Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 34 (21.12.1890)
- Date
- 1890-12-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Dr. Deutsch gibt überdies in seinem Artikel ausdrücklich die I Nothwendigkeit des Cantors auf Grund der Tradition zu und bekämpft nur die Ausübung rabbinischcr Functionen durch gänzlich unbefähigte Elemente, die sich zumeist ans Cantorenkreisen recrutieren. Es ist übrigens bekannt, dass in gewisien Kreisen der sogenannten Neformrabbiner schon seit langem ein latenter Groll gegen die Cantoren herrscht, weil jene Herren — ich weiß nach welchem Beispiel: nach christlichem — die alleinigen Träger des Gottesdienstes sein möchten; bisher haben aber diese ehr* würdigen Herren sich mit ihrer Bestrebung auf den engen Kreis ihrer Gemeinde beschränkt, wo sie mit dem Cantor aus kleinlicher Eifersüchtelei peinliche Sceuen provocirt und ihr Kukuksei in Form irgend eines vom Zaune gebrochenen deutschen Gebetes in den Gottesdienst geschmuggelt haben. Herr Dr. Deutsch aber ist ein Mann, der den Muth besitzt, seine Meinung öffentlich zu bekennen, nud wir müssen ihm dafür Dank wisien; denn seine Äußerung ist bezeichnend für viele seiner Amtsgenosien. Es ist nunmehr vor aller Well dargethan und kein Zweifel darüber zulässig, was wir von jener Seite zu erwarten haben. Herr Dr. Deutsch hat ferner in jenem Artikel die Mängel des Cantorenthums unbarmberzig ans Licht gezogen; wir müssten den Vogel Strauß spielen, wollten wir dieselben leugnen. Es ist Lies ein Thema, daS schon üuzähligcmal von den besten Freunden des Cantorenstandes und Cantoren selbst variirl wurde, und doch muß es so oft aufs Tapet gebracht werden, bis die Gemeinden endlich zur Einsicht gelangen und selbst die Initiative zu radikaler Abhilfe ergreifen werden. Zn so lange von dem Cantor ein bestimmtes Maß fachlicher Ausbildung nicht verlangt wird; so lange jeder beliebige Jude, ohne auch nur den Schein einer Befähigung nachzuweisen,, sich um eine Cantorstelle bewerben kann und in vielen Fällen angestellt wird, kann dem Cantorenstaud die allgemeine Achtung nicht ungetheil! entgegengebracht werde». Von dem Handwerker verlangt der Staat einen Bc.säbigungsnachwcis, nur der Begriff Cantor ist undesinierbar: Jaamod mi schejirzeh! J Der gebildete Cantor, der sich für. seinen Beruf tüchtig vorbereite! hat, muß inner dem allgemeinen abfälligen Uhrthcil. das von jedem besseren Menschen über dieses gurgelnde Proletariat gefällt wird, leiden. Diesem Unfug tollten die Gemeinden denn doch einmal ein Ende machen, indem sic bei Besetzung der Cantorstellen aus die fachliche und iutellectuelle Qualisication der Bewerber größeres Gewicht legen mögen, als dies bisher geschehen ist. Es ließen sich in dieser Beziehung leider drastische Beispiele selbst von intelligenten Gemeinden in berühmten Kurstädtcn anfübren, wo lediglich nach dem Grundsätze vorgegangen wird: Im zook jizak elaj, schomoa esclima zaakoso, wenn er nur recht gut tchreien kann, wird er auch acceptirt. Herr Dr. Deutsch wirf! schließlich den Cantoren Faxenmacherei vor, indem sie durch das Anfasien des Xiddnsek-Bechcrs mit dem Talis eine .geistliche' Function zu verrichten glauben. Da hat einmal der Herr Doclor über'» Ziel geschosien. Mit demselben Rechte könnte man bebaupten, die Rabbiner wäbnen, mit dem Küssen der Bibel, nachdem sie aus derselben aus der Kanzel citiert haben, eine ,seelforgeritche' Function ausznüben. Nachdem das Zudenthum aber einen ,Geistlichen' oder .Seelsorger' im katholischen Sinne überhaupt nicht!nun, so ist dies wohl bei beiden nicht der Fall. Solche harmlose Gewohnheiten sollten nicht gleich als tendeutiös hingestellt werden. Hewe don es kol odom lechaf sechus! Brüx, im December 1890. I. L a m m Oberccmtor und Religionslehrer. Das Protest-Meeting in der Guildhali. London, 11. Dezember ' Heute Nachmittags wurde in dem mächtigen Raume der Guildhall das angekündigte große Meeting abgehalten, welches eiuberufen wurde, um die Entrüstung der öffentlichen Meinung in England gegen die neuesten Verfolgungen auszusprechen, denen Millionen der jüdischen Nace in Russland unter dem Joche strenger Ausnahms-Edicte und Unfähigkeiten ansgesetzt sind. Einberufer war der Lord-Mayor auf Veranlassung zahlreicher Vertreter des Adels, der Legislatur, der Kirchen aller Confesiionen und der wissenschaftlichen Körperschaften. Die Betheiligung war eine glänzende. Kein Platz des weiten Raumes blieb unbesetzt. Der Lord-Mayor, Alderman Savory, führte den Vorsitz. Auf der ,Platform' war er umgeben von der Elite der Gesellschaft, worunter sich seine Gemahlin, die Lady Mayoress. der Herzog und die Herzogin von W e st m i n st e r, der Herzog von Newcastle, die Baronin B u rd et t-C o u t t s, die Bischöfe von N i p^o n, M a n ch e st e r.z G l o u c e st e r - Bristol, Wakesield und St. A l b a n S, der Decan von Westminster, der Marquis of A b e r g a v e n n y. die Earls Spencer und M e ä t b, die Lords N o w t o u, Bra m w e ll und sonst zahlreiche Peers und Mitglieder des Hauses der Gemeinen, der stellvertretende Ober-Rabbiner Dr. A d l er, der Leiter' der Heilsarmee, .General' B o o t b, Baron Ferdinand N o t h s ch i l d, der frühere Lord-Mayor Sir Henry Z i a a c s, Sir I o h n S i m o n, Herr S e b a g M o n tefiore (Neffe des verstorbenen Sir Moses Montcfiore), die jüdischen Prediger Singer und L ö w y, Professor Marks, Herr Isidor S p i e lmann und andere hervorragende Mitglieder der jüdischen Gemeinde Londons befanden. Die Kundgebung war thatsächlich eine der großartigsten, welche in der City von London jemals zu Gunsten einer bedrückten Nace abgchalten worden. Die Verhandlungen wurden um 3 Uhr durch den Lord- Mayor mit einer kurzen, sehr beifällig aufgenommenen Ansprache eröffnet, worin der Vorsitzende nach einem Hinweise daraus, dass die Bürger Londons seil Jahrhunderten eine hervorragende Nolle in der Vertheidigung von Glaubens- und bürgerlicher Freiheit gespielt, die Hoffnung aussprach, dass in der Versammlung kein' .feindseliges Wort gegen den Czar selber fallen würde. Der russische Herrscher sei ein guter Gatte und ein zärtlicher Vater, und ein solcher Mann müsste schlechterdings gütige Gefühle gegen alle seine Untertbanen hegen. Ans den Czar richteten sich gegenwärtig alle Hoffnungen der russischen Juden. Mit einem Federstriche könnte er jene Gesetze, welche die Juden so schwer bedrückten, beseitigen. Wiederholt hätte der Czar geäußert, dass die Interessen seiner jüdischen Unterthanen ihm ebenso sehr am Herzen lägen, wie die der ortbodvxesteu Russen. Solle eine neue C l affe von Leibeigenen in Russland geschaffen w erden? Die Lage der Inden nähere sich rasch der von Leibeigenen. Za, sie seien schlimmer daran als Leibeigene, denn Letztere batten Herren, die für sie verantwortlich waren, aber die russischen! Inden hiengen von der Gnade der russischen Polizei ab. (Beifall.)! Alexander II. — schloss der Redner — schuf sich einen unver- | gänglichen Namen, weil er die Leibeigenen emancipirte; möge! Alexander III. ermuntert werden, seinen Namen der Nachwelt als der Emancipator der russischen Juden zu hinterlasfen. (Beifall.); Der Lord-Mayor verlas darauf S y m p a t h i e s ch r e i b e 11 von dem Erzbischof von Canterbury, dem B i sch o f von London, dem Herzog von^A r g y l l, dem Herzog von j A b e r c o r n, Lord Derby, dem Methodisten - Prediger! S p u r g e o n, dem Dichter Lord T e n n y s o n und anderen