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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-01-01 · Heft 1 (1.1.1891) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 1 (1.1.1891)
Date
1891-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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ersten Mal vernahm, wie der Herr Oberrahhiner mit einer Wendung zum Oron hakodesch auf den heilige» Schrein hinweisend sagte: .Schauet dorthin! Ihr steht vor dem Allc!heiligsten. Ein Gott sieht von da auf Euch!' Kein Atbemzug ließ sich vernehmen, keine Fiber zuckte, und in dieser vielbundertköpfigcn Menge konnte man ein Blatt fallen hören. Sofort stieg in mir die Erinnerung au die vor einer Stunde staltgefuudene tumultuöse Trauung auf und ich dachte mir: Wie anders hier, als in den Gasthäusern ,B׳i den 3 Fasteln", oder wie die Hotels sonst heißen mögen, wo über all Trauhimmel ausgestellt werden können. Jndess möchte ich dem Talmud, als der Quelle aller ceremouiüsen Hand» lungen, nicht vorgreifen, welcher gewiss in allen diesen Orten Tranungen gestattet; aber mit der vom Minister Gautsch gewünschten allgemeinen Bildung der Herr Rabbiner! wird auch bald die Anschauung zu Tage treten, dass nicht Alles vom starren Festhallen des Talmud abhängt. Wohl weiß ich, dass man nach jüdischer Satzung überall seinen Gon anruien kann, und das Gestatten obiger Ceremonie ist nur eine Variante dieser Satzung. Gott sieht eben nur ins Herz des Menschen. Nachdem aber die Herzen der meisten Menschen viel öder als ihre Tasche aussehen, so wunderte ich mich gar nicht, wenn in den 2'doko-Schüsserln sich die Qede ihrer Herzen so trefflich wiederspicgelte. dass man in denselben anstatt weißer Münzen, lauter ivlche von braunem Metall erblickte, was nach der neuesten Währung einen kleinen Unterschied ergeben soll. Mit diesem Groß- und Kleingeld hat cS oftmals seine unangenehme Bewandtnis, denn als ich aus dem Gollcshaui'e heraus׳ gieng, versicherte ich einer Bettlerin, welche mich anschn..... ich hätte kein Kleingeld, während sie mir mit Aufrichtigkeit znrief: ,Herrleben iach hob' ka Großgeld!' Ich stieg in den mir zu Gebote stehenden Wagen ein, mein Greßgcld rettend, welches ich ganz in Kleingeld hätte nmwechseln müsten, um alle ausgestrccklen Hände zu befriedigen. Da aber derlei Wohlthaten en masse auSzuüben, nicht im Einklänge mit den Einnahmen eines jüdischen Beamten steht, der trotz seines Fixum das ,Nehmen' zu seinen Haupt, einkünsten zählen muß, so fällt mir unwillkürlich eine gewisse Aehnlichkeit eines jüdischen Functionärs mit obiger Bettlerin aus, welche mich am Schlüße meiner ״Nlnidschau" zu einer Bemerkung zwingt. Ein ewiger Hader zwischen zwei, wenn auch nicht gleichartigen, doch vereint wirkenden Fuuclionären kann die Lage des Einen oder Anderen nur wankend machen. Gewiss ist es aber, dass der Höhergeitellte dem Minderen viel Schaden zufügen kann, wenn er ihn als das Ziel seiner Scheelsucht ausersiehl, und welches Ziel bleibt dem Verfolgten? Er wird ebenfalls die Hand auSstrecken müssen und rufen: ,Herrlehen ich hob' ka Großgeld!' Dem Verfolger wird damit geholfen sein?! — B. S. Iungbunzlau, im Dezember 1890. Noch einmal Rabliiner mid Cantor. Seitdem vor mehreren Jahren meinem Aussatze das Malheur pastirre, in den Papieikorb der löblichen Nedaclion zu wandern, habe ich den festen Vorlatz gefasst, meine journalistische Tbärigkeit schlummern zu lasset! und mir. selbst bei wichtig--» Anlässen, Schweigcn aufzuerlege!:. Wenn ich mich heute dennoch Hinreißen lasse, meine Meinung über das neue Gesrtz, betreffend die Regelung der äußeren Nechisverhältniße der jüdischen Aicligionsgenossenschaft abzugeben, so geschieht dies wohl nicht in der hangen Sorge um unsere Existenz, noch weniger ,aus Furcht vor dem verwehten Blatte', die man tem ganzen Canto enihum in der letzten Nummer unseres Fachorganes unterschob, sondern lediglich ans Furcht vor einer weiteren Pelemik zwischen Rabbiner und Santax welche gewiss auf das Streben nach Hebung unseres Standes gerade die entgegengesctzle Wirkung üben müsste. Es ist an dieser Stelle nicht meine Absicht, zu erörtern, wer mehr Unrecht hat: ob ein Herr Dockor, der mit einer ,bösen Feder' etwas verschreibt und mit einer bösen Zunge etwas ver'pricht, oder die Herren Cellegen. die sich a conto dessen ,echaujsiren', in vollster ^8ckulckau-^rncI1-Rüstung" über ihn herziehen und ihn unter schlagendem Citatenhagel förmlich begraben. ttnfr wenn ich einerseits den Ausführungen der ״Jsr. Familienzeitung" in Tilsit, und jenen der ״Iir. Gemeindezeilung" in Prag vollinhaltlich beipflichte, muß dennoch zugestandeu werden, daiS derlei Controversen, auch wenn sie einen momentanen, scheinbaren Erfolg erzielen, dennoch dem eigentlichen Kern der Sache abträglich, in diesem Falle aber, wo die Sanctionirung deS in Rede stehenden Gesetzes bereits lange vorher erfolgt ist. entschieden schädlich sind. Einmal weil es sich nicht schickt, einen Herrn Doctor abznkanzeln. dem sie doch eigentlich,,für seinen Muth, mit welchem er seine Meinung im Namen vieler seiner Amtsgenossen" zu Nutz' und Frommen der Cantorenwelt ausspricht. ״Dank wissen müssen;" und zweitens, weil solch unedler Wettstreit um die Priorität, wer wohl im Tempel der Priester sei, die Aufmerksamkeit der Welt auf diese friedliebenden Amtsgenoffen lenkt, und den bisher noch immer leidlichen Nimbus, der die ReligionSdiener umgab, stört. Es ist auch unklug, angesichts der herrichenden antisemitischen Strömung und der gerade jetzt die ganze Welt heunruhigonden Judenfrage in Russland, dem mustergiltigen Zusammenhalten der Juden einen gewaltigen Stoß zu versetzen, anstatt im Stillen sich der Errungenschaften zu freuen, die, feit Juden existiren, noch keine Zeitepoche aufzuweisen bat, anstatt dem erhabenen, gnädigsten Spender der Gleichberechtigung Loblieder anznllimmen und ihm für die weitestgehende Inschutznahme jüdischer Interessen zu danken. Vorliegende Zeilen sollen vielmehr unseren AmtScollegen einen Wink geben, den müstigen Streit zu lasten, bei welchem man die Vögel an den ״bösen F-.dern" erkennt. Der legalen Dertretung des CantorenstandeS aber, welche diesmal gewiss wacker und energisch für denselben eingetreten ist, wird der verunglimpfende und nngerechtferligte Vorwurf des JndifferentiSmns erspart bleiben, und solcher »Otnlul haschem“ wird vermieden werde». Zur Bekräftigung dieser meiner Ansicht muß ich dreierlei I Aeußerungen die ich vor wenigen Tagen bei Erörterung dieser Angelegenheit, wenn auch mit Unbehagen, anhören musste, citiren. Die besteren Kreise der Wiener Fabrikanten (brave Juden) sagen: ,Es ist dies ein wenig Profit verheißender, verletzender Streit'; die Antisemiten sagen: ,Bei RegierungSerläffen und Gesetzen gibt es nix zu handeln, nix zu schachern'; und die Gemeindevertretungen können sich der Wahrheit deS geflügelten Wortes Heine'S nicht verschließen: ,Es will mich fast bedünken, 2c.“ ׳ Wollen wir doch, ob Rabbiner ob Cantor, unseren Gemeinden ehrlich dienen, denn nur diese waren von jeher und bleiben unsere autonome Behörde, die sonst nichts will, als dass wir vereint, in wahrer Frömmigkeit, in Gottesfurcht und ungekünsteltem, nngehenchellem Dienste des Herrn die zur Andacht versammelte Gemeinde in weihevolle Stimmung versetzen; damit ist ihr religiöse» Bedürfnis befriedigt, sie lässt Rabbiner und Cantor, dis sie von jeher als unenlbehrlich zu betrachten gewohnt ist. außerhalb ihre» ׳ Discustiousbereiches und gönnt uns gerne unser ungeschmälerte» I Av sehen, wenn wir es uns nicht gegenseitig untergraben.! Nur dann werden die heiligen Räume der Andacht, die > unsere ganze Welt zu umfasten bestimmt sind, auch für die ganze! Welt ein Heiligthum sein, in welchem sie unS als Autoritäten

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