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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-12-11 · Heft 33 (11.12.1890) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 33 (11.12.1890)
Date
1890-12-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 Die Folgen des neuen Geineindegelehes. DaS neue jüdische Gemeindegesetz, au dessen Ausführung sowohl die Behörden als auch die Gemeinden gegenwärtig viel Zeit uud Arbeit verwenden, hat in den verschiedenen jüdischen Fachblättern Anlass zu mannigfachen Discussionen gegeben, die jetzt fast unnütz sind, jedoch in einem früheren Zeitpunkte, nämlich vor Berathung in den gesetzgebenden Körperschaften geführt, dem Gesetze selbst eine ganz andere Gestaltung gegeben hätten. Dass LieL überhaupt nicht, oder wenigstens nicht in genügendem Maße geschehen ist, muß im Interesse des jüdischen Cultuswesens, daS einer Regelung unbedingt bedurfte, aber meiner Ansicht nach dieselbe im Gesetze nicht gefunden hat, aufrichtig bedauert werden. Hiemit hätte ick im Allgemeinen meinen Standpunkt zu dem neuen Gesetze, das ich für ebenso lückenhaft als unzweckmäßig halte, gekennzeichnet, und wie es scheint, stehe ich in dieser Beziehung nicht vereinzelt da. Die Gemeinden wehren sich gegen die ihnen auferlegten Verpflichtungen, die Rabbineu beklagen die Untergrabung ihrer Autorität durch die in allen religiösen Dingen dem Vorstände ertheilte Machtbefugnis, und die Cantoren sehen sich nicht nur in ihren Rechten verkürzt, sondern sogar vollständig übergangen; mit einem Worte, es herrscht eine allgemeine Unzufriedenheit, die hervorzurufen, sicherlich nicht in der Absicht der hohen Regierung, welche bei Schaffung des Gesetzes von den besten Zntentionen beseelt war, gelegen sein konnte. . Die nachfolgenden Ausführungen haben jedoch nicht den Zweck, die Zahl der Unzufriedenen um eine zu vermehren. Das Gesetz ist sauctiouirt, und als loyaler Staatsbürger muß ich mich den. Bestimmungen desselben fügen, aber die Ausführungen des Gesetzes, die Umsetzung in die Praxis sind gegenwärtig noch im Zuge, uud darum möchte ich eine wichtige Frage, die damit im Zusammenhänge steht, ganz leidenschaftslos und sachgemäß erörtern, uud zwar als Cantor vom Standpunkte meines Berufes, dem ich mit Leib und Seele angehöre. Mit vieler Aufmerksamkeit habe ich die langwierige Polemik Verfolgt, die sich in diesen und anderen jüdischen Blättern zwischen Rabbinen und Cantoren über den Werth und die Bedeutsamkeit ihrer Amtsthätigkeit entspann, uud ich musste mich wundern, dass j in beiden Lagern das Bestreben sick kundgab, eine gewisse Rivalität hervorzurufcn und den einen Stand auf Kosten des anderen herabzusetzcn. Der Streit, wem von Beiden das Recht der Erst-., gebürt zukäme, ist wahrhaftig ein «nissiger, denn beide Institutionen,; sowohl das Amt des Rabbiners als das des Cantors, sind mit der Geschichte und der Entwickelung des Zudenthums so eng verknüpft, dass es selbst mit den schlagendsten Argumenten einem Rabbiner nicht gelingen könnte, den Cantor in der Praxis entdehrlich zu machen, und auch, nickt umgekehrt die Notbwendigkeit des Rabbiners zu bestreiten. Es fällt mir darum quch nicht bei, mich mit dieser Frage neuerdings zu befassen, sondern ich will meine geehrten Berussgenoffen auf eine andere Gefahr aufmerksam macken, die um so bedrohlicher ist, als viele College» gerade von dieser Seite eine Besserung ,der cantoralen Verhältniße erwarten. Schon vor Jahren ist in Fachkreisen an die Gründung einer Cantorenschule gedacht worden, und diese Idee fand ebenso viele Fürsprecher als Gegner, welche ihre Ansichten in diesen Blättern zum Ausdruck brachten. 'Die Dringlichkeit der Frage scheint denn doch nicht so bedeutend gewesen zu sein, und sie wäre auch sicherlick nicht wieder aufgetaucht, wenn nicht neuerdings die Discussion über das Gemeiudegesetz und die neu abzufassenden Gemeindestatuteu hiezu Anlass geboten hätte. Den Cantoren, die die An- Erkennung als Religionsdiener und geistliche Functionäre für sich in Anspruch nahmen, wurde von rabbinischer Seite unter Anderem der Mangel einer Qualisication, die zu solchen Ansprüchen berechtigten, vorgeworfen. Dieses Moment benutzten die Freunde der Cantorenschule. um ihre Lieblingsidee wieder in den Vordergrund zu rücken, und hierin wurden sie officiell unterstützt, indem der Vorstand des österr.-ungar. Cantoren-Vereines, dessen mann- Haftes Eintreten für die Interessen der Cantoren durch die bekannten Eingaben an die Behörden und Cultusgemeinden gewiss alle Anerkennung verdient, eben in diesen Eingaben das Ersuchen stellte, bei Gründung von Nabbiner-Seminarien auch Lehrcurse für Cantor-Candidaten in's Leben zu rufen. Ich habe schon seinerzeit gewichtige Bedenken gegen die Cantorenschule vorgebracht und namentlich darauf hingewiesen, dass den jüdischen Gemeinden, die ohnehin gar zu gern geneigt sind, im Dienste ergraute Cantoren eines Tages ohne Weiteres zu entlassen, wenn deren Stimme nicht mehr brillant genug erklingt, hiedurch noch mehr Gelegenheit geboten wird, die alten Beamten vor die Thüre zu setzen. Wenn man mir nun entgegenhält, dass es das Schicksal aller Alten ist, durch Junge ersetzt zu werden, so muß ich darauf erwidern, dass es frevelhaft wäre, dieses unerbittliche Schicksal herauszufordern und zu beschleunigen. Ein anderes beliebtes Argument für die Cantorenschule ist die Nothwendigkeit eines cantoraleu Nachwuchses. Dem gegenüber verweise ich ans unsere Vorbilder uud Meister, die großen Sänger in Israel, die von einer Cantorenschule nichts geahnt haben und dennoch unsterblich geworden sind; ja ich möchte sogar behaupten, dass kein einziger unter den jetzt lebenden hervorragenden Be» russgenossen aus einer Cantorenschule hervorgegangen ist, trotzdem schon seit Jaheen da und dort derartige Institute bestehen. Wenn man nun aus diesen und ähnlichen Gründen gegen eine Cantorenschule überhaupt Stellung nehmen muß, um wie viel mehr gegen jene Zwitteranstalten, wie sie jetzt als Anhängsel von Rabbinerseminaren gedacht werden. Diese wären;erst recht dazu geeignet, das Cantorat zu schädigen, ja mit der Zeit sogar dasselbe ganz vergessen zu machen; den ein solches Institut könnte wol Durchschnittsbeamte yeranziehen, die etwas vom Rabbiner, etwas vom Religionslehrer und etwas vom Cantor hätten, aber einen ganzen Cantor, einen wahrhaften, gottbegnadeten Zionssänzer wird es niemals Hervorbringen. Und darum warne ich meine Berufsgenossen, solche Bestrebungen, mögen sie von wem immer ausgehen, zu fördern und ihnen das Wort zu reden. Ihre Verwirklichung wäre die Schaufel zum Grabe unseres altehrwürdigen Berufes. J. Im Dienste der Aufklärung. Berlin, im November 1890. Es.gibt sicherlich kein besseres und wirksameres Mittel zur Bekämpfung des Antisemitismus als das christliche Publikum über die Geschichte, den Werth und die Bedeutung des Judenthums zu belehren und die mannigfachen, mit oder ohne Absicht ausgestrc.uten Jrrthümer. die den eigentlichen Nährboden des Antisemitismus bilden, mit der Fackel der Wissenschaft zu be» leuchten. Darum sind wir dem Herrn Pastor Ziegler in Berlin einem freisinnigen und humanen P rester, zu großem Danke verpflichtet, da!s er es unternommen hat, in einer Reihe von Vorträgen -das obige Thema ebenso ausführlich als objectiv zu behandeln und hiemit die Wahrheit in jene Kreise zu tragen, die dem jüdischen Prediger oder Gelehrten zum großen Theile verschlossen bleiben. Der zweite jüngst abgehaltene Vortrag. des Herrn Pastor Ziegler betitelte sich ,das auserwäh lte Volk. Der Redner schickte demselben die Beantwortung einer anouym auf Grund

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