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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-12-01 · Heft 32 (1.12.1890) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 32 (1.12.1890)
Date
1890-12-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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heutigen Zustände überall Hervorrufen muß, erachten wir es für geboten, dieselben im Nachfolgenden wiederzugeben: Der Antisemitismus, der in der russischen Zudenfrage seine trübste und zugleich merkwürdigste Phase erreicht, gebt weit zurück. Als nach Erstürmung Jerusalems der römische Legat daS Allerheiligste betrat und den geweihten Raum, in welchem er daS Judengottporträt endlich zu erblicken hoffte, leer fand, brach er in die bezeichnenden Worte aus: »Haut die Schufte nieder! Sie sind Atheisten.*. Der Hass, mit welchem das einzige gottgläubige Volk deS Alterthums von dem göttergläubigeu bedacht wurde, ist so alt wie das Missverständnis, dem er entsprang. Mit diesem Hass beladen, wanderten die Juden aus, als der Tempel wieder einmal zerstört, seine Ruine durch die Statuen der Römergötter geschändet und das Land, dessen politische Institutionen religiöse gewesen waren, ihnen durch die Vernichtung der Theokratie ein Gräuel wurde. Die ausgedehnten colonialen und commereiellen Unternehmungen zuerst der Maccdonier, danach der Römer, die io viele andere Orientalen, Griechen und Italiener verpflanzten, unterstützten die jüdische Emigration, die nur ein Bruchtheil einer ,allgemeinen, bis auf Alexander zurückgreifenden Bewegung war. Was in Palästina, dem Kampfplatz dreierWelttheile, blieb, ward durch Kurden, Turkomanen, Araber und Kreuzfahrer später vollends vernichtet oder vertrieben. Die Zahl dieser Vertriebenen ist indcss klein. Man wird sämmtliche, innerhalb tausend Jahre westlich ausgewanderte Palästinenser geringer anschlagen müssen, als die Zahl der in den letzten fünfzig Jahren noch weiter westlich nach Amerika gegangenen Deutschen. Sie zählen vollends nicht gegen die am Anfang des Mittelalters unternommenen Wanderungen der germanischen Stämme, die, wären sie gleich den Juden durch ihre Religion am Aufgehen in anderen Nationen verhindert worden, heute noch als fremde Minorität in West- und Südeuropa, ja in Russland selber leben würden. Die zehn Stämme Israels, die in Babylon blieben und ihre Religion verloren, sind verschwunden, wie die Gothen in Spanien, die Franken in Gallien, bie Normannen in Russland u. s. w. Doch gelangten die Juden in größerer Menge nach Europa. Beim Fall des Nömerthums stark durch die deutschen Gothen angczogen, die als Arianer Christus für einen Menschen und Juden nehmend, die Juden als eine Art orientalisch gefärbter Glaubensgenossen ansaben und behandelten, gieng es ihnen zunächst im gothischen Norditalien, Südfrankreich und Spanien längere Zeit gut. Ihre Stellung wechselte, als die Gotheukönige, um sich von ihrem religiös und politisch unabhängigen Adel zu emancipieren, ihr Volk katholisierten, und die neue trinitarische Kirche die Juden, die sie ihrerseits als sakril-'g ansah, zu unterdrücken befahl. Durch die plötzliche Härte wurde eine zahlreiche israelitische Schaar im sechsten und siebenten Jahrhundert nach den deutsch-französischen Grenzländern gedrängt, die, schon damals ein kultureller Mittelpunkt, von dem katholischen Glaubenseifer, der hier keinen ArianiSmus zu bekämpfen gehabt hatte, noch verhältnismäßig wenig litten. Diese in die Lande zwischen Metz und Frankfurt cmigrirenden Juden sind nachmals die Väter der meisten deutschen und polnischen geworden. Wie die Weiterwanderunz gewöhnlich durch Verfolgung perursacht war, so wurden die Juden nach halbtausendjähriger geachteter Gemeinschaft von ihren westdeutschen Sitzen theils durch die Kreuzfahrer, denen der Judenmord daS Himmelreich öffnete, theilS durch Polen, denen der Judenschutz die fehlenden Handwerker und Kaufleute schaffen sollte, vielfach entfernt. Damit dies geschehen konnte, musste sich die antike Missdeutung ihres Glaubens im Mittelalter Ln noch stärkerem Maße wiederholen. Die Juden, die als gytterloS von den Heiden für gottlos gehalten worden waren, wurden von den Deutschen, als derKathotieisnms durchzudringen begann, für gottmordend erklärt und folgerichtigerweite gehängt, geköpft, gevierlheiit, oder zum Zweck ichteunigerer Vernichtung, mit rationeller Vorliebe für chemische Drcomposikion, verbrannt. So war dem Heidenthum, welches den Polyrh. ismus gegen den Monotheismus vertheidigte, der Kathollcismns. der nach Besiegung der alten deutsch-christlichen Eingonslebre die von den orientalischen Concilien votierte Trinität vertrat, mit noch heftigerer Glut gegen die Juden geiolgr. Deutschland zumal erreichte in den Kreuzzügen den Gipfel seines chrntlich!n Hasses. Fast alles Jüdische, was nicht nach Slavisch-Oeitirrerch oder Polen flüchtete, wo der Katholicismus noch jünger uno lauer war, wurde in dreibundertjäbrigem praktischen Anwemi»ismus bis um die Mitte des 14. Jahrhunderts hier zu Laude vernichtet. In Bayern und Franken allein wurden in den N unziger Jabren deS 13. Jahrhunderts an hunderttausend Inden religiös geiödtet. Auch als beim Aufstcigen des Humanismus, welcher dl Reaction gegen den Fanatismus brachte, eine Rückstau aus den überfüllten slavischen Ländern eintreten konnte, galten die deutichrn Juden noch äs jure für todesverfallen. mussten ibr- Lebensduld.:ng durch einige sechzig Specialsteuern erkaufen, waren von Ackerbau, Handwerk und den meisten Handelszweigen ausgeschlossen und wurden vom Kaiser als seine Kammerknechte, d. b. als Leibeigene seines Finanzministeriums angesehen, welchen er. wann und wo er beliebte, ihre paar, durch Klein- und Geldhandel erworbenen Groschen als handliche innere Anleihe ohne Interessen und Amortisation abnehmen durfte. Die Landesherren bestritten gelegentlich dies kaiserliche Regal, nahmen die Juden als ihre eigenen Sclaoen in Anspruch, raubten sie selber aus und verkauften sie sich gegenseitig familienweise etwa ebenso, wir sie ihre christlichen Regimenter an Holländer und Engländer zum Fechten losschlugen. Häufig wurde den Juden das Geldleihen zur gesetzlichen Pflicht gemacht, weil einerseits die canonische Satzung (auf Grund der altjüdiscken!) den Christen die Geldgeschäfte verwehrte, andererseits in einer Zeit mangelnder Baarmittet ihre Ansammlung in vogelfreien Händen für die Nachfrage manche Btguemlichkeit bot. Der Antisemitismus, der reinlichen Begründung wegen noch manchmal religiös angehaucht, war in der zweiten Hälfte des deutschen Mittelalters vorwiegend finanziell und dadurch nicht liebenswürdiger geworden. Was Wunder, dass ein vielfacher Uebertritt nach Polen durch Böhmen und Schlesien noch lange im Gange blieb. Obschon auch dort der ersten freundlichen Aufnahme mancherlei Wandel und Wechsel sich anichloss, blieb doch die Lage der Juden im polnischen Reiche seit dem 13. und 14. Jahrhundert, in welchem sie zuerst zahlreicher einzogeu, eine ungleich geschütztere, als in Deutschland. Die Natur der polniichen Gesellschaft machte die Juden dem herrschenden Adel zu voriheilhaft, um ihnen nicht ausgiebige Schonung zu sichern. An der Grenze der Gesittung lebend und in seinem heiteren Leichtsinn nur allzu sehr aufs Genießen angelegt, hatte der polnische Adel die größte Neigung, sich europäischen Bedürfnißen hinzugeben, ohne die Fähigkeit, sich die erforderlichen Mittel zu verschaffen. Zu unwissend und träge, und zu ausschließlich von Bauerusclaven umgeben, welche die Eigenschaften ihrer Herren bis zur Barbarei steigerten, war der Adel nicht in der Lage, aus seinen großen Gütern er» heblichen Gewinn zu ziehen, ehe die Juden ins Land kamen. Die Juden brachten die fleißigen und verständigen Hände mit, welche dem damaligen Polen fehlten. Sie verbesserten den Ackerbau und schufen Handwerk und Handel in dem Lande, das sie uicht befaß. Sie machten den Leibeigenen zu einem wertdvollen Besitz und bildeten den gewerblichen Mittelstand, der der Nation

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