Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 32 (1.12.1890)
- Date
- 1890-12-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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genommen, gestattete indes der Jspravnik ungleich mehr als der Zar. Wie im mittelalterlichen Deutschland, waren die Juden wieder Regal/ geworden, obschvn diesmal weniger des Kaisers, als des Viertelkcommissarius. So kam die liberale Aera Alexanders II. heran, welche auch den Juden einige Erleichterungen, zumal in einem Freizügigkeits- und Schulgesetz, bieten zu wollen schien. Nach ersterem sollten Studierte, Kaufleute erster Gilde und Handwerker nicht mehr in den Westprovinzen allein, sondern überall wohnen dürfen, weil, wie die Minister des Innern und der Finanzen dem Kaiser berichteten, die beiden ersten Elasten überall erwünscht, die jüdischen Handwerker aber dem eigentlichen Rußland, das deren nicht genug zähle, geradezu erforderlich wären, in ibm eine sehr steuerpflich- .tige Elaste bilden und, wie der Gouverneur von Pnltawa aus eigener örtlicher Erfahrung berichtet, sich der anderen Bevölkerung leicht anschließen würden. Die scheinbar wohlwollenden Absichten dieses geräuschvoll publicierten Gesetzes wurden indes baldigst durch 'geheime Verordnungen more Moscovitico ju Nichte gemacht. In« dem man unter der Hand verfügte, dass die Uebersiedelung jüdischer Handwerker nur unter Zustimmung der betreffenden russischen Zunft erfolgen dürfe, verwandelte man den wichtigsten Paragraphen des ganzen Ucases in eine Phraie; während was die Kauflente erster Gilde betrifft, die wenigen, die die Inden producirten, sich immer zu helfen wussten, und von Studierten die Uebersiedelungterlaubnis nur Aerzten und Advocaten zu gute kommen konnte, so lange kein Jude ein Negierungsamt bekleiden kann. Wirksamer war die Oeffnung der mittleren und höheren Schulen, die. trotzdem nur zehn Juden im ganzen Reiche angestellt sind, schnell einen unverhältnismäßig hohen Procentsatz aufwiefcn und deshalb — die einzige wirklich gewährte Concession— bei eintretender Neaction praktisch wieder geschlossen wurden. Ebenso erneuerte der liberale Kaiser ausdrücklich das Gebot seines Vorgängers, dass Juden, die Ackerbau treiben wollten, dies nicht in christlichen Dörfern, überhaupt nicht in der Nähe christlicher Wohnorte,' sondern nur ingesonderten, rein jüdischen Colonien thun dürften. Da die Juden Land weder kaufen noch pachten, also nur von der Negierung zur Colonisation angewiesen erhalten können, mehrere in Südrußland und Sibirien gemachte Versuche dieser Art aber an der Napacität der anweisenden und controlircnden Beamten gescheitert waren, so ließ diese Bestimmung jüdischen Ackerbau unmöglich. Dem aufgestellten Grundsätze treu, die Juden auszuuutzen, aber nicht ihnen zu nützen, erlaubte man ihnen allerdings um dieselbe Zeit, Fabriken, Mühlen und Müblenzrundstücke in den westlichen Provinzen zu Pachten und zu führen, weil die russischen Grund- '.besitzer, mit welchen man die polnischen theilweis gewaltsam -remplacirt hatte, sonst bankerott gemacht haben würden. Der Jude 'und dtt Runkelrübe wurden in Volhynien und Umgegend bald sehr intim mit einander. Obschon selbst diesen privilegirrcn Pächtern die Landbauken keine Vorschüsse geben durften, gediehen sie sehr und viele andere mit ihnen. Als im Jahre 1873 die so behandelten Juden, die schon der bequemen summarischen Bestrafung wegen immer zahlreich inS ' Heer gezogen waren, die allgemeine Wehrpflicht auf sich ausgedehnt sahen, thaten sie das Aeußerste, um dem Lande, das sie nach offieiellen -Ankündigungen nur hassen und ausquetschen will, nicht alle ihre . jungen Männer zum Sterben für den eingestandenen Feind herzugcben. Ganze Bezirke kauften sich durch Bestechung der Ober- ' beamten los. An anderen Orten war alles regelmäßig, ebenfalls nach der vcrständnißinigen gemeinsamen Chronologie von Gemeinde, ' Arzt und Polizei', noch nicht 21 Jahre oder schon darüber, so dass es 21jährige Aushebbare überhaupt nicht gab. An dritten ׳ Orten einigte-man sich individuell- Die höheren Behörden wurden der von ihren eigenen Untergebenen betriebenen schwunghaftem Connivenz so müde, dass man in ganzen Gemeinden die heran״ wachsenden jungen Menschen zu photographieren suchte, was aber auch wenig genutzt haben soll, da die gebrauchten Apparate merkwürdig fehlerhafte Bilder gaben, oder die israelitischen Jünglinge sich zwischen 19 und 21 außerordentlich stark verändern müssen. Dies ist allmählich aus dem ruhigen Leben in Polen geworden. Die Juden, die sich im Mittelalter nach Polen retteten und dort fünfhundert verhältnismäßig ruhige Jahre genossen, sind seit der ruisichen Eroberung noch schlimnur als die Polen selbst daran. Ursprünglich als Gefolgschaft des Adels gedrückt, hat der Russe sie später der Ausbeutung wegen und ans barbarischem Jnsticr gepeinigt, bis er sie schlißlich in ihrem Elend fürchten gelernt und in dem verzweifelten inneren Chauvinismus, der ihn neuerdings faute de mieux beherrscht, gleich Polen. Finnen, Schweden Deutschen und den eigenen kleinrussifchen Halbvettern zu ver» nichten sucht. Die Frage ist seit acht Jahren acut geworden. Im März 1881 wurde Alexander II. ermordet. Im Mai, Juni und Juli desselben Jahres ließ die russische Negierung die Inden und Jüdinnen ihrer Südweftprovinzen morden, schänden, verstümmeln, außplündern und anstreiben. Die legislative Conseqnenz aus dieser einigermaßen illegitimen Prämisse will sie heute nach mehrjährigen Berathungen ziehen. Littrrarischrs. ״Gebet und Gtanöe^, ein Beitrag zur Klärung und Erlänterunz des Gottesdienstes und dessen Gebränche von M. A. Goldstein, antor. Rabbinatsverweser in Fiume. — Das Gebetbuch, da» sogenannte Sidur, bildet das Vademecum eines jeden betenden Israeliten von feiner zartesten Kindheit angefangen bis zum Ende seines Lebens, nebst der heiligen Schrift ist eS die Begleiterin auf allen seinen Lebenswegen. Das rtligißfe Leben gibt sich im Gebete knnd, soll dies aber nicht nur mit dem Munde, sondern auch mit dem Herzen geschehen, soll echte und rechte Andacht znm Ausdruck gelangen, dann mnß man die Gebete gründlich verstehen, mit dem Inhalte derselben sehr vertraut sein. Das Gebetbuch ist also in erster Reihe ein Religionsbnch in optima lorma, es ist aber auch ein Geschichtsbuch, weil sy viele Gebetstücke den Typus der Zeit in sich tragen, in welchen sie verfasst wurden, bald sind es Stoßseufzer und Weheklagen der schwer unterdrückten und gepeinigten Seelen, bald Psalmen der Makkabäer der erfochtenen Siege halber, die wir in allen Nerhältnißen unseres L.bens nacbbeten und uachsingen. Das Gebetbuch ist endlich auch ein 8eker Rairritü, ein Buch des Bundes, ein Buch für Alle, die im Bunde Israels sind, ohne Unterschied der Länder; es ist also ein Bindemiktet zwischen allen Juden in allen Ländern. Wohin wir komm׳«!» mit unserem Sidur, fühlen wir uns heimisch, wir beten mit unseren Brüdern gemeinschaftlich in einer Sprache, wenn auch die Muttersprache eine verschiedene ist. Das Gebetbuch ist also jenes Buch, von welchem man mit jenem Rabbi sagen kann. Kehre und wende eS um und um, denn Alles ist in demselben enthalten, in diesem werde alt und grau, von ihm weiche nicht; denn eS gibt kein Gebetbuch, das besser wäre. Herr Goldslein hat sich nun ein großes Verdienst erworben, indem > er so viele Erklärungen und Erläuterungen der Gebete nach den be- 'währtesten alten und neuen Quellen ans dem Gebiete der jüdischen Litteratur geliefert hat; er hat zn dem Sidur, welches so vielen Betenden ein Buch mit sieben Siegeln ist, den Schlüssel gegeben; er hat uns ׳ mit dem reichhaltigem Inhalte der Gebetstücke, wie mit ihrer Geschichte und den Verfassern derselben bekannt gemacht und gezeigt, welch er- Habens Schätze von Wissen und erhebende ReUgionslehren in denselben enthalten sind. Wahrlich dev praktische Lehrer, welcher dieses Buch nach der systematischen Methode, wie sie Herr Goldftein, dieser langjährige Priester im Heiligthnm des Herrn, verfasst hat, unterrichtet, entbehrt jedes andere Religionsbnch. -Beim Uebersetzen der einzelnen Gebetstücke ■ hat -evStofstgenügt über die erhabenen .und erhebenden Lehren, die den Geist erleuchten und das Herz stärken, die Jugend zu belehren, und wie ich glanbe, wird selbst der Lehrer durch dieses Buch an Kenntnis l. zunehmeu. Der. Verfasser , hat auch weder Mühe . noch. Geld geschont^