Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-12-11 · Heft 33 (11.12.1890) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 33 (11.12.1890)
Date
1890-12-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/1304829-3453172-3453205--3022-3457334
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

3 des ersten Vortrages an ihn gelangten sachlichen Frage voran, j Er war gefragt worden, ob, weil das sechstägige Schöpfungswerk mit dem siebenten Tage der Ruhe nach seiner Darlegung nicht zu den ewigen Wahrbeiten des biblischen Berichtes gehörte, sondern nur die vermenschlichende Einkleidungsform der Wahrheit sei, entnommen der geheiligten jüdischen Wocheneintheilung, nun auch die christliche Sonntagsheiligung als etwas Willkürliches und Gleichgültiges anzusehen sei. Die Antwort deS Redners war etwa die folgende: Schon in Israel sei. die regelmäßig nach 6 Tagen der Arbeit wiederkehrende Feier oder.Ruhe durchaus nichts Willkürliches oder Gleichgiltiges, sondern eine der weisesten socialen und religiösen Einrichtungen, die es geben könne. Und zwar aus doppeltem Grunde. ES sei eine unersetzlich große Wohlthat für den Einzelnen wie namentlich für das Gemeinschaftsleben deS Volkes, wenn die angestrengte Arbeit in möglichst kurzen, regelmäßig wiederkehrenden Zeitabschnitten gemeinsamer Ruhe unterbrochen werde. Dadurch werde die Leistungsfähigkeit und Leistungsfreudigkeit der Menschen erhalten und gesteigert; und dass die christliche Kirche diese Einrichtung von Anfang an in sich ausgenommen und dadurch der ganzen modernen Culturwelt mitgetheilt habe, sei nicht dankbar genug anzuerkennen. Man brauche nur einen tieferen Blick in die bei Weitem größte, mit anstrengender Handarbeit beschäftigte Hälfte der menschlichen Gesellschaft zu thun, um diese sociale Wohlthat, welche allein auch dem minder Begüterten und den Arbeitermassen wie den Armen ein menschenwürdiges Dasein ermögliche, zu würdigen. Aber auch für das überirdische Ziel des Menschen, für das Leben der Seelen in und mit Gott, sei diese Ordnung von der höchsten Wichtigkeit, weil ja nur durch sie die religiöse Erziehung des Menschen zur Einkehr bei Gott ermöglicht werde und weil nur durch den durch sie möglichen regelmäßig wiederkehrenden gemeinsamen Gottesdienst das Gefühl der Gemeinschaft in Bezug auf das allein unvergängliche Gut erweckt und erhalten werden könne. Aber allerdings: eine von Gott um seinetwillen geforderte Pflicht sei nach christlicher Anschauung die an die Stelle des'Sabbaths getretene Heiligung deS Sonntags nicht mehr; es sei ,um des Menschen willen' und nicht etwa der Mensch um des Sabbaths willen gemacht. Absolute Ruhe zur Ehre Gottes sei ein dem Evangelium fremder Begriff, und deshalb habe auch Luther im kleinen und großen Katechismus nichts als rechte Feiertagsheiligung gelten lassen, als, ,dass wir die Predigt und Gottes Wort nicht verachten, sondern dasselbe heilig halten, gern hören und lernen.' Dieselbe Anschauung sei klar und unzweideutig in der Augsburgischen Confession und in ihrer ,Vertheidigung' ausgesprochen. In dem Vortrage selbst gieng der Redner von der Thatsache aus, dass in dem kleinen Stamme der semitischen Völkerfamilie, dem ursprünglichen Hirtenvolke Israel, ein Selbstbewusstsein gelebt hat, wie in sonst keinem Volke des Alterthums. Und wenn dieses Selbstbewusstsein uns auch in seiner späteren Entartung zu selbstgerechtem Hochmuth und zu nationaler Starrheit noch so unangenehm berühre, so müssten wir doch um der Gerechtigkeit willen nie vergefsen, dass ursprünglich nur das Bewusstsein einer ganz einzig, artigen Stellung dieses Volkes zu Gott und einer ihm gewordenen Aufgabe für die ganze Menschheit diesem Selbstbewusstsein zu Grunde gelegen habe. Redner warnte vor dem alten Vorurtheil, dass der Glauben an den Einen allmächtigen Gott, und was sich aus demselben ergebe, eine natürliche Mitgabe des Menschen sei. Eine sogenannte ״natürliche Religion' sei überhaupt ein Wahngebilde. Nur die Befähigung des Menschen für die Religion liege von Natur in ihm, aber diese Anlage müsse entwickelt werden. Die Geschichte der Völker sei die große Erziehungsanstalt Gottes für die Menschen. Auch unsere Religion der Anbetung des Einen Gottes im Geiste und in der Wahrheit sei ein in heißem Kampfe errungenes heiliges Ergebnis dieser Erziehung, und dasjenige Volk, welches in dieser wichtigsten Beziehung die Geistesarbeit und den großen Kampf für die ganze Menschheit übernommen habe, sei Israel. Daher müssten auch wir anerkennen, dass es der auserwählte Träger der höchsten geschichtlichen Aufgabe gewesen fei. Freilich, wenn man den Dienst des vollkommenen Gesetzes als den ursprünglichen Zustand und das eigenartige Wesen Israels auffafse und also die Offenbarung des Willens Gottes als ein einmalig endgiltig geschehenes Ereignis betrachte, an welchem man das Verhalten des Volkes messe, dann bleibe der immer neue Abfall des Volkes von dem Einen Gort unerklärt, und die Offen» barung erscheine als ein unverstandenes Eingreifen einer fremd» artigen und fernen göttlichen Gewalt. Zn der That aber sei nicht das Gesetz, sondern die lebendige persönliche Offenbarung Gottes, wie sie sich in den Propheten darstelle, der Quell auS welchem das eigenartige Leben in Israel geflossen fei. Und so gestaltete sich denn der Vortrag über das auserwählte Volk zu einer Darlegung des israelitischen Pr op h e tism u s als des wichtigsten Factors des inneren Lebens und der geistige» Fortbewegung des Volkes und seiner Aufgabe für das menschliche Geschlecht. Der Redner suchte das eigenthümliche Wesen der israelitischsn Propheten in Gegensatz zu heidnischem Seherthum, zu Mantik und Wahrsagekunst anderer antiker Völker in auf daS Einzelne eingehender Entwickelung klarzustellen. Nicht in der Weissagung einzelner Ereigniße der Zukunft, sondern in der kraftvollen Verkündigung des heiligen und guten Willens GotteS für die Gegenwart, haben die Propheten des alten Testa» mentes ihre göttliche Aufgabe gesehen- Nach dem gewaltigen Anfang durch Moses, den einzigartigen Begründer deS Gottes» staates, sei eine lange Pause in der Offenbarung deS heiligen Gottesgeistes gefolgt, und aus diesem Niedergange (namentlich in der Richterzeit) habe sich erst sehr allmälig (vor allem durch Samuel) das israelitische Prophetenthum aus unvollkommenen Anfängen wieder vorwärts entwickelt bis zu der Höhe, die in dem nördlichen Reiche Elias und Elisa, in Juda, Isaia und Ieremia darstellsn. Im steten lebendigen Kampf gegen den Dienst der Sinnlichkeit, der in dem Baal- und Aftarte-Cultus wie in dem kindermordenden Molochdienft dargeftellt sei, zu dem die große Masse des Volkes (direct oder unter theokratischer Form) immer wieder sich hingeneigt habe, sei allmälig die reinste geistigste Gestalt der Offenbarung an den Tag gekommen, die der Redner darzustellen suchte. Die Propheten Israels seien die Helden ihres Volkes, die Kämpfer und Dulder für das höchste Gut der ganzen Mensch» heit gewesen. R. Menasche ben Israel. Eine biographische Skizze. Von Dr. M. H. Friedländer, Rabbiner in Pisek. Obwohl 1492 sämmtliche Juden der pyrenäischen Halbinsel schonungslos vertrieben wurden, lebten denn doch noch lange Zeit nachher in Spanien wie in Portugal sehr viele jüdische Familien, die sich wohl äußerlich zum Chriftenthume bekannten, während sie heimlich mit allen Fasern ihres Lebens dem Judenthume treu anhänglich blieben. Um aber die ihnen unerträglich gewordene Maske des Christenthums ablegen zu können, sahen sich von Zeit zu Zeit gar viele dieser geheimen Juden (Marannen) genöthigt, die Flucht zu ergreifen und nach Italien, Frankreich, Holland

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.