Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1891)
- Date
- 1891-01-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oesterreichisch-ungarische . Prämnneralions-Pikis. Kür Kantoren und ßultusöcamle in Hesterreich Ztngarn Ganzjährig ..... fl. 4.— Halbjährig ..... fl. 2.— Kür Kantoren und KnttusSeamte im Anstand Ganzjährig.8 Mark oder 4 Rubel. Kür private und Institute Ganzjährig . . . . .fl. 6.— Csntiarl-Oig’an für die Interejfm der ^Nnioren und Hultuüüeumten. Erscheint jeden zehnten Tag. Begründer: Obercantor ^Lvvd 8s.l1sr. Wedactis» und Adminikratiaw Wien II. Novaragasse Nr. 27. Inserate werden billigst berechnet. Manuskripte w-rden nicht retournirt. ASonnementsnnd Inserlionsbetrage sind in Wie» zahtvar. Nr. 2. Wien, 11. Jänner 1891. 11. Jahrgang. Zur Geschichte des Eantonttes im Mittelalter und der Neuzeit. Von Dr. M. G r ü nwal d, Rabbiner in Jungbunzlau. II. Die Stimme ist ja eines der charakteristischsten Merkmale ' ücr-V^a-nnjieium«.. Wd,..ZpfammengehMgjeit..^ ' ..; Die Synagoge, bei den Juden des Mittelalters Schul'—. Sckule, (lat. schola) geuaunt, war zugleich, wie das Wort Schule es schon besagt, das Bethaus der Kleinen u n d G r o ßen. Der C Hasan der Synagoge stN war aber nicht nur Vorbetcr, nicht nur der Abgesandte und Vertreter der Gemeinde, er war auch der amtlich bestellte Vorleser, der Kore קורא״* der Gemeinde. Er berief die erwachsenen Personen') an Montagen und Donnerstagen, sowie an Sabbathen und Feiertagen vor die älteste und heiligste Urkunde des Menschengeschlechtes, vor die Thora nämlich'), und las ihnen die betreffende Pericope (Wochen-, oder Festeßabschnitt) vor. Wie alt die Einrichtung der T h o r a v o r l e s u u g ist, können wir mit Bestimmtheit nicht angeben. Dass sie jedoch 'zum mindesten seit des Schriftgelehrten Esra (1LD.1 עזרא) Zeit im Judenthume bestand und seither nicht mehr schwand, ist als historisch feststehend bekannt. Und wahrlich das beste und sicherste Mittel, die Gesammthe.it des israelitischen Volkes stets an ihre heilige Aufgabe zu erinnern, war das Vorlesen der Thora, welchem die Eiklärnng des Targu'm auf der Stelle folgte. Sehr wahr und schon sagt der nunmehr verewigte Rabbiner A. Stcuin seiner Zeitschrift Hameehaker (I. 1878 p. 84 — 85): ,Die guten Altrabbincn boten alles ans, um daö Volk vorVerdumpsung und Versumpfung zu schützen. So schufen sie das ausgebildetste demo- ') Jeder der das 13. Lebensjahr vollendet (also 13 Jahre und 1 Tag alt war), wird im Judenthume als ,׳בר מצח־י Sohn der Pflicht, und daher als erwachsen betrachtet. Ueber die Ausgaben des Vorlesers, der Thora vergleiche man den babylonischen Talmud, Tracrat Sabbat, Folio 11 a. und Rabbi Salomo Jizchaki's Commentar 8ub hac voce. ׳ 3 ־-) Dass die Annahme der modernen Bibelkritik eine salsche ist, hat im jüngsten Hefte der Pariser ״Revue ־des etudes juivssu Herr Joses Halevy schlägend nachzewiesen. . ... kratische System in der kirchlichen Verfassung, wozu Moses unx einen Stamms delegirl Halle, weil derselbe der geiitesgeweckkeste war, und von seiner Frühreife auch in Egypten die Bevorzugung vor allen andern genossen haben soll. Dazu sollte nun das ganze Volk herbeigezogen werden. Nicht die Geburt, nicht das Salböl, nicht das Kleid, zum P r i e ft e r machte die Wissenschaft Der Gottesdienst ward dem Volke, in die Hand gegeben, und V 0 ff I bfe'ke Hst n n g w a r d Go TfeT&Te '11 st. Das Gones» Haus ward Lchrhaus, die Vorlesung eines und natürlich ver» stündlichen Thoraabschnittes war der K e r n des Gottesdienstes. Die Vorlesung war E h r e nf u n et i o n eines Mannes aus dem Volke, nnd wozu ein Einziger genügt hülle, dazu wurden je nach der Gelegenheit der Schristvorlesung 3—7 Männer קרואים bestimmt.'4) Schon der Talmud kennt mehrere Gesetzeslehrer, die den Namen קרא") führen, und dieser Ehrenname hat sich Jahr- Hunderte hindurch erhalten. Die. mehrere Oberrabblner für Prag liefernde Familie des R. Abigdor Caro") hatte von dreier Function ihren Namen. Ja der weltberühmte Verfasser des Schulchan Aruch, Rabbi Josef Caro,') rühmte sich einer gleichen Abstammung?) Wenn wir nun schon bei den Juden des nördlichen Europa den Nanz der ״Vorleser' in solchen Ebren gehalten ׳eheu wird es uns nicht befremden, die Chasanim gleichfalls als Familiennamen im Judenthume zu sinden, und zwar zu einer Zeit, wo es 3) Ist der Stamm Leviy Znnz' ״Gottesdienstliche Vorträge', p. 8. Als jedoch mit der Zeit die Kenntnis des biblischen Hebräisch abnahm — denn um die Zeit der Entstehung des Christenthums und lar.ge Jahrhunderte später noch war die Volkssprache der in Palästina lebenden Juden die aramäische — wurde eben ein bestimmter Vorleser, und dies war der Chasan, erwählt, damit der Ungebildete vor dem Gebildeten öffentlich nicht erröthen müsse. 5) Aramäische Form des hebr. קןך*א (Kore.) . 6) Ueber diese Familie vergl. meine ,Geschichteter Juden in Böhmen', p. 80 ff. und meinen Aufsatz über die ״Geschichte des alten jüdischen Prager Friedhofes"' in Jacob W. Pascheles' Volkskalender für das Jahr 5618, p. 96 ff. 7) Auch als Kabbalist berühmt. 9 ־) Denn dass an eine Ableitung aus dem lateinischen Worte ear o= Fleisch nicht zu denken ist, ist klar.