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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-01-01 · Heft 1 (1.1.1891) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 1 (1.1.1891)
Date
1891-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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gelebt haben muß. ״Die Jahre der Frevler werden verkürz/', dieses'bezieht sich auf die Zeit des zweiten Tempels, der nur 190 Jahre sich erhalten hat, und während dieser Zeit wechselten .nicht weniger als 30Hohepriester, und vvn denen amtirle Simon der Gerechte 40 Jahre, der Hohepriester Jochanan 80 Jahre, Israel Sohn Pabi 10 Jabre, die Uebrkgen lebten kaum das Jahr aus, weil sie gottlos waren/' 3. S p r ii ch e der Arbeit und Fleiß. ,Der Vorsichtige i'ammelt im Sommer, der Nachlässige verschläft die Erntezeit.' (K. 10, 5.) ״Ein fleißiger Diener herrscht über den nachlässigen 'Haussohn/' (K. 17. 2.) ,Geh' zur Ameise Fauler, betrachte ihre Wege und werde klug.' (K. 6, 6 ) Der Midrasch (Jalk. z. St.) bringt wohl mehrere Betrachtungen zur Erläuterung dieser Stelle, warum der weise Salomon gerade die Ameise als Musterbild des Fleißes gewählt hat. Wir wollen nur eine Stelle hier anfübren, die einen naturgeschichtlicken Werth bat. .Eine Ämeiseuwohnung besteht aus einer ober::, untern und Mittlern Abtheilung. Der gesammelte Vorralh wird nur in dem Mittlern Tract aufbewahrt; oberhalb könnte er durch Regen Schaden erleiden, unterhalb durch Uni a lb. Die Ameise sammelt zur Sommerszeit, was sie sindet, Weizen. Gerste, Linien und dergleichen. Ihre Lebenszeit dauert allgemein nur sechs Monate; ihre Mahlzeit besteht aus ein und einhalb Korn, sie sammelt aber doch so viel nach ihrem Jnstin.cte, sie könnte länger leben, darum ist sie dem Menschen; als Lebensbild vorgesübrt, weil ,Schlaf kleidet in Lumpen' tK. 23, 3l.) ,Wer sein Feld bearbeitet, wird Brot in Fülle haben' (K- 12, 11.) 4. Sprüche ü b er Ni e i ch t h 11 m. ,Der Geldgierige ist der Alaun des bösen Auges, er merkt nicht, wenn Mangel ibn trifft' (K 28, 22.) Hier finden wir im Midrasch (Jalk. z. St.) einen hübschen Wik. .Der Geldgierige bezieht sich auf Epbron, ׳der von Abrabam 400 Silberschekel für die Höhle Machpela verlangt hat. Der Mangel, der ihn traf, bestand darin, dass •עפרץ׳" daselbst ohne .1" steh:*) (S. Naschi dal.) ,Bemühe Dich nicht reich zu werden, aus Vernunstgründen lasse davon ab'; kaunr *) Darunter ist wohl zu verstehen, dass sein Namen an Vertrauen verloren hat. wendest Du den Blick daran, ist nichts da davon; denn der Neichrbum macht sich Flügel und stiegt wie ein Adler Himmel» an' (K. 23 4—5.) 5. Sprüche über Gerechte und Frevler. ,Dem Gerechten wird schon auf Erden vergolten, vielmehr dem Frevler und Sünder.' (K. 11, 31.) ,Wer Ungerechtigkeit säet, wird Uubeil ernten.' (K. 22; 8.) ,So wie der Sturm einher» fährt, dabin ist der Frevler, der Gerechte ist der Grund der Welt.' (K. 10, 25.) ,Wie geläutertes Silber ist des Gerechten Zunge, das Herz der Frevler wertblos' (K. 10, 20.) 6. Wahrhaftigkeit und Friedfertigkeit. ,Ein Greul des Ewigen sind Lngeulippen, wer redlich wirkt, hat sein Woblgesalle::.' (K. 12, 22.) »Dem Streit fern bleiben, ist des- Mannes Ehre, der Tbor sucht ibn auf.' (K. 20, 3.) ,Hass erregt Zank, Liebe verbüllt Fehler.' (K. 10. 12.) Wir haben hier nur einige Proben gegeben, nach einer gewissen Classification, die sich aber bedeutend erweitern läisr. Wobl kommen auch in anderen biblischen Schriften, im Buche Hiob, in den Psalmen zerstreut Io manche gediegene Sprüche vor. die wir jedoch übergeben, um zu einem anderen!:achbiblischen Spruchbuche uns zu wenden; es sind die Sprüche des .Josua, Sohn Sirachs.' (Fortsetzung folgt). W.r. Kleine Chronik Wien. In den letzten Tagen hat sich in Berlin ein Verein zur Abwehr des Antisemitismus gebildet, dessen Anmeldung bei der Polizeibehvrde ans Grund des VereinsgesetzeS bereits eriolgt ist. Mit der provisorischen Führung der Geschäfte sind die Herren Professor Rudolf v. Gneist. Abgeordneter Rickert und Ludwig Loewe betraut. Es wird beabsichtigt, zunächst eine breitere Basis für die Bestrebnngen des Vereins zu schaffen und alsdann durch Schrift und Wort in größerem Umfange die Agitationen der antisemirischen Parteien abzuwehren. Auch wird es die Aufgabe des Vereins sein, Einrichtungen, insbesondere in den täudtichen Bezirken, zu fördern, welche geeignet sind, der antisemitischen Bewegung den Bodcn zu entziehen. Angesichts der wachsenden Agitarionen der Antisemiten und der massenha ten Verbreitung antisemitischer Schriften, besonders in den ländlichen Bezirken einzelner Theile Deutschlands, neuerdings auch in Hannover, erachte» Mutter, die bleich und erschrocken herauStritt. Leb David aber behält seine Ruhe. Er hat ein gutes Gewisten. Wlassowsky schielt den Juden an: ,,Woher bist Du?" ״Aus Schanlcn im Gouvernement Kowiio," Herr Oberst. ״Weißt Du nicht, dass Inden nur kn Städten wohnen dürfen, > wo sie geboren sind? Was treibst Dü in Riga? ' ,.Ich bin Meister, Schachtelmacher, und als solcher darf ich in ganz Rußland wohnen." ,,Dass Du Dein Handwerk veistehst, mußt Du erst beweisen." Der Polizeimeister bestehlt einem Soldaten, zwei Sachverständige zu holen. Als diese erschienen sind, sägt er zu Leb David: '.Mache sechs Schachteln, ganz kleine, für Apotheker-Zwecke, in ovaler Form. Alle müssen gliiau ineinander Pasten!" Leb David sieht den Polizeimeister ruhig an : ״Gut. Herr Oberst!׳' Er ergreift Scheere, Zirkel. Messer und Bleistift und will sich an die Arbeit machen. Aber WlastowSky nimmt ihm Scheere und Zirkel weg und belässt ihm nur Messer und Bleistift und sagt mit sanfter Stimme: ״So wäre cs ja kein Künststück." Leb David sieht den Polizeimeister ruhig au und sagt: ,,Gut, Herr Oberst!" ' Er nimmt einen Carton Holzpapier, zeichnet mit dem Bleistift die uöthigen Schachteln vor und schneidet sie mit dem Mester heraus. Zum Bekleben der Schachteln befiehlt ihm WlastowSky, weißes Moire׳ Papier zu nehmen. Als Leb David Len Kleister mit dem Pinset auf» schmieren will, nimmt ihm WlastowSky den Pinsel:- ,Mach'» mit den Fingern, Jud'! Aber wehe Dir, wenn Du nur ein Fleckchen machst! Dann ist Deine Arbeit umsonst und Du verlässt sofort Riga!'! Leb David sieht teil Polizeimeister ruhig an und sagt: ,Gut, Herr Oberst!' - Und er bringt die Arbeit fertig, eine Schachtel fügt sich in die andere; das Beklebe» macht.die größte Schwierigkeit, das seine Moir6- Papier ist mit den schmierigen Händen so schwer zu fasten. Mit den Lippen, mit den Nägeiipitzen bringt Leb David das Kunststück zustande. Die Sachverständigen sind befriedigt, aber nicht WlastowSky. Und da er durchaus Etwas ausgesetzt haben wist, sagen die Sachverständigen, welche den Zorn deS Tyrannen fürchten: ,.Der Jude hätte statt Holzpapier auch Lumpenpapier nehme» können. DaS ist noch schwerer." Leb David wendet ein: ״Ich hätte eS auch mit Lninpenpapier machen können. Aber ich habe keinS. Lassen Sie eS gut sein, Herr Oberst. Ich bin ein armer, ein sehr armer Mann, der sein Brod mühsam verdient."! Aber Wlassowsky bat schon die reizend gearbeiteten Schachkel» ergriffen, zu Boden geworfen und mit den Füßen zerstampft. Er be» stehlt Lumpenpapier zu holen, wirst dies dem Meister hin und sagt mit sanfter Stimme: ״Mach'S nochmal, Jude!"

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