Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 34 (21.12.1890)
- Date
- 1890-12-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 hervorragenden Persönlichkeiten, die am Erscheinen verhindert waren. Der Herzog von W e st m i n st e r begann seine Rede mit der Erklärung, er betrachte es als selbstverständlich, dass die Engländer als Nation mit Russland auf gutem Fuße bleiben wollten, und er erwäbnte, da's er während des letzten russischtürkischen Krieges Mitglied eines ComileS gewesen, welches den russischen Verwundeten Liebesgaben spendete. Es sei aber eine echt englische Eigenschaft, Mitleid mit den Unterdrückten zu fühlen nnd sich ihrer anznuehmen, und das Meeting, welches den Zweck habe, einen bescheidenen nnd achtungsvollen, aber kräftigen Protest gegen eine Verfolgung zu erheben, die glücklicherweise weder in Europa noch in Amerika, vielleicht nicht einmal in Asien ihresgleichen habe — Dies Meeting bedürfe keiner Entschuldigung. Darauf beantragte der Herzog.folgende Resolution: ,Nach dem Ermessen dieser Versammlung sind die erneuten Leiden der Julnn in Rußland unter der Wirksamkeit strenger und auSnahmsweiser Edicle und Unfähigkeiten tief zu bedauern; in diesem lctzten Jahrzehnt des neunzehnten Jabrbunderls iit die Glaubensfreiheit ein Privcip, welches von jedem christlichen Gemeinwesen als eines der natürlichen Menschenrechte betrachte! werden tollte.' Zu ihrer Begründung sagte der Herzog: Bald nach der Tbton״ besteigung des jetzigen Czars hätten sich in Russland so traurige Dinge ereignet, dass alle Gebildeten in Europa und Amerika davon ergriffen worden wären. Der Hass und die Eifersucht gegen die Juden hätten in Russland unsagbare Ungeheuerlichkeiten hervorgerufen. Schon damals hätte die Stimme Englands voll Unwillen und Mitleid sich erbobeu. Jetzt lägen zwar keine so Himmelschreienden Abscheulichkeiten vor. aber es würde unter dem Deckmantel grausamer Gesetze arges Unrecht begangen. Es bandle sich um eine Bevöikeruna, die an Zahl jene Schottlands übertresfe. Jedes Jahr würden die unmenschlichen Gesetze gegen die Juden verschärft. Die ruisiichen Inden dürften mit wenigen Ausnahmen gewisse Diftricle nicht verlassen. Man treibe sie aus den Dörfern in die Städte, wo sie nur schwer ihren Unterhalt fänden. Grundbesitz durften sie weder durch Kauf noch durch Erbschaft erwerben, an Sonntagen und christlichen Feiertagen keinem Verdienst nachzehcn. In Tschernigow hätten sich die jüdischen Einwohner in kurzer Zeit von 5000 auf 20,000 Köpfen vermehrt. Die Juden seien, wie die Schotten, durch die Sorgfalt berühmt, welche sie auf die Erziehung ihrer Kinder verwenden. Nun sei vor drei Jahren ein Nescript erschienen, welches die Zahl der jüdischen Schüler an den Gymnasien und Universitäten auf zehn und fünf Percent und auf den Universitäten in Moskau und Petersburg gar nur auf drei Percent der Gesammtzahl einschränkt. In Odessa seien von den 240,000 Einwohner nicht weniger als 106,000 Inden, dennoch durften nur fünf Percent der dortigen UniversitätshörerJuden j sein. In Vinitza habe ein Jude Namens Weinstein aus eigenen Mitteln eine technische Schule gegründet, zehntausend von den 25.000 Einwohnern seien Juden; trotzdem durften nur acht jüdische Jünglinge diese Schule besuchen. Kein Jude könne Militär-Arzt oder Beamter werden. Juden, die fünfzehn Jahre im Regierungs- .dienst zu Nowo-Älexandrowek gestanden, seren plötzlich entlassen Worten. Man erlaube den Juden ausnahmsweise, die Rechte zu studieren, aber sie dürfen nicht vor Gericht plaidiren. Die An- Häufung der Juden in den Städten habe die schlimmsten physischen und moralischen Folgen für sie. Man drücke sie zu Boden, obwohl ' der verstorbene Kaiser in einer Unterredung mit Moicö Monlesiore!die Hoffnung gewährt habe, er werde, wie die Leibeigenen, auch die Juden emancipiren. Es wäre eine Ehrensache für den. gegenwärtizen Czar, ihnnr Gleichberechtigung zu gewähren. Alan tage. ׳ dass die russischen Juden schlechte Staatsbürger seien. Man könne der russischen Regierung erwidern, wenn sie die Juden durchfurchtbaren Druck demoralifire, so habe sie kein Recht, sich über sie zu beklagen. Wie in Egypten, wo sie der Pharao nicht ziehen lasten wollte, so würde auch in Russland die Stunde der Befreiung für die Juden schlagen, die Nackt ihres Kummers dem Morgenroth eines glänzenden und glücklichen Tages weichen. Die 9iede des B i s cd o f s von R ip o n unterstützte die vom Vorredner beantragte Resolution auf das Wärmste. Redner bekämpfte insbesondere den Einwand, dass die Kundgebung einer pbilan» tbropischen Hysterie eurpruvgen sei. Mit der Kundgebung werde l keine Beleidigung der russischen Nation bezweckt, sondern lediglich die Geltendmachung humaner und christlicher Grundsätze. Als eine der größten Härten der Ansnahmsverordnungeu gegen die Juden in Russland bezeichnete der Bischof die Rn kl a r bei t nndUn» b e st i m m t h e i t der Edicle. So war den willkürlichsten Aus» legungen Thor und Thür geöffnet. Die Juden durften nicht in den Dörfern leben. Dann tauchte die Frage auf: Was ist eine Stadl? Da gab es denn ein Bevölkerungs-Centrum. in welchem die jüdische Bevölkerung ruhig gelebt batte, bis die Beamten plötzlich entdeckten, es sei dies keine Stadt, nnd die Juden wurden alle ansgewiesen. Es ward verfügt, dass die ,geschickte»^ Handwerker außerhalb des ^für'die Juden abgegrenzten Gebietes sich aushalten sollten. Doch welche waren ,geschickte' Handwerker? Neulich wurden.25 Schriftsetzer aus dem Brot gejagt, weil man fand, dass ein Schriftsetzer kein geschickter Arbeiter sei. Redner begreift, dass es Fälle geben könne, wo eine offen!» licke Kundgebung, welche sich mit den Angelegenheiten eines anderen Landes beschäftigt, bockst unklug sein könne. Hier aber durch diese Kundgebung würden keinerlei'diplomalische Schwierigkeiten, keiner» lei Schädigung der srenndschasklicken Beziebungen zwischen Großbritannien und Rußland verursacht. Sonst würde er, Redner, sich, nicht daran betheiligeu. Man wende fick an die souveräne Gewalt des Czars in aller Ehrfurcht und im Vertrauen auf seinen Wunsch, Recht zu thnn. (Beifall.) Nicht ein Wort wolle man dem Czar gegenüber, gebrauchen, welches nur in der allerentferntesten Weise als Drohung ausgelcgt werden könne. Der Grundsatz der Glaubensfreiheit sei eines der natürlichen Menschenrechte. (Beifall.) Um die Grundsätze des Chrisienthums und der Menschlichkeit zu bekräftigen, sei das Meeting einberufen worden. Es habe mit der inneren Politik nichts zu schaffen, die Anfrechlerhaltung der Barmherzigkeit nnd die Verkündigung der Humanität gehören zur Weltpolitik. (Beifall.) Nach einer längeren Rede des Methodisten »Predigers Hughes, welche zum großen Tbeile eine Abfertigung der Madame Novikow und ihrer Bemühungen gegen das Meeting enthielt, wurde die Resolution ein st i m m i g a » g e n o m m e n. Hierauf ergriff der E a r l v. Me a th das Wort, um nachstehende weitere Resolutionzu beantragen und in längerer Rede zu begründen: ,Ev möge eine passende Denkschrift an Se. kaiserliche Majestät dem Kaiier aller Reusten gerichtet werden, worin Sc. Majestät achtungsvoll gebeten wird, alle die ausnahmsweisen und beschränkenden Gesetze und Unfä'vigkeilen. welche seine jüdischen üntertbanen bedrücken, au szu heben und jenen ticlelben Recvle zu verleihen, welche seine übrigen Üntertbanen genießen. Diese Denkschrift!olle vom Lord Mayor im Namen der Bürger Londons unterzeichnet und Se. Majestät von Sr. Herrllchkeir übermittelt werden. * Rrdner erinnerte an die russische Neiie Sir Moscs Monte» siore's im Jabre 1846 nnd d.sfen Besuch beim llnlerrichtsminister Grafen Uwarow. welcher zu ibm sagte: .Die Negierung wünicke die Inden aufzurichlen und die noch gegen sie bestehenden Vorurtheile abzuschaffen, aber daS braucht Zeit, und alle Juden müssen selbst durch besseren Schulbesuch dazu helfen.' Wie aber hat die