Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-12-11 · Heft 33 (11.12.1890) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 33 (11.12.1890)
Date
1890-12-11
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/1304829-3453172-3453205--3025-3457337
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

© zu verkaufen. Sie treiben allerlei Handwerk und Handel mit LandeSproducteu, soweit cs nicht gerade örtlich oder zeitlich verboten ist, und agieren als Aerzte und Advokaten, wo mau es ihnen eben nicht wehrt. Die wenigsten Vermögenden werden für diese Erlaubnis grimmig geschröpft; da aber drei Viertel aller sowohl im Zarat wie in den altpolnischen Landen von der russtschen Verwaltung bereits an den Bettelstab gebracht worden sind. so ist für die heilige Hermandat, die das Huhn nahezu getödtet, nicht mehr viel an Eiern zu holen. Die Juden, die auf diese Weise im eigentliche» Zarat publice latitieren, find, die Moskauer, Petersburger, Oreler, Cbarkoffer, Nostosfer und kaukastschen eingeschlossen, höchstens auf 400.000 anzuschlagen. Großentheils erst in den letzten Zahrzenthen mit dem Eisenbahnbau und gesteigertem Productenhandel in das Zarat verzogen, stnd diese 400.000 ihren 50,000.000 moskowitischen Concurrenteu, die früher dergleichen Mitbewerb nicht kannten, rasch unbequem geworen. Der rührige polnische Händler fühlt sich dem jüdischen gewachsen; der gemächliche ,russische Kaufmann nach asiatischer Manier gewöhnt, nicht unter dreißig Prozent zu verdienen, kann mit dem jüdischen, der gewöhnich durch Armuth genöthigt ist, sich mit drei Procent zu begnügen und durch schnelleren Umsatz für die geringere Gewinnrate zu entschädigen, schwer zu concurriren. Sowohl in den allpolnischen Provinzen als im Zarat kauft man, wo man zwischen Moskowiter und Juden die Wahl hat, durchschnittlich billiger und in Folge dessen lieber vom Juden, wenn man auch im Verkaüf nicht von ihm gehindert werden will. Die daraus enstehenden Verstimmungen lassen sich begreifen. Ihnen gesellt stch ein anderer, ebenfalls commcrcieller, aber aus politischen Gründen von der Regierung aufgenommener und lebhaft accentuirter Vorwurf. Von Landbesitz, Landbau und Landhandel, den drei hauptsächlichen Erwerbsquellen jener wenig entwickelten Gegenden, durch das Gesetz in allen Landestheilen ausgeschlossen, wissen die Juden stch in diese Gebiete durch rechtgläubige Stell- Vertreter, die nominell für sie operieren, und rechtgläubige Beamte, deren Gefälligkeit entsprechend honoriert wird, in bescheidenerer Zahl einzusühren. Strohmänner, Polizei und Gerichte, die davon prosttieren. sind sowohl mir dem Verbot als der Umgehung desselben höchlich zufrieden und sprechen laut gegen das, was sie öffentlich als Landwucherei bezeichnen, um es privatim desto ersolgreicher mitzümachen. So sollen in den letzten dreißig Jahren bei der Verarmung des Adels, dem die Knechte, und der Verarmung der Knechte, dem die Herren genommen wurden, thatsächlich 1V2 Millionen Hectare durch Substitute in jüdischen Besitz übergegangen sein. Ein Grundbesitzer oder Bauer, der nach dem Verkauf sein Land in thätigeren Händen werthvoller werden sieht, wiederholt' die Klage, und die Negierung, die gegenwärtig ihre sämmtlichen nichlmoskovitischen Unterthanen amalgamieren oder vernichlen will, weil sie in gährender Zeit im chauvinistisch gemachten MoSkovitismus eine Gewähr des Despotismus erblickt, lässt das Echo in Blättern und Staatsschriften wiederhallen aä infinitum. Daran knüpft sich dann gewöhnlich ein in russisch gouvernementalem Munde spcciell erbauliches Bedauern über den sittlichen Verfall der Juden, ihre unschönen Praktiken und zumal ihren Wucher. Gehen wir zurück. Als Kaiser Nikolaus im Jahre 1845 den Ministerialrath Karzeff verkleidet und incognito nach den jüdischen Ackerbau- Kolonien in Südrussland schickte, um sich über die Lage der neuen, bereits amtlich geplünderten Gründung zu informieren, erstattete derselbe einen Bericht, in welchem der folgende Passus vorkam: »Das russische Volk verdankt die ganze Entwicklung seines Handels Len Inden. Die Jahrhunderte lang betriebene Ausrottung der Juden im westlichen. Europa führte eine große Menge derselben in die slavischen Länder, wo ihnen die Niederlassung gestattet und längere Zeit eine gute Behandlung zutheil wurde. Diese Juden, welche mit dem gepackten Sack auf dem Nucken und dem Wanderstab in der Hand die Products der damals noch halbbarbarischen Slavenländern zu den cnltivirteren Nachbarn in Westen und Süden brachten und die Erzeugnisse der letzeren zu uns zurücktransportierten, Waren die Pionniere der Civilisation, welche die Verbindungen zwischen Ost und West eröffneten und für unsere ersten^Fortschritte verhältnismäßig mehr gethan haben, als die Eisenbahnen dieses Jahrhunderts für die Gegenwart.' Wie man aus diesem sreimüthigen, die heutigen polnisch-russischen' Länder betreffenden Bericht ersieht, täuschte sich die Petersburger Negierung über die Nützlichkeit ihrer jüdischen Unterthanen nicht, als sie noch fest genug stand, um wenigstens im internen Verkehr der Behörden die Dinge sachlich nehmen zu können. Mit diesem Bericht — er würde vollständiger gewesen sein, wenn er die Einführung der Handwerke den Juden, die sie in den allpolnischen Provinzen noch heut überwiegend treiben, und unter der vorigen Negierung auch im Zarat treiben sollten, ebenfalls zugeschriebeu hätte — mit diesem Bericht vergleiche man, was der ehrliche Moskovitenenthnsiast Aksakoff im Jahre 1881 druckte: ,Feiheit für die Juden bedeutet Sklaverei für die Nüssen. Das russische Volk lebt heute schon unter dem wirtschaftlichen Joch der Juden. Werden sie gleichgestellt, so müssen wir ihnen unterliegen und Russland hört auf, für die Nüssen zu existieren.' Und das, obschon noch im Jahre 1865 die Gouverneure von Mohileff, Witepsk, Minsk, Kicff und Podolisn und danach der Minister des Innern in seinem zusammenfassenden Bericht die jüdischen Handwerker und Händler der Westprovinzen als ,so bettelarm und ungenügend beschäftigt' dargestellt hatte, dass ,sie aus Noth die billigste und schlechteste Arbeit thun müssen, um nur leben zu können.' (Schluss folgt.) Kleine Chronik. Wien. Bei der am 8. d. M. stattgehabten Ergänzungsmahl des Vorstandes der türkisch-israelitischen Gemeinde wurde Herr Lico I. A d u t zum zweiten Vorsteher, sowie Herr Rudolf M. Mazliach als Beirath nahezu einstimmig neugewählt, und die Herren Gabriel H. A d u t und S. A s r i e l als Beiräthe wieder gewählt. Wien. Eine Hilfsaction, die der niederösterreichische Landtag zu Gunsten der nothleidenden Wiener Perlmutterindustrie einleitete, gab den antisemitischen Maulhelden wieder einmal eine willkommene Ges legeheit, um in ihrer bekannten Weise gegen die Juden loszuziehen, indem sie die ganze Misere den jüdischen Exporteuren in die Schuhe schoben. Der Referent, Abgeordneter Naschauer, fand jedoch hierauf eine ebenso treffende als energische Erwiderung. Er sagte unter Anderem: ,Ihr angestammter und blinder Hass gegen uns Juden verleitet Sie, meine Herren auf der Rechten, zu solchen Aeußernngen. Ich bin der einzige Jude, der im Landtage Sitz und Stimme hat, und ich benütze die Gelegenheit, Ihnen offen und unumwunden zu sagen, Sie haben keine Veranlassung und Berechtigung zu diesen Aeußerungen. Ich selbst be-- kämpfe Fehler, welche Juden begehen, auf das schärfste, aber es geht nicht an. dass Sie bei jedem Anlässe, wie hier, weil diese Exporteure Juden sind, die Judenfrage anis Tapet bringen. Bringen Sie die Judenfrage vor an Puncten, wo sie hinpasst, und ich werde ihnen Rede und Antwort stehen.' Wien.. Der Verein zur Beförderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten in Wien beging am 29. November das fünfzigjährige Jubiläum seines Bestandes. Aus kleinen Anfängen und in einer für die Zwecke und die Entwickelung des Vereines ungünstigen Zeit hat er sich zu einer Institution von unleugbarer cultureller Bedeutung emporgearbeitet. Der Jubiläumsbericht bietet ein Bild der allmäligen Entfaltung dieses Vereines. Nach mannigfachen Schwierigkeiten wurden im Jahre 1844 mittelst Hofdecrets die dem gewerblichen Betrieb durch Israeliten entgegenstehenden Hinderniße beseitigt. Von fünfZöglingen im ersten Jahre wuchs die Zahl auf 586 im Jahre 1884. Dann blieb sie stationär, und im Jahre 1889 stieg-sie auf 1026 Zög-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.