gogenrepräsentanz. (Anm. des Uebers.) ,