Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 34 (21.12.1890)
- Date
- 1890-12-21
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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luc&l Melassen, haben sich die russischen Juden der religiösen Aufklärung entzogen, welche eine Vorbedingung für ihren näheren Anschluss an die Umgebung bildet. Je länger die Sonderstellung anhält, fe starrer sie der Abschluss und die Verbitterung macht, desto mebr wächst die Wahrscheinlichkeit, dass bei eventueller Erlcichterung ihrer Lage die russischen Juden eher eine Macht im Staate werden, als sie durch Erwerbung moderner Cultur zur politischen Annäherung bereit sind. Dieser Perspective wird durch die gewerbliche Eutwickelungssähigkeit der Juten und die geringe culturelle Anziehungskraft der russischen Gesellschaft eine erhöhte Tragweite gegeben. Erwägt man, dass die Juden in manchen Thcilen der polnischen Provinzen den ganzen, in anderen den halben Mittelstand bilden, so lässt sich der Umfang der Frage übersehen. Nur eine umsichtige Annäherung könnte hier wirksam werden und allerdings ungleich langsamer und schwieriger ähnliche Ergebniße zeitigen wie in den westlichen Culturländern. Die russische Negierung hat nie dergleichen gewollt, hat a!w auch kein Recht diesen ernsteren Tbeil der Frage zum Vorwand der Unterdrückung zu nehmen. In früheren Zeiten die Juden als bloßes Ansbentungsobject im Tiegel behandelnd, hat sie, seitdem sich die Autokratie, die vormals sich selbst genügte, durch nationale Brunst zu festigen sucht, diese Elaste ihrer Unterthancn vor allen anderen nichtluoskowitischeu zum Untergang oder Exil bestimmt. Die übrigen Minoritäten werden leichter zu dcnalionalisiren sein, die Inden dagegen find durch die Religion voraussichtlich für längere Zeit nnvcrdaubar gemacht und mästen weichen oder sterben, da Mütterchen Eile hat, ihr Haus zu bestellen. Da die Juden die Gleichstellung um den Preis ihrer Religion beharrlich a. lehnen, io liegt auch hierin, obschon einige Taufend aus Verzweiflung. übergcgangen sind, keine Rettung. Wie können sie, abgesehen von allem anderen, zu einer Kirche übergehen, welche von ihren gebildeten ,Bekennet!!' fast dnrchgcbends gering geschätzt wird? Der Hosjonrnalist Fürst Mescktsche-.eki verlangt ihre Gesammtansneibung nach rnittclalterlich spanischem Muster; die zariscke Negierung weiht sie dem Hungertode durch geheim erlassene und bereits langsam in der Ausführung bcgiistenc, wenn auch im Jntereste des NnbelcurscS zunächst noch osticiös und telegraphisch abgelogene Verfügungen. Sie Tellen nicht mehr die Dörfer besuchen, in Dörfern hausieren, auf Jahrmäiklen bandeln oder ihre Hünen vererben dürfen. Sie sollen, da sie nur in Städten wohnen dürfen, ans Hunderten plötzlich zu Dörfern erklärten Städten auSgewiesen werden. Sie sollen sich außerhalb der altpolnischen Provinzen auch nicht mehr zeitweilig aufbalten, an größeren Gewerbe- und Acticnbelricben nirgends tbeilnebmcn dürfen und dcrgl. mehr. Mit der gänzlichen Durchführung dieser Maßregeln würden eine Million Menschen, also der drille oder vierte Th.il der Juden ans ihrem Erwerbe in erwerbslose Oertlichkeiten verbannt. Und sie sind vorher halb verdungen! Es ist wahr, auch diese Edicie des Zaren würden, wie alle anderen, von seinen Beamten hänstg gegen bar suspendiert werden. Aber die Opfer winden durch die Häufigkeit der benöibiglen Suspensionen die Möglichkeit, die erfo: derlichen Mittel zu erweiben, noch mehr verlieren wie bisher. Der wilde Fluss, in welchen diese Strömungen im Rausch der französischen Waffengemeinlchaflstoaste neuerdings gelangt sind, können das unverständliche Unterfangen, drei Millionen M״>rfchen beseitigen zu wollen, nicht begreiflicher machen. Die aiigesammelken seelischen Ni'deUcdläge von Jahrhunderten vergewaltigender Politik reichen ebenfalls nicht ans, die Genesis des Unthnnlichen zu erklären. Die Lösung liegt in der nihilistischen Färbung des Moskowitcrthnms. Wo ein organisches Gebilde sich nicht zu geiialien vermochte, glaubte mau wol alles herbei und hinweg zaubern zu können. In diesem Lande ist der Radicalismus nicht auf die Rebellen beschränkt. Jndesten kann selbst in Russland den Bäumen nickt befohlen werden in den Himmel zu wachsen. Die meisten ruisischen Inden sind zu arm, um auszuwandern und sich selbständig anzusiedeln. Die Wohllhätigkeit der Culturländer ist der Ausgabe, Millionen wegzuschaffen und zu neuem Erwerbe auszustatten, oder auch nur mittellos auszunchmen, wenn sie selbständig ankämen. ebenfalls nicht gewachsen. Amerika und England prvtcstiren schon heute. Für den größten Theil der russischen Inden bleibt daher, so traurig cs ist, nichts übrig als zu verbleiben, wo er sich beflndet. Kleine Chronik Wien. Dienstag den 2. Dezember fand im türkischen Tempel wie alljährlich anlässlich der Thronbesteigung unseres Kaisers ein feierlicher Gottesdienst statt, dein der Gemeindevorstand, das Coittite des Vereines ״HaH>a8esta", der Vorstand der türk. Tatmud-Thoraschule, die Schuljugend sowie zahlreiche Damen und Herren ans der Gemeinde beiwohnten. Nach Absiugung des Ma-Towu mit Orgelbegleilung hielt der Schuldirektor, Herr Emaunel Gr vag. eine ebenso formvollendete als patriotische Festrede, worauf dann die Volkshymne gesungen wurde. Zum Schluffe reciHrte Obercantor I. Bauer das Menucha nechona für die verstorvenen Gründer und Mitglieder der türk. Talmud- Thoraschule, und nachher wurden cirka 50 Kinder dieser Schule mit Winterkleidern betheilt. Wie«, (Ottakring ) Herr Jacob Carl Deutsch, Sohn des hiesigen, allgemein verehrten Hrrn Rabbiners, Dr. Moritz Deutsch, wurde Samstag den 12. d. M. im Prunksaale der hiesigen Universität zum Doctor der gesaminten Heilkunde promovirt. Viele Freunde des Herrn Rabbiners und zahlreiche Mitglieder unserer Gemeinde waren bei diesem feierlichen Acte anwesend. 8. Lernverg. (Die Millionen-Stistnng des Baron Hirsch.) Baron Hirsch bar sich damir einverstanden erkläre, dass der Regierung daS Rech l eingeräumt werde, vier Mitglieder des für die bekannte Zwölf-Millionen׳ Stiftung bestimmten CuratorinmS zu ernennen. In Folge dessen ist daS letzte Hindernis, welches der Activirnng der Stiftung entgeg-nstand, beseitigt, und die Schulen und Humauitäts-Jnstitnte, welche ans dem Vermögen in Galizien eröffnet werden sollen, können demnächst errichtet werden. Baron Hirsch soll deshalb in Kürze in Wien eintreffen. WolllN. Der hiesige Cantor und Religiouslehrer, Herr Sigmund Beinketes, wurde laut Zuschrift der BezirkSbauptmainischaft Strakonitz ääro. 5 Dezember 1390 als Rabbiner mit dem Trannngsrechte für die C1lltusgem״inde Wollin ernannt und bestätigt. Mtttschowitz Samstag den 13. d. M. fand in den Localitäten der deutsch-jütischen Volksschule eine Channkafeier statt, bei welcher auch arme Kinder mit Winterkleidern betheilt wuiden. Nach Begrüßung der Erschienenen durch den Schulleiter, Herrn D. Gansel, sprach ein Knabe der 3. Abtbeilung, der erst vorige Woche von unserem Cantor und Religiouslehrer, Herrn Landau, confirmirt wurde, die Berochaus, woraus die ganze Schuljugend daS N0aus-2uv absang. Die Festrede des Herrn Landau, eine Parallele deS ewigen Lichtes mit dem Schicksale deS jüdischen Volkes, batte den Vorzug, dass sie von Groß und Klein verstanden wurde und aus alle Anwesenden einen begeisternden Eindruck machte. Nach einer vom Herrn Lebrer Gansl vorgenommenen Declamation , wobei jede» Kind, vom kleinsten bis;um größten, ein Gedichtchen aufiagte, wurden die armen Kn er m;t Winterkleidern und die übrigen mir Leckerbissen und Spielsachen beichenkr. Mit einem dreimaligen Hoch aus unseren allgeliebten Landeövater und Arsingung d.׳r Volkshymne fand das schöne Fest einen patriotischen Abschluss. J. Schütteuhofeil. In der am 14. d. M. sialtgehabten Vorstandssitzung wurde Herr G. Samek aus Wien (Schüler deS Obercantor I. Bauer) e in ft: nun u zum I. Cantor gewählt. Herr Samek verfügt über eine umfangreiche Stimme und umfassendes hebräisches Wissen. Wudapest. Die israelitische orthodoxe Landeskanzlei überreicht d mnächit nn Name!׳, der orthodoxen Juden dein Abgeordnerenhanse eine P.riliou, dabin gehend, dass in das Gesetz, betreffend die Sonntagsruhe, eine Bestimmung ausgenommen werde, wonach di-.-j-ni zen Staatsbürger, welche den Samstag feiern, nicht dem Zvanze der Sonntagsruhe unterliegen sollen. Begründet wird die Petition damit, dass nach