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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-12-11 · Heft 33 (11.12.1890) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 33 (11.12.1890)
Date
1890-12-11
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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5 sei. Darauf babe der Graf, eine schwere Krankheit vorschützend, den Inquisitor zu sich rufen lassen und in seinem Hause bei geschlossenen Tbüren, ihm mit drohender Miene befohlen, schrist« lich einzugestehen, dass er ein Jude sei. Der Inquisitor weigerte sich; da bringt ein Bedienter einen glühenden Helm, um ihm denselben auf den Kopf zn setzen. Darauf gesteht der Inquisitor Alles ein, was der Graf von ihm verlangt hat, und dieser nimmt davon Gelegenheit, ihm seine Grausamkeit und Unmenschlichkeit vorzuwerfen. Menasche den Jirael betheuerie zum Ueberfluß mit einem feierlichen Eide, um die so oft wiederholten Anschuldigungen wegen Gebrauches von Christenblute abzuweisen: ,Ich beschwöre, dass ich nie einen solchen Gebrauch bei dem Volke Israels gesehen, und dass es nie eine solche Ruchlosigkeit ausgeübt oder auch nur versucht hat.' Nachdem er alle übrige» Anschuldigungen gegen die Juden auf ihr Nichts zurückgeführt hat, beschließt er seine Schutzschrift mit einem schönen Gebete und mit einer Anrede au England: ,Die hohe ehrwürdige englische Nation ersuche ich ganz unter« thänigst, dass sie meine Gründe unparteiisch und ohne Vorurtheil und Leidenschaftlichkeit lesen möge, die durch die Propheten verheißene Zeit nahen zu lassen, dass wir Gott eines Sinnes anbeten und dass wir die Tröstungen Zions sehen mögen.' (Gesch. 10. B. S. 122.) Obgleich die Geistlichen und ein Th eil der von ihnen auf« gestachelten Bürger das Judeuthum zu verdächtigen aus allen Kräften bemüht waren, halte diese Schutzschrift Menasche'S denn doch nicht verfehlt, in England Aufsehen zu erregen und einen äußerst günstigen Eindruck auf das Volk zu machen. Wenn auch Cromwell momentan nicht im Stande war, einer großen Anzahl Juden, wie es der sehnlichste Wunsch Menasche'S war. die Ein- Wanderung, zu gestatten, so erlaubte er denn doch noch in demselben Jahre einzelnen Juden-sich in London anzusiedeln. Menasche den Israel trat im Februar 1657 seine Rückreise an und wurde von Cromwell, der ihn bei dieser Gelegenheit mit einem Jahresgehalte von hundert Pfund Sterling bedachte, mit vieler Ehrenbezeugung entlassen. Allein auf seinem Rückwege ereilte ihn (ein März 1657) in Middelburg der Tod. Seine Leiche wurde später nach Amsterdam gebracht und unter allgemeiner Bethciligung des Publikums zu Grabe getragen. Seine Anstrengungen und Bemühungen in England blieben nicht fruchtlos, die günstigen Folgen derselben haben sich bereits zehn Jahre nach feinem Tode gezeigt; denn ungefähr 1667 hatte sich in London die jüdische Gemeinde constituirt, die den Jacob Sasportas zu ihrem Rabbiner ernannte. Dass die eingewanderten Juden den Engländern nie Veranlassung gegeben, gegen sie einzuschreilen, beweist zur Genüge den Umstand, dass in Britauien wie in keinem anderen Lande Europas der Antisemitismus auf das Entschiedenste verpönt und perhorresjcirt wird. Menasche hatte auch einen sehr gelehrten Sohn Samuel, der von der Oxforder Universität zum Doctor der Philosophie N»d. Medici» ernannt wurde. Zur Geschichte -er Juden in Russland*) n. Unter den 26,000.000 Einwohnern seiner Westprovinzen zählt Russland etwa 2.600.000 Juden, also einen Juden auf .neun Katholiken und Orthodoxe. Da diese Provinzen, mit Ausnahme eines perhältnismäßig kleinen südlichen Streifens, altes polnisches .Gebiet um fassen, so sind ihre Einwohner, soweit sie nicht Juden *) S. österr. ^ungar. Cantoren-Zeitung Nr. 32. Aus der in Berlin .erscheinenden Wochenschrift ״Sie Nation". sind. Polen. Litbauer und Russinnen, die lctzteren eine slavische Rasse, welche dem tatarischen Moskowiter*) Namen, Sprache und Glauben lieh, ihn aber noch heute einen Fremden nennt und so wenig wie der Pole feinen Schutz verlangen oder seine Herrschaft ertragen würde, wären sie ihm nicht von der llebermacht aufgebürdet. Nicht nur das Blut ist immer verschieden gewesen, sondern auch Sprache und Glauben find es geworden: die Sprache durch ihre Veränderung im tatarischen Munde, der Glaube durch die spätere Katholisierung der Russinnen, der neuerdings eine nicht durchgedrungene Zurücktreibung in die orthodoxe Kirche gefolgt ist. Dass Polen und Lithauer, die beiden anderen Elemente, nicht russisch und noch weniger moskowitisch sind, bedarf keiner Bemerkung. Wenn das Zarenreich also überhaupt eine Judenfrage bat, io hat es sie wesentlich nicht auf eigenem nationalem, sondern nur auf erobertem Boden; wenn es seine Bürger gegen die Juden behüten zu müssen vorgibt, so will es Bürger behüten, die nur durch Gewalt dazu gemacht worden sind, die, so lange sie selbständig waren, die Juden schätzten und schützten und die, sollten sie wieder eiumal selbständig werden, sich sehr verändert haben müssten, wenn sie die Juden nicht ebenso ungeschädigt, neben sich hielten, wie ihre Stammes- und früheren Neichszenossen in Galizien noch heute thun. In Wien, nicht in Lemberg tritt der Antisemitismus hervor. Die russische Judenfrage ist demnach, soweit sie das alte polnische Gebiet, in welchem die Juden fast allein wohnen dürfen, betrisfl, eine Erfindung. Eine Ersindung, welche Polen. Lithauern und Russinnen den Wunsch' nach antijüdischem Schutz mit demselben Recht imputiert, mit welchem ihnen die Neigung zu russischer Herrschaft nachgesagt werden könnte oder den Bulgaren die Sehnsucht, russisch regiert zu werden wirklich zugeschrieben wurde, bis sie sich der Rusien entledigten, so bald sie konnten. Eine Erfindung, so dreist aufgestellt, so sicher wiederholt und so ununtersucht vom theils inguoranten, theils conniventen Ausland hingenommen, wie die russische Politik cs häufig ist, deren Analyse manche von ihrer Macht augedrunzenen Beziehungen unbequem machen würde. Noch das letzte Massacre in rnisinischen Gegenden musste durch moskowitische Bauern in Scene gesetzt, musste überdies wesentlich auf diejenigen Theile des alten Polen beschränkt werden, in denen man das Polentbum möglichst durch moskowitische und orthodoxe Importe zu ersetzen gesucht har. Und hatte nicht sogar bei dieser Gelegenheit das Warschauer Generalgouvernement die polnisch-jüdischen Beziehungen als zufriedenstellend geschildert und die Odessaer Judencommiision Gleichstellung empfohlen? Die Sache stellt sich einigermaßen anders im eigentlichen moskowitijchen Zarat, dessen Jndenfrage die Folge der im eroberten Gebiet gewaltsam geschaffenen Judennoth ist. Da die Juden im annectierten polnischen Lande, im Interesse andersgläubiger Händler und der Polizei, die meisten NahrungSzweige seit der russischen Eroberung entweder nicht oder nicht mehr sicher oder nur gegen Bestechung treiben dürfen, so ist es natürlich, dass sie in das Zarat hineindrängen- Das Verbot dort zu leben wird durch die Panacee der Beamtenbeftechung. die ihnen zeitweiligen Aufenthalt gestattet und denselben stetig verlängert, eben so sicher umgangen, wie z. B. jenes andere bekannte Gesetz, das orthodoxe Dissenter verbannt und dennoch den Polizeimeistern des Reiches 15,000.000 zn dulden ermöglicht. Wo alles Geld nimmt, gelten eben nur die Ukase, die welches bringen oder das Bringen nicht verhindern. So halten sich die russinischen Juden im russischen Zarat als Passanten auf, die niemals abreisen, bis sie einmal hier, einmal da summarisch ausgewiesen werden, um die Rückkehr desto theurer *) Moskowitisch und russinisch sind die alten bezeichnenderen Namenfür dasjenige, was heute irreführend groß- und kleinrussisch genannt zu 1 werden pflegt. ■ ...<! 1■ 1 «!■׳.. . « .11 n Mi 1 nmiimiiHnw ״1.יי,!־־ ־־ד״!?!1

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