Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 34 (21.12.1890)
- Date
- 1890-12-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Regierung ihrerseits diesen Schulbesuch gefördert? Durch Beschrättkuug' der jüdischen Schule.zahl auf 10 Percent innerhalb, und auf 3 Percent außerhalb des den Juden anzewieseucn Aus» eulvaltsgebietes. Der Czar aber babp zu verstehen gegeben, dass die Wohlfahrt seiner jüdischen Unterthancn ibm gerade so sehr am Herzen liege, wie jene der übrigen, und man habe Vertrauen in das kaiserliche Wort. (Hört! Hört!) Alexander II. habe viel zur Befreiung der Leibeigenen getban, und sein Sohn würde gewiss nichr den Wunsch nach Schaffung einer neuen Classe von Leibeigenen hegen. Alexander II. habe durch das 1865er Rescript den jüdischen Handwerkern auch den Aufenthalt außerhalb des den Juden angewiesenen Gebietes gestattet, und es könne nicht die Absicht des jetzigen Kaisers fein, dass feines Vaters edles Edict durch eine tyrannische Auslegung des Gesetzbuchstabens wirkungs- Los bleibe. Lord Meath empfahl, eine Deputation zu dem Czar zu entsenden und der heutigen Kundgebung durch Abhaltung ähnlicher Versammlungen in der ganzen Welt Nachdruck zu geben. Von Alderman Sir R. Fowler unterstützt, gelangte auch diese Resolution zur einstimmigen׳ Annahme, und mit einem Dankcsvotum an den Lord-Mayor schloß die denkwürdige Kundgebung, die nicht verfehlen dürfte, Eindruck in Petersburg zu machen. Lord Meath als Vertreter des Hochadcls und Sir .Josef Pe ase als Vertreter des Bürgerthnms in England werden sich nach Petersburg begeben, um die Petition dem Czar persönlich zu überreichen. Im Dienste der Aufklärung. II. Berlin, im December 1890. Der dritte der von Herrn Pastor Ziegler*) gehaltene Vortrag, über welchen wir bereits in voriger Nummer d. Bl. Bericht erstattet, behandelte .die messia ui scheu Weiss a g u n g e n des alten T e st a m e n t 6', nicht als einen Gegenstand theologischer Schulweisheit, sondern als den lebendigen Ausdruck des religiösen Ringens und Trachtens, Glaubens und Höffens in Israel/ welcher der trüben Gegenwart entsprang und die Verwirklichung des Heils, die Erfüllung des Berufes in der Zukunft suchte. Geradezu einzigartig unter allen Völkern, die auf dem weltgeschichtlichem .Schauplatze erschienen sind, war das Selbstbewusstsein Israels, und im letzten Grunde beruhte dasselbe aus dem Bewusstsein dieses Volkes, die höchste Aufgabe für sich und für die ganze Welt in sich zu tragen. Je heißer der Kampf der Propheten und des prophetisch gesinnten Theiles dieses Volkes gegen die am sinulichen und heidnischen Dienst sesthaltende große Menge war, desto lebendiger und klarer gestaltete sich das Bild der Zukunft im Geiste der Vorkämpfer und religiösen Helden und Führer. Die Anschauung freilich, dass in den Schriften des allen Testaments auf Schritt und Trilt bestimmte einzelne Vorgänge der Geschichte Jesu, wie etwa daß Werfen des Loses durch die ihn kreuzigenden römischen Soldaten um sein aus einem Stücke gewebtes Gewand, oder die Geburtszeschickte Jesu vorausgesagt seien, erweist, sich dem tieferen Blicke als gänzlich unhaltbar. Wol aber findet sich schon in den ältesten prophetischen Schriften die Verkündigung einer Zukunft, welche ebenso patriotisch bockstrebend wie sittlich und religiös erhaben ist. Mit Gerichtsverkündigungen an die ungöttlich und unsittlich gesinnte Masse, mit Rufen zur Umkehr an Hohe und Niedrige verbunden, findet sich schon im 8. Jahrdundert vor Christus beim Propheten Jorl ein solches Bild der Zukunft, in welcher der Geist Gottes Gemeingut aller *) Herr Pastor Ziegler amtirt in Liegnitz und nicht:! wie irrthümlich berichtet wurde, in Berlin. Glieder seines Volkes wird und dieses Volk unter dem, Schutze seines Gottes reichsten Segen und Heil genießt. Und wenn dieses Zukunftsbild ebenso wie die Zlikuitstsveikündiguiigeu bei Amos, Hosca und dem älteren Sacharja zugleich sinnlicher Art ist, eine uugemessene Fülle der besten Naturproducte und die Besiegung aller nationalen Feinde in Aussicht stellt, so ist dies für alle Kenner der Zeit und der Entwickeluugsstufe des Volkes und seines religiösen Lebens durchaus nicht verwunderlich. Es wäre vielmehr ganz verkehrt, schon in jener Zeit das Zukunftsbild eines rein geistigen und himmlischen Reiches erwarten zu wollen. Im weiteren wies der Redner nach, dass in diesem prophetischen Zukunftbilde in Israel ursprünglich ein Mess ias, ein Gesalbter, d. h. ein gottbeauftragter Retter und König, gar nicht entyalten fei, sondern Gott als unmittelbar durch seine Allmacht und durch seinen Geist daß Heil wirkend dargestellt werde. Erst nach dem assyrischen Strafgericht im Jahre 710 erstand in den Propheten Juda's, vor Allen in Micha und Jesaia, ein wesentlich klareres und sittlich tiefer gefasstes, geistighöher stehendes Bild der von Gott gewollten Zukunft, und in ihm wird ein sittlich reiner, ganz mit Gott lebender Herrscher des Volkes in's Auge gefasst, ein König nach Gottes Herzen wie David und aus Davids Stamm, der Sieg über die Feinde, Zurückbringung der verlorenen und verachteten Theile des Volkes, vor Allem aber den vol len Sieg des Jehovadienstes durch sein Volk unter allen Völkern bringen werde. Auf Grund der näheren Darlegung dieser im engeren Sinne des Wortes messianischcn Verkündigung (namentlich nach Jes. 8,23 bis 9,6 und 11,1 bis 16), die im Angesichte der fürchbarsten Gefahr und der schwersten äußeren Lage des Volkes ensprungen ist, wies der Redner auf den großen religiösen und sittlichen Werth solcher Verkündigungen hin. Und doch: so wie es hier geweissagt war, hat dieses Ideal sich national in Israel nicht verwirklicht.und in dem neuen schwersten inneren und äußeren Kampfe der göttlichen Wahrheit und des göttlichen Geistes, den der vorige Vortrag an der Gestalt des Jeremias gezeichnet Halle, wies . der: Redner nunmebr wiederum den Ursprung, einer Neugestaltung des Zukunftsbildes nach. Völlige ,Neugeburt des Volkes, ,gänzliche Umgestaltung des Gottesdienstes aus einem äußerlichen und erzwnngenen Cultus zu einem.Dienste Goites im Geist und in der Wahrheit, ein neuer Bund, d. h. ein neues Lebens- Verhältnis der S e e l e n z u G o t r, i u welchem die Einrichtungen des alten Bun d es, Bundeslade und T e in p e l d i e n st, Gesetz u 11. d P r o p h e 1 e 11 t h:11 m 1 n ein neue s H ö heres a u f g e h o b e it s i 11 d, das ist der wesentliche Jnbalt der neuen Verkündigung, die sich bei Jeremia in der Zeit des Unterganges der Nation durch Nebukadnezar auf den Trümmern des Alten erbebt. Nur eine, allerdings sebr wesentliche Ergänzung" kommt später zu diesem Höbepunkle der Heilsverkündigung -noch ׳hinzu, das ist die Weissagung in der Schrift,, die uns i 111 z w ei t e.-n Theile des Jesaiabucbes (Cap. 40—66) vo!liegt. Sie ist nicht :von Jesaia und macht auch keinen Anspruch daraus, von ihm zu sein, sondern sie rührt, von einem niigenaiuiteii Propheten" her, der etwa 150 Jahre nach dem Tode Jesaias zur Zeit des -großen Sturzes der babylonischen Weltmacht durch Cyrus schrieb. Es ist eingetroffen, was Jeremia vorausgesehen und verkündigt, halte : auch die scheinbar für alle Zeiten unüberwiydliche Gewalt Babyloniens ist in'S Wanken gekommen. Cyrus wird mit seinem Namen als der Bote und Vollstrecker des göttlichen Gerichtes vom Propheten begrüßt, und eine neue selige Aussichterhebt: sich für daS tiefgebeugte Volk, das jetzt geläutert, auferstehend auS Schmach und Leid, mit neuer Kraft seinem himmlischen Ziele