Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 34 (21.12.1890)
- Date
- 1890-12-21
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Lustrebt. Ja, es war notbwendig das große Gericht über das ganze Volk; das sieht dieses Volk jetzt selber ein. Und das Verdienst, cs dennoch bei seinem Gotte erhalten, ja es jetzt erst wahrhaft und unlöslich mit ihm verbunden zu haben, gebührt dem kleinen Theile des Volkes, der im nationalen Untergange fest blieb, der das tiefste Leiden, die schwerste Erniedrignng für das Volk trug nnd so zum Sühneopfer für die Schuld des Volkes ward. Die Erkenntnis der sühnenden Kraft. der Gotteshelden nnd Märtyrer durch ihre Treue gegen Gott, der heilenden Macht vollkommener Hingebung an den allgewaltigen Willen Gottes für Volk und Menschheit, — das ist der köstliche letzte Ertrag der prophetischen Verkündigung an Israel. An die .Höhe dieser Erkenntnis reicht nichts Anderes in der alten Welt, was auf Gottesdienst und sittliche Erkenntnis Bezug bat. heran. Dieser Gedanke zeigt deutlich den Weg auS dem alten in den neurn Bund. Mic welcher Dankbarkeit nnd Ehrfurcht müssen wir ein Prophetenthum betrachten, welches uns so nahe an die Schwelle des Heiligthnms unseres, eigenen Glaubens gestellr hat! Ganz ausgestorben ist die Stimme des Prophetenthums auch mit diesem letzten ungenannten Vertreter desselben allerdings nicht. Aber wesentlich Neues bringen wie Ezechiel in der Zeit des Exils. soHaggai, Sacharin nnd Maleachi in der Zeit der Rückkehr und Neugestaltung der Theokratie nicht mehr. Es folgt ein Abwärtsgehen und Schweigen der erhabenen Stimme. Zur Geschichte der Jude» in Russland. III. (Schluss.) In diesen drei Aenßernngen haben wir die öconomische Geschichte der Juden unter russischer Herrschaft an einen fortlaufenden Faden gereiht. Als das Negierungsinteresse noch nicht ckie Zersetzung alles Nichtmoskovitischen durch Gewalt und Schimpf zu fordern schien, konnte sich das Gouvernement es gönnen, den uational-öconomischen Wenh seiner Juden zu begreifen, und die schwere Armntb, die cS, ursprünglich um den polnischen Mittelstand zu gewinnen, ihnen auferlegt, durch Ackerbaneolonien auf .nichtpolnischem Gebiet zu heben. Diese Eolonisn, in welche sich die Inden nach verschiedenen ministeriellen Berichten drängten, konnten bei der selbst durch verkleidete Obercontrolore nnbemmbaren Ausbeutung durch die Behörden nicht gedeihen, und aufs Neue melden die tveftlichen Gouverneure von der Massenarmuth der .Juden. Da man sie trotzdem auf polnischem Gebiet von den vielen rnssischerseits eingefübrten Beschränkungen nicht befreite, so suchten sie bei dem durch Eisenbahnen und die Aufhebung .der Leibeigenschaft gesteigerten Geschäftsverkehr in das -Zarat zu gelangen, nnd riefen, obschon cs nur einigen hunderttausend gelang, in wenigen Jahren Aksakoss'sche Einwendungen hervor, denen der .Handelsstand züstimmte. <Lo demüthigend dieses Geständnis der N1chtc0l>cnrrenz- Fähigkeit für die so viel wohlhabenderen und gesicherteren Russen hätte sein sollen, so wenig ähnliche Stimmen auch in den altpolnischen Provinzen hörbar -wurden, in welchen die Inden sechshundert Jahre länger sitzen,' so sccundierte doch die Negierung, um auch daß commercielle Interesse für den Zweck der nationalen -׳Nivellierung zu' verwerten. Und zwar, wie gesagt, mit pointierter Betonung der moralischcn Seite der Sache. Mit so. pointierter Betonung der amtlichen Ethik, dass sogar ein Jgnatiff, ein sprichwörtlicher Vater der Lüge, nach veranstaltetem Blutbad es sich nicht versagen konnte, chie mangelhaften Geschäftsusäncen der jüdischen Firmen als die Veranlassung des ganzen Jncidenzfalles darzustellen und auf ihnen seine weiteren Maßnahmen mit ernster Miene aufzubauen. Die russischen Juden unterliegen seit hundert Jahren einer Macht, welche sie unter die Füße tritt nnd gleichzeitig die Hand hinhält, um sich gegen sich selbst für etwas weniger harte« Zureden bestecken zu lassen. Sie sind in diesen hundert Jabren zu dreiviertel bettelarm gemacht, leben von Rinden, geben in Lumpen nnd wissen nie, ob der Erwerb, ans dem sie sich die Rinden und Lumpen holen, ihnen nicht morgen durch den Zaren oder feinen Polizeifergeanten an der nächsten Ecke entzogen werden wird — der letztere ist in Bezug aus sie ja mindestens ebenso omnipotent wie der erstere. Sie führen diese Existenz inmitten einer Bevölkerung, welche, weniger geplagt wie sie, ebenfalls in rechtlosen Zuständen lebt, sich ihnen, soweit ihre Gewandtheit reicht, ebenfalls zu entziehen sucht, und bei der herrschenden geringen geistigen und sitt׳ lichen Cultur für die schwerer Unterdrückten mehr Hohn als Mitleid bat. Diesem Staat und dieser Gesellschaft stehen sie mir einer durch mebrtauseudjäbrige Cultur großge;ogenen Begabung gegenüber, welche, wie Äkiakoff unzweifelhaft sebr übertrieben, aber dock unter dem Beifall von Moskau und Peterburg sagen konnte, sie zu Herren alles russischen Besitzes machen würde, gäbe mau ihnen Gewerbesreibeit. Die Tbätigkeir und Begabung, nicht die geschäftliche Redlichkeit oder Unredlichkeit wird an dieser Stelle hervorgehoben. In der Tbat hält sich der russische Kaufmann in letzterem Punkt dem jüdischen durchaus für gewachsen, der jüdische allerdings sich dem russischen auch nicht gerade für inferior. Es ist nach Landessitle so lang wie cs breit ist und ans beiden Seiten recht amendierbar. Das Niveau der geschäftlichen Anständigkeit ist in jenen Längengraden nur bei einer Minorität aller Confessionen ein Hobes. Die Klage über jüdische Unredlichkeit, welche der pfiffige russische Kaufmann sich schämen würde zu führen, geht auch in der Regel nur von Grundbesitzern auS. die ihr Land oder die Bewirrhichaskung desielbcn durch Hypotheken verlieren, und pstegt auch dann auf großrussische beschränkt zu sein, denen dergleichen durch Leichlsinn, Unsteiß nnd die neuerliche Umwälzung ihrer agrarischen Verbältniße öfter passiert als Polen und Lithauern. Freilich sind die Praktiken, welche dem Zweifelhasten ländlichen Schuldner gegenüber der berufsmäßige Darleiher zu üben pstegt, hier nicht anders als in den irischen Dörfern, in denen der strenggläubige Katholik sie gegen den Katholiken gebraucht, oder in den moskowitischcn, in denen der rechtgläubige Priester seine Psarrkinder gerne bewuchert. Nur dass die Inden den Ausschluss von so vieler ehrlicher NahrungSgelegenheik, die amtliche und halbamtliche Aussaugung und meist auch den Kampf mit der äußersten Nolh als mildernde Umstände anzuführen haben. Im Ganzen ist es zu vcrstebcn. wenn Freiherr von der Brüggen, ein cnrländischer Baron, desien staalsmännische Darstellung seiner örtlichen Erfahrungen eine Haup Lfuelle für diese Dinge geworden ist, den russischen Juden ein starkes Ehrgefühl unter sich, aber die Beschränkung desselben ans ibre eigenen Kreise zuschreibt. Kanu aber die russische Negierung, die notorisch von Vortheil und Schein be» stimmt wird, eine Befugnis haben, die Juden moralisch anzuklagen, solange sie 2,225.000 von ihren 3,000.000 Juden*) gewaltsamer Hungersndth und gesellschaftlicher Ehrlosigkeit überliefert nnd ihnen trotzdem den Ehrenpunkl unter sich immer noch nicht hat austreiben können? Die Verlängerung dieses Zustandes erschwert seine Ver» bcsserung. Vom Gesetz verstoßen und zur modernen Bildung *) Letzthin werden sie von Einigen auf 4,000.000, von Leroy Beaulien sogar aus 5,000.000 geschätzt. Die genaue Zahl lässt sich so wenig bei ihnen wie bei einem anderen rusiischen Bevolkerungstheil feststrllen.