Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 32 (1.12.1890)
- Date
- 1890-12-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Warum sich aber Herr Dr. Deutsch veranlasst sieht, gegen die Caiuorcu im Allgemeinen loszuziehen und den ganzen Stand herabzuletzeu, anstatt gegen die Unwissenheit Einzelner auszutreten, ist unbegreiflich. דברי חכמים בנחת נשמעים ,Die Worte eines Rabbiners — und seien eS auch zurcchtweisende oder tadelnde — sollen iur jedermann angenehm klingen. * והמתכבד בקלון של חבירו אין לו חלק לעולם הבא* Wer sich aber durch Herabsetzung seines NLchtteu erhoben sieht, der ist des jenseitigen Lebens verlustig. Gerade der Rabbiner ist es. der seinen Mnfluss dahin gellend machen soll, dass in der Gemeinde ein würdiger, mit Hinreichender religiöser Bildung ausgestatteterCantor ausgenommen rberde, oder er soll den bereits wirkenden belehren, unterweisen und ihn als seinen Amtsbruder zu sich heranzuziehen streben; aber erfahrungsgemäß ist es leider gerade mancher Rabbiner, der eS nicht gern sieht und duldet, wenn ein mit Wissen und Bildung auLgestatteter Vorbeter mit ihm in einer und derselben Gemeinde Wirken soll, und trachtet gewöhnlich für sein >Fortkommen', weil er durch Laß Wissen und die Bildung des Cantors seine eigene Autorität geschmälert zu sehen glaubt. Er sindct Woblgefallen an der Unwiffenheit des Cantors, weil sie hilft, sein Wissen und seine Autorität in höheres Licht zu rücken, und weil der Cantor oster geuölhigt ist, seine geistige und religiöse Unmündigkeit dem Rabbiner gegenüber zu bekunden. Was aber im Stillen am Cantor gern gesehen wird, wird bei jeder sich darbietcuden Gelegenheit als Tadel Ln die Menge Laut hinansposännt. Und ruft heute nach der Meinung des Herrn Dr. Deutsch mancher Cantor nach dem Beispiele seines Meisters S u l z e r: ,Wo bleib ich?' so ruft — nach welchem BcNpiele weiß ich nicht — mancher Rabbiner: »Ich bin eS!' Solchem ruft aber der weite Hillel zu: וכשאני לעצמי 4מה אני .Bist Du nur für Dich selbst, was bist Du?' — Ich könnte auch rühmlichr- Ausnahmen von Rabbinern anführen; aber mit Ausnahmen lässt sich nicht rechnen. Auch an den widerlichen Possen und Faxen, die mancher Cantor als auch mancher Rabbiner macht, tragen viele Gemeinden Schuld, die solchen Firlefanz lieben und den Meister desselben dem Manne von Würde, weihevollem Ernst und Wissen vorzieben. Ist es dem Probecandidaten gelungen, einigen solchen Possenfreunden durch gewisse Zierereien oder Curmachereien zu gefalle», so ist er — es sei Rabbiner oder Cantor oder Neligionßlehrer — seines Sieges und für längere Zeit auch seiner güten Existenz sicher, während der ernste, ruhige, bescheidene und würdige Charakter, voü welchem Wiffensgrade immer, oft, sehr oft zurücksteht. So lange aber solcke Missstäude in den Gemeinden zu finden sind, kann man auf gediegene Beamten im israelitischen Cultusgebiete im Allgemeinen nicht rechnen, weil sich da Alles eindrängt, was nur eindrängungsfähig ist. Man nenne aber das Kind beim rechten Name» und uriheile unbefangen^ schiebe aber nicht alle Unzukömmlichkeiten dem Cantor rn die Schuhe, um den Stand zu entwerthen. Was den Anspruch ans die Priesterschäft betrifft, könnte wohl, allen äußeren Förmlichkeiten und Verrichtungen nach, der Cantor Liesen Anspruch erheben. Zn diesem Sinne sagt auch Dr. E. Grünebaum, Bezirksrabbiuer zu Landau in seiner ,Sittenlehre des Zudenthums' von den Priestern: ,Zhx Dienst war gewissermaßen entsprechend dem späteren Vorbeter in den Synagogen שליח צבור (Bote der Gemeinde), und da die Gebete nach dem Talmud überhaupt an die Stelle der Opfer traten, so gibt die Stellung der letzteren rückwärts wieder um so mehr Ausschluß über die der Priester im Tempel.' Aber mit der Zerstörung des Tempels hat der Priesterdienst aufgehört. Wir haben daher jetzt weder Priester noch Lewiten, weder im Ornate des Rabbiners, noch im Ornate des Cantors; daS sind nur lächerliche Spielereien und eitle Titelsüchteleien. Sowohl Rabbiner als Cantor sind gemeinschaftliche Diener der Religion und der Synagoge. An diese nur ist der Dienst und der Beruf Beider geknüpft. Unser erhabener Lehrer Moses, dem die Thora das Zeugnis ausstellt: בכל ביתי נאמן הוא hat ausgerufen:'ומי יתן כל עם ה נביאים׳ כי יתן ה' את רוחו עליהם! ,Gott gebe. Alle wären Propheten, dass nämlich Gott seinen Geist auf ihnen ruhen ließe!' Und Herr Dr. Deutsch will eifersüchtig sein gegen diejenigen Cantoren oder Lehrer, welche die Qualification.für rabbrnische Functionen erlangen können? Jeder Rabbiner wird sich/wohl in Acht nehmen, einem Unwissenden oder Unwürdigen die התלת הוראה zu ertheilen, und die Gemeinden werden gewiss sttdng und gewissenhaft prüfen und erwägen, wem sie ihr Zutrauen schenken, und werden nur vieljährig im Fache der Neligionspflege bewährte Kräfte acceptiren. Denn ist schon nach den oben angeführten rituellen Vorschriften ein unwissender Vorbeter nur im Nothfalle zu acceptiren, um wie viel weniger kann und darf einem solchen das Amt für rabbinische Functionen übertragen werden? Er müsste oft durch die Gemeinde und die Gemeinde durch ihn in Verlegenheit und Schande gerathen. Viele Cantoren sind aber auch tüchtige, fachwissenschastlich gebildete Religionslehrer, und von diesem zum Rabbiner ist nur ein kleiner Schritt, oder es besteht der eigentliche Unterschied nur in der Titulatur. Der große Mannheimer זצ׳ל nannte sich gewöhnlich nur ,Religionslehrer' und -war trotzdem ein sehr ehrwürdiger Rabbiner, ein feuriger Redner und ein großer Denker. רב oder רבן heißt ja eigentlich nur ,Lehrer', ,Meister,' ,Vorgesetzter', .gelehrter Herr' u. dgl. Die Vereinigung des Nabbinats mit dem Cantorat wäre in den Händen würdiger und wahrhaft befähigter Cultusbeamter gewiss nur ein schöner Fortschritt unserer Zeit, Schöneres und Besseres könnte das neue Cultusgesetz gar nicht geschaffen haben. Zum Schluffe nur noch einige Worte über das hohe Alter des Vorbeteramtes, das Herr Dr. Deutsch so kleinlich und wegwerfend behandelt, als wäre es vor Kurzem erst ins Leben gerufen werden. Dass der im 16. Jahrhundert von N. Joseph Karo abgefasste Schulchan Aruch von dem Vorbeter spricht, habe ich Hinreichend nachgewiesen, aber schon vor achtzehn Jahrhunderten, zür Lebenszeit des Stifters der christlichen Religion, wird von der Wirksamkeit des Vorbeters berichtet. Im 12. Jahrhundert findet man den Vorbeter schon in Frankreich und anderen Ländern thätig, auch Naschi (N. Salomo Jizchaki), Ascheri (1306) und N. Tam (1100—1171) kennen die Wirksamkeit des Vorbeters; auch bei dem Gaon Sadia (9. Jahrhundert) treffen wir auf den Vorbeter Bezug habende Bestimmungen. Darum lässt sich auch hier treffend sagen:מפני שיבה תקום ודדרת בני וקן I. Baum, Cantor und Religionslehrer. Zur Geschichte -er Juden in Russland. Zm Vordergründe alles jüdischen Interesses steht die Theilnähme an dem Schicksale unserer unglücklichen Glaubensgenossen in Russland, die baar eines jeden Rechtsschutzes, der schrankenlosen Willkür einer tyrannischen Negierung und dem wilden Fanatismus einer rohen Volksmässe preisgegeben sind. Ueberall werden Stimmen laut, welche gegen die unerhörten und grausamen Maßregeln, von welchen 4 Millionen Menschen betroffen werden, Protest erheben, und in der Publicistik beschäftigen sich die Blätter aller Parteischattkrungen mit der russischen Judenfrage. Sehr bemerkenswerthe Ausführungen, unter dem Tittel ,Mütterchens Juden', lesen wir in der in Berlin erscheinenden Wochenschrift .Die Nation', und bei dem unzweifelhaften Interesse, das die hiemit gebotene Darstellung der geschichtlichen Entwicklung der