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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-11-21 · Heft 31 (21.11.1890) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 31 (21.11.1890)
Date
1890-11-21
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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© Wjen. Der geistvolle Feuilletonist der .Wiener Allgemeinen Zeitung׳', Herr Edmund Wengras. widmete dem gefallenen Stöcker folgende Strophen: ,Er glaubte gekommen seine Zeit — Und immer sich'rer und kecker — Verkündete er mit lautem Kräh'n — Die goldene Aera Stöcker. — Allein sie schlief und hörte nicht — Den frommen Mahner und Wecker, — Sie schläft. noch immer im Zukunftsschoß, — Vergebens harrt Herr Stöcker. — Vergebens thut er das Möglichste — AIS Kriecher und Speichellecker, — Es kommt eine neue Aera zwar, — Doch keine Aera Stöcker. — Der christlich-socialen Reform Erfinder und Entdecker — Sieht plötzlich sich vor die Thür gesetzt, — Man hilft sich ohne Stöcker. — Doch senkt er d'rum die Nase nicht, — Noch sucht ein dunkles Versteck er, — Bald findet wol für sein Kirchenlicht — Einen besseren Platz Herr Stöcker. — Er riecht, wo'S guten Braten gibt, — er ist ein feiner Schmecker — Nach Wien! Bald heißen wir — Willkommen hier Herrn Stöcker. — Schon rüsten zum großen Festbankett -- Die bekannten Taseldecker, — Bald sinken sich in die Arm' gerührt— Herr Lueger und Herr Stöcker. — Die Kehle stimmt schon Vogelfang, — Bald hören wir sein Tedeum — Schon zittert der Frauenerwerbverein — Und das Grwerbemuseum. — Der Schnabel trillert seelenvergnügt, — Ja, ja jetzt kommt der Rechte! — In Kellerlöchern verkriechen sich — Die Juden und Judenknechte. 1— Die rituelle Gänsehaut — Ueberläuft die ganze Rasse, — Und Bußgebete betet man — In der Seitenstettengasfe. — In Margarethen hingegen sieht — Das Volk man Kienholz kaufen, — Sie illuminireu die Fenster dort — Mit kleinen Scheiterhaufen. — Das Testament der Inquisition. — Nun findet es seine Vollstrecker — Es lebe das gemüthliche Wien! — Hoch Lueger! Und hoch Stöcker! — c&tlßltg. Der Woblgernch einer überraschend schönen Prachirose auf dem antisemitischen Dornenstrauch, der in der Gemeinde Nodau nächst hier feste Wurzel gefasst hat, soll der Oessentlichkeit nicht vorenthalten werden. Diese Rose ist der Ortsgeistliche, Hochwürden Pfarrer Fischer, der es im edlen Herzensdrange und Gott zu Ehren freiwillig übernommen hat, den jüdischen Schülern in der dortigen Commurialschule, da dort kein jüdischer Neligionslehrer wirkt, den obligaten jüdischen Unterricht angedeihen zu lassen. Sein gewissenhafter und durchgreifender Unterricht in der biblischen Geschichte. Sitten- und Re'.igionSlehre zeigt einen solch' bedeutenden Erfolg, wie man sich ihn nur vom Vorfrage eines echtfrommen Rabbiners denken kann. Das Hauptstrebcn des Hochwürdigen Pfarrer Fischer ist, im Herzen feiner jüdischen Schüler Liebe zum jüdischen Glauben und Liebe zum Indenthume eiuzuprägen. Es ist zu hoffen, dass diese Schüler ihren geistlichen Neligionslehrer als intelligente, und dem Judenthume als strenggläubige Glaubensbrüder Ehre machen werden. M. A. . . g. AroHoVitsch. Am 11. d. M. 3 Uhr Nachmittags fand hier die wahrhaft imposante Einweihung deS aus Anlass des 40jährigen Regieruugsjubilänms Sr. Majestät unseres Kaisers von den Eheleuten Moses und Ottilie G a rten b e r g gestifteten AltersversorgungShauses statt. Unter den Anwesenden bemerkte man Statthalter Graf Badeni, der direkt zu dieser Feier hicher gekommen war, Bezirksmarschall Bielski, die Abgeordneten Professor Noschkosski und StefanowSki, den Präsidenten deS Vereines ,Schomer Israel" Doctor Byk. Gras Taruowski und sämmtiiche Spitzen und Behörden unserer Stadt. Die Feier begann mit dem Absingen eines Psalmes durch den Obercantor D. Schlamm aus Lemberg in Begleitung des Chores, woraufRabbiuer Dr. Taubeles aus Bisenz eine der Gelegenheit entsprechende Predigt in polnischer Sprache hielt. Nach derselben wurden noch mehrere Gesänge vom Obercantor Schlamm in brillanter Weise zum Vortrage gebracht und schließlich die VolkShymne abgesungen. Nach Beendigung der Ceremonie dankte der Statthalter den Stiftern und Gründern des Institutes und sprach ihnen seine besondere Anerkennung für den hicmit bekundrteu Wohlthätigkeitssiun aus. Ebenso wurden Rabbiner und Cantor mit Ansprachen beehrt. Letzteren fragte Sr. Excellenz, woher er sei, wieviel Gehalt er beziehe, lobte seine Stimme und betonte, er hätte nicht gewusst, dass Lemberg einen solch prächtigen Cantor habe. Nach einem Rundgange durch die Räumlichkeiten verabschiedete sich der Statthalter in liebenswürdiger Weise. Um 5 Uhr Abends fand im Hause der Ehelcute Gartenberg ein Bankett zu Ehren der Gäste statt. ZZresta«, 7. November. Zu dem Leichenbegäugniße des Rabbiners Dr. M. Joel, welches gestern Nachmittag um 2 Uhr styttfand. halten sich trotz des stiömeuden Regens schon von 1 Uhr ab Hunderte von Angehörigen der hiesigen jüdischen Gemeinde in und vor der Synagoge am Stadtgraben eiugesunden, um dem allverehrtcn Dahingeschiedenen die letzte Ehre zu erweisen. Fortgesetzt vergrößerte sich die Zahl der dem GottcShause Zuströmendeu, so dass schon lange vor 2 Uhr eine Kops an Kopf gedrängte Gemeinde alle Plätze des herrlichen, zu erhebender Andacht stimmenden, geräumigen Baues füllte. In der großen Vorhalle hatten sich um die tiefgebeugten Hinterbliebenen des Nerewigten die Mitglieder des Vorstandes und des Repräsentanten- Collegiums der ihres ersten Seelsorgers beraubten Gemeinde mit zahlreichen Deputationen von Vereinen und Wohlthätigkeits-Anstalten, sowie das Lehrer-Collegium des Fränkel'schen Rabbiner-Seminars versammelt. Außer den Breslauer Amtsgenossen des Dahingeschiedeneu hatten sich mehr als 60 Rabbiner aus allen Gegenden Deutschlands zur Begräbnisfeier eingefunden. Als Deputation der städtischen Behörden Breslaus waren, um die Theilnahme der Stadt an dem Verluste eines so bedeutenden, weithin im höchsten Ansehen stehenden Mitbürgers auszudrücken, Stadtrath Beblo, sowie die Stadtvv. Dr. Pannes, Riemann, W. Epstein, Beyer und Reichstagsabgeordneter Vollrath in Amtstracht an der Trauerstätte erschienen. Um 2 Uhr begaben sich unter Vorantritt der städtischen Deputation alle in der Vorhalle Versammelten unter den Klängen der auf ihre im Gotteshaus für sie bereit gehaltenen Plätze. Der von brennenden Kerzen umgebene Sarg mit der sterblichen Hülle deS Verewigten war vor der Kanzel niedergesetzt worden; die Candelaber, die Treppenbaluftraden, der Schalldeckel der Kanzel waren mit schwarzem Flor umhüllt, so dass das Innere des weiten Gotteshauses einen ernsten, ergreifenden Eindruck machte: Nach Absingnng eines Psalmes würdigte Rabbiner Dr. Knoller unter Bezugnahme auf das Wort der Schrift: ,Die Krone ist gefallen vou unserem Haupte" die seelsorgerische Thätigkeit des Dahingeschiedenen, seine Bedeutung für die Wissenschaft, die Macht seiner Beredtsamkeit, seine UeberzeugungStreue, sein mildes Wesen, seinen edlen Sinn, seine Vescheidenhrit, seinen Einfluß als Vorbild aller der Tugenden, zu denen er mit heiligem Eifer seine Gemeinde angeleitet, in warmen, erhebenden Worten. Darauf trat Rabbiner Dr. Ziemlich ans Nürnberg,' einer der Schwiegersöhne des Verblichenen, an den Sarg, um der Klage über den schmerzlichen Verlust Ausdruck zu geben, der die schwergeprüfte Familie des Entschlafenen betroffen und das Bild des edlen Menschen, über dessen Tod überall getrauert werde, wo man sich der Bedeutung des Verklärten bewusst sei, mit der Pietät eines dankbaren Sohnes zu vervollständigen. Ein Gesang des Synagogen-Chors beschloß die ergreifende Trauerseier. Nach Beendigung des Gottesdienstes setzte sich der Trauerzuz in Bewegung. Vor dem Leichenwagen schritten Zöglinge israelitischer Waisenanstalten; neben demselben giengen Hörer des hiesigen Rabbinerseminars als Marschälle; hinter den Familienmitgliedern, die dem Leichenwagen folgten, schritt eine große Zahl der auswärtigen Rabbiner in ihren Ornaten. DaS nach Tausenden zählende Gefolge füllte Straßen und Plätze, so dass ein geordneter Zug sich kaum bilden konnte. Eine unabsehbare Wagenreihe beschloss den Trauercondnct, der sich durch die mit dichten Spalieren von Menschen besetzten Straßen nach dem israelitischen Friedhofe bewegte. In der Trauerhalle desselben war eine überaus große Zahl der prächtigsten Kränze, die zum Theil aus weiter Ferne gesandt waren, niedergelegt. Der einfache schwarze, jedes Blumenschmuckes entbehrende Sarg wurde in der Halle aufgestellt, die nur den kleinsten Theil des Trauergeleites aufnehmen konnte. Nachdem der Gemeindechor ein Lied gesungen, . hielt der Amtsgenosse deS Verstorbenen, Rabbiner Dr. Rosenthal, tiefbewegt und eindruckSvoll eine Trauerrede, in welcher er die Wirksamkeit des Verstorbenen nach allen ihren Richtungen charakterisirte, seine aufopfernde LiebeSihätigkeit gegenüber allen Bet rückten schilderte und cs ihm als besonderes Verdienst nachrühmte, dass er die früher durch Parteiungen zerklüftete Gemeinde zu ungestörtem Frieden geführt habe. Rabbiner Dr. Maybäum aus Berlin sprach in Worten wärmster Begeisterung im Namen der deutschen Rabbiner, die in dem Verstorbenen ihren von Allen an» erkannten Führer verehrten. Sein Name habe die widerstrebendsten Elemente zusammeugesührt; er habe den Nabbinerverband begründet; es sei zweifelhaft, ob derselbe ohne ihn fortbestehen werde. Rabbiner Dr. Vogelsteiu aus Stettin gab im Namen der älteren Schüler, Dr. Jacob im Namen der gegenwärtigen Hörer des hiesigen Rabbinerseminars den Gefühlen des Dankes gegen den gefeierten Lehrer Ausdruck, von dem sie stets beseelt , sein würden. Rabbiner Dr. Eckstein aus Bamberg, der zweite Schwiegersohn des Verstorbenen, sprach ein Schlußgebet; die AbschiedSwörte die er im Namen der Seinigen dem Familienhaupte ins Grab uachrief, bewegten die Herzen aller Hörer. Mitglieder deS Vorstandes und der Nepräsentanten-Versammlniig der Synagogen-Gemeinde trugen nunmehr den Sarg zum Grabe, für das cin reservirter Platz des FriedhoftS auszewählt war. Als bei der inzwischen eiugetretenen Dämmerung die Hülle deS Verblichenen unter

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