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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-12-11 · Heft 33 (11.12.1890) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 33 (11.12.1890)
Date
1890-12-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Deutschland, wie nach dem Morgenlaude auszuwandern. Selbst Männer, die in der Heimat zu den hervorragensten, einflußreichsten Würdenträgern und angesehensten Persönlichkeiten gehörten, scheuten nicht die mit vielen Strapazen verbundene Auswanderung. Zu diesen Flüchtlingen gehörte auch der berühmte Menasche ben Israel. Er hatte 1604 in Lissabon das Licht der Welt erblickt und ist in seiner frühesten Kindheit mit seinem von der Znqui- Dion verfolgten Vater Zosef ben Israel nach Amsterdam gekommen. Menasche bekundete frühzeitig einen großen Geist und machte unter der Leitung seines ebenfalls berühmten Lehrers Zsak Uziel solch' riesige Fortschritte in biblischen und rabbinischen Wissenschäften, dass er im Alter von 18 Jahren, nachdem sein Lehrer das Zeitliche gesegnet hatte, als dessen Nachfolger designirt wurde. Menäsche betrieb auch eifrigst profane Wissenschaften und entfaltete eine litterarische Thätigkeit, die sowohl von seinen Glaubenszenossen, als von den hervorragendsten christlichen Gelehrten seiner Zeit bewundert wurde. Er schrieb und sprach Hebräisch, Spanisch, Lateinisch, Portugiesisch, Holländisch und Englisch mit einer Fertigkeit, die allgemeine Sensation erregen musste. Seine sämmtlichen Werke wurden in seiner eigenen Druckerei, die er sich in Amsterdam errichtet hatte, gedruckt. Mit den berühmten christlichen Gelehrten: Dionysius Vossius, Hugo Grotius, Samuel Brohart, Buxtorf u. v. A. stand er in wissenschaftlichem Verkehr und erfreute sich ׳ihrer Hochachtung und Anerkennung. Sein berühmtestes Werk war der in spanischer Sprache abgefasste Conciliador, eine Arbeit, in der er die scheinbaren Widersprüche Ln der heiligen Schrift nach Art Don Zsak Abravauels, dessen Urenkelin Rahel Sorira er geheiratet hatte, zu lösen suchte. Auch über ,Auferstehung' schrieb er ein Werk, unter dem Titel ^Mselimat Chajrni“, daß von seinen Zeitgenossen hochgeschätzt wurde. Seine materielle Lage jedoch war trotz seiner immensen Gelehrsamkeit eine höchst ungünstige. Das Einkommen des Rabbineramtes, das er in Amsterdam bekleidete, war nicht hinreichend genug, um seine Familie erhalten zu können. Er errichtete sich daher 1627 in Amsterdam eine hebräische Buchdruckerei, um nicht ausschließlich auf das spärliche Einkommen seines Amtes Hingewiesen sein zu müssen; allein durch die Concurrenz, die sich auf diesem Gebiete kundzab, sah er sich bald in seinen Erwartungen getäuscht.' Zn Folge 'deffen fasste er den Entschluss, nach Brasilien auszuwandern. Die Amsterdamer Gemeinde jedoch, vorzüglich die aus Spanien eingewanderten reich begüterten Abraham und Zsak Pereyra, wollten den allgemein verehrten und gefeierten Rabbi durchaus nicht aus ihrerMitte scheiden taffen und waren daher ernstlich bemüht, seine materielle Lage wesentlich zu verbessern, wodurch er sich veranlasst sah, seinen Auswaüderungsplan äufzugebeu und in seinem Amte zu verbleiben. Menaiche hatte nicht nur durch seine gründliche Gelehrsamkeit und vielseitige Bildung, sondern auch durch seine edlen Bestrebungen, seinen Glaubensgenossen die Wiederaufnahme in England zu erwirken, eine Berühmtheit erlangt. Als die Puritaner, die dem Zudenthume freundlicher gesinnt waren, als die früheren englischen Negierungen, zur Herrschaft gelangten, glaubte Menasche den Israel, diesen günstigen Moment benützen zu müssen, und überreichte dem Parlamente eine von ihm verfasste Schrift ״Die Hoffnung Israels׳', die ihres äußerst gediegenen Zuhaltes halber Sensation zu erregen und auf die Mitglieder des Parlamentes einen günstigen Eindruck zu machen nicht verfehlte. In derselben sprach er zugleich den Wunsch aus, selbst nach England zu kommen, um dort für die Wiederaufnahme seiner Glaubensgenossen Persönlich wirken und Propaganda machen zu können. Ein Mitglied des Parlaments, Lord Midelsex, sandte ihm ein Schreiben in welchem er ihn׳ seinen ,theuren Bruder' nannte. Auch ein Pass zur Reise nach England wurde ihm zugeschickt, allein in Folge des mittlerweile zwischen England und Holland ausge-- brochenen Krieges war er genöthigt, seine Reise nach Britannien aufzuschieben. Erst im October 1655 trat er. nachdem von dem damaligen Protektor des Reiches, Oliver Cromwell, die Einladung an ihn ergangen war, in Begleitung des gelehrten R. Zakob Sasportas die Reise nach England an. Zn London angelangt, wurde er von Cromwell, der. den Juden freundlich gesinnt und deren Wiederaufnahme zu gestatten geneigt war, in ehrerbietigster Weise empfangen. Er überreichte dem Protector eine Bittschrift, in welcher er die Wünsche seiner Glaubensgenossen begründete und auf die Vortheile, die dem Reiche durch Ansiedlung der Juden erwachsen würden, hinwies. Cromwell nahm sich, wohl der Sache der Zuden sehr warm an, allein in den im Decembec 1655 stattgefundenen diesbezüglichen Berathungen haben die Geistlichen entschieden gegen die Aufnähme der Juden, denen seit drei Jahrhunderten der Aufenthalt in England nicht gestattet war, gestimmt. Auch viele Kaufleute, die durch die Ansiedlung der Juden eine Concurrenz befürchten zu müssen glaubten, haben gegen ihre Aufnahme demonstrirt und alle mögliche, das Zudenthnm verdächtigende und verunglimpfende Gerüchte verbreitet. In Folge dessen sah sich Menasche ben Israel veranlasst, in London eine Schutzschrift für die Juden unter dem Titel ,die Rettung Israels' auszuarbeiteu, in der er die Beschuldigungen,' Verleumdungen und boshaften Vorwürfe, die gegen das Judenthum geschleudert wurden, in trefflicher Weise widerlegte. Diese höchst gediegene Arbeit charakterisirt Grätz in folgender Weise: ,Sie ist mit warmen Herzen und darum überzeugend geschrieben; gelehrter Kram fehlte zwar auch,Parin nicht, aber die Gelehrsamkeit ist dem Hauptzwecke untergeordnet Bei Abfassung der Schutzschrift muß es Menasche eigen zu Muthe gewesen sein. Er war nach England in der Erwartung gekommen, um als Dolmetsch oder Vertreter des Gottesvolkes die Sympathie'der Christen gewissermaßen im Sturmschritt zu erobern und dis Herrschuft Israels über die Völker der Erde anzubauen, und nun wurde diese Nation sozusagen auf die Anklagebank gesetzt, und er musste sie vertheidigen. Daher ist der Ton dieser Schrift nicht herausfordernd und siegesgewiss, sondern im Gegentheil elegisch. Er versicherte, dass nie etwas auf seinGemüth eine liefere Wirkung hervorgebracht hat, als der an ihn gerichtete Brief mit der Summe der Anschuldigungen.' ,Denn es betrifft das Ansehen eines Volkes, das ich ohngeachtet der mannigfaltigen, offenbar schändlichen Verläumdungen für unschuldig zu erklären unternehmen muß. Zuerst muß ich mit bitteren Thräneu mld Beklemmung der Seele j-me harte und schreckliche Anklage einiger Christen wider die zerstreuten und niedergebeugten Juden vernehmen, welche bei der Feier des PassafesteS zur Gährung ihres Btodcs sich des Blutes von Christen bedienen sollten, die sie zu diesem Zwecke umgebracht hätten.' Dieser so oft behaupteten und erlogenen Anklage ist der größte Thcil seiner Vertheidigung gewidmet, und sie ist schlagend ausgefallen. Die Beglaubigung dafür führte er mit Recht; entweder auf falsche Zeugen oder auf Geständnis der Angeklagten unter der Folter zurück. Die Wahrheit und die Unschuld der Angeklagten sei öfter an den Tag gekommen, aber zu spät, wenn, sie bereits hingerichtet waren. Menafche belegte dieses mit einer ergötzlichen Geschichte: Der Arzt eines portugiesischen Grafen war von der Inquisition als judaisirender Christ angeklagt und eingekerkert worden. Vergebens verbürgte sich der Graf' für dessen Nechtgläubigkeit, eh wurde nichts destöweniger gefoltert uud gestand selbst ein, dass er ein judaisirender Sünder

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