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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-11-21 · Heft 31 (21.11.1890) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 31 (21.11.1890)
Date
1890-11-21
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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5 J’somim bojmu w’en ow für Tischah b’aw und sonstige J Tranergottesdienste sind sehr stimmungsvoll und ganz dafür geeignet, das wehmuthsvolle Herz zu erheben und ihm Trost zu spenden. Schim’u Banira endlich ist zwar kein Synagogengesang, sondern für das Theater bestimmt, und zwar ist es von Sulzer für die Synagogenscene in Gutzkow's »Uriel Acosta* componirt worden; gleichviel aber ist dennoch dieses Stück für uns musikalisch höchst werthvoll und historisch von besonderer Wichtigkeit, indem es uns beweist.- welche Bedeutung Sulzer auch außerhalb der jüdischen Kreise hatte, und welche Stellung ihn hauptsächlich in der Künstlerwelt auszcichnete. Außerdem ist cs ein Leichtes, dieses Stück durch Unterlegung eines passenden hebräischen oder deutschen Textes dem Gottesdienste zugänglich zu machen. Im Anhänge will ein treuer Sohn seinem innigstgeliebteu, unvergesslichen Vater ein Andenken weihen, und in der That, es ist eines so großen Vaters wohl würdig. Von den beigegebenen fünf Gesängen einzeln betrachtet, ist W'boju lim’schisso als Bariton- Solo eine höchst dankenßwerthe Piece, sie ist einfach, aber doch echt künstlerisch gestaltet, und darf der Vortragende desselben auf vielen Beifall rechnen. Na towu, für Tenor-Solo und gemischten Chor, ist wirklich seelenvoll und sehr fvrgfältig gearbeitet. Klar und fließend geschrieben und von synazogalem Character, ist diese hervorragende Composition in ganz besonderem Maße dafür gceignet, beim Gottesdienste vielfache Verwendung zu sinden. Desgleichen ist der darauffolgende und in vieler Beziehung zusammengehörende Ni aäiv, für gemischten Chor und Cantorsolo, ein sehr wirksames Stück, das neben fließender Stimmführung und interessanter Harmonisirung auch durch edle Melodie sich anszeichnet. Zm feierlichen N'trsro für gemischten und Männerchor begegnen wir einer reizend schönen Composition. Psalm 24, V. 1—6, für Bariton- oder Baß-Solo mit gemischtem und Männerchor schließt sich seinen Vorgängern würdig an und führt das Ganze zu einem befriedigenden Abschlüsse. Bei drei Nummern des Anhanges beschäftigt der Componist außer der Orgel auch noch die Harfe, die übrigens, wie die Bezeichnung ad libitum erklärt, wegblciben kann. Joseph Sulzer scheint hier das Bedürfnis gefühlt zu haben, den starren, kirchlichen Orgelton durch die Arabesken und Arpeggien des biblischen Instrumentes zu erwärmen und den Compositionen ein an das alte, echt psalmitische הגיון בכנור erinnerndes Colorit zu verleihen. Es ist dies eine höchst beachtenswerlhe Neuerung von möglicherweise großer Tragweite.*) Wenden wir uns nun der äußeren Hülle des Werkes zu, so sehen wir auf den ersten Blick, dass die Ausführung desselben in allen Stücken eine wolgelungene und vollendet elegante ist. Der pietätvolle Sohn hat es an Nichts ermangeln lassen und an Nichts gespart, um das jüngste und letzte Werk seines verewigten, von uns allen betrauerten Vaters aufs allerschönste und beste auszustatten und es.der Nachwelt, innerlich wie äußerlich voll« kommen, znm ewigen und auch schönen Andenken zu übergeben. Eine herrliche, erinnerungsvolle Beigabe bildet noch hierzu das lebenstrene und zum Sprechen ähnliche Bild des selig Dahingeschiedenen und ziert das Ganze, wie der Edelstein die Krone. Der treue Sohn ^empfindet tiefes Herzweh darüber, dass er — wie es bei den türkischen Israeliten Gebrauch ist, die Kasteiung am Versöhnungstage durch den Anblick einer mit auserlesenen Gerichten besetzten Tafel zu verschärfen — sich hier jedes liebenden *) Die Idee der Einführung von Harfenbegleitung bei diesen Trauungsgelängen ist, soweit uns bekannt, auf eine Anregung des Vorstehers der türk. Israeliten-Gemeinde in Wien, Herrn Marcus M. Rufs o, zurückzuführen. Die erwähnten Gesänge wurden auch für eine Hochzeit in der türkischen Synagoge .geschrieben. (Die> Redaktion.) Wortes für seinen Vater enthalten muß, und nur das niederschreiben darf, was ibm die Objectivität des Herausgebers zu sagen erlaubt. Diese reickbesetzte Tafel ist aber nur für uns angerichtet, genießen wir daher alle diese nvs hier dargeboteuen Köstlichkeiten und vergessen wir nie, dass Sulzer der eigentliche Schöpfer und Begründer des beutigen, bildungsvollen und musikalischen Cantorthums ist, und feien wir ihm, als feine unmittelbaren und mittelbaren Schüler dankbar. Wenn es aber uns Cantoren als Pflicht obliegt, so isl's für unsere Gemeinden eine Ehrenfache, das letzte Werk Sulzers für den verhältnismäßig billigen Preis anzukaufen. Die Gemeinden mögen bedenken, wie ohne Sulzer unser Gottesdienst noch jetzt anssehen würde. Kleine Chronik. Wien. . Der Jesuitenpater Kolb nahm in feiner jüngsten Sonntag-Abendpredigt Anlass, von der Kanzel herab gegen die Irrlehren des Antisemitismus aufzutreten und seinen christlichen Hörern eindringlich ans Herz zu legen, dass der Zndenbass eine Sünde sei, dass es gegen die Gebote Christi verstoße, den Juden als solchen zu hassen und zu verfolgen, weil er Jude ist. Wörtlich sagte Kolb: »Christi Gebot heißt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Dies Gebot gilt für alle Menschen gleich, ob Christ ob Jude. Selbst dann, wenn ein Mensch in Sünde und Unglauben besangen ist, müsst ihr ihn lieben als Mitmenschen und dürfet ihn nur bemitleiden ob seiner Fehlerhaftigkeit. Die Fehler, die Sünde darf man hassen, nicht aber den Menschen. Der Jude ist gleich so nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen, wie der Christ, wie alle Menschen. Darum müsst ihr den Juden lieben nach Christi Gebot, als Euren Nächsten und Mitmenschen wie alle Anderen. Wien. Samstag den 15. November fand im alten Rathhaufe unter Vorsitz des Vicepräsidenten, kaiserl. Rath Heinrich Ktinger die officielle Wählerversammlnng der israelitischen Cultusgemeiv.de statt, in welcher vorerst der Rechenschaftsbericht zur Verlesung gelangte. In demselben wurde aller freudigen und traurigen Ereigniße des Jahres, und unter letzteren auch des dahingeschiedenen Nestor S u l z e r gedacht. Die betreffende Stelle dürfte für unsere Leser von besonderem Interesse sein und lautet folgendermaßen: »Am 17. Jänner dieses Jahres schied der Nestor und Schöpfer unseres liturgischen Gesanges in unseren Bethäusern, Obercantor Professor Salomon Sulzer, im 87. Lebensjahre ans unserer Mitte. Die Verdienste des Dahingeschiedenen zu schildern, halten wir für überflüssig, sie leben fort und fort in jeder jüdischen Gemeinde und sind jedem unserer Glaubensgenossen bekannt. Die hiesige Culinsgemeinde hat in dem großen Schmerze, Len sie erlitten, der-- entseelten Hülle die größten Ehren erwiesen, die nach den Satzungen unserer Religion zulässig sind. Der Heimgegangene wurde im Tempel der inneren Stadt, der Stätte seiner glanzvollen Wirksamkeit, der Stätte, an welcher er durch seinen gottgefälligen Gesang mehrere Generationen zur Andacht und Gottesfurcht erhoben, aufgebahrl und von du, unter Begleitung seiner zahlreichen Verehrer ohne Unterschied der Confessioii, ans dem Friedhose beigesetzt. Ein Denkmal, errichtet nach den Entwürfen unseres College» Max Fleischer, legt Zeugnis ab von der unvergänglichen Dantbarkeit, welche die hiesige Gemeinde dem Heimgegangenen zollt-* (Wie wir vernehmen, sollte die Enthüllung des Denkmals zu einem feierlichen Acte gestaltet werden; da jedoch beim seligen Mannheimer ein ähnlicher Vorgang nicht stattsaud, wurde hievon Abstand genommen. Die Redaktion.) Nach Verlesung des Rechenschaftsberichtes stellten sich die Canditaten zur Vorstandswahl der Versammlung vor. Es sind dies die Herren: Architekt Max Fleischer, Dr. Joses G r ü n s e l d, Dr. Gustav Kohn, Gustav Simon, Dr. Alfred Stern, Professor Dr. Adam Politzer. Commerziairath Moritz Le in kauf. Die fünf ersten Herren gelangen zur Wiederwahl, die beiden letzeren zur Neuwahl. Die Caudidatenreden und Jntepellationen beschäftigten sich fast ans» schließlich mit der Frage des Religionsunterrichtes, und wurde allseits ans die Pflege der hebräischen Sprache besonderes Gewicht gelegt. Die Ausführungen zweier Wähler, die tu» gegentheiligen Standpunkt vertraten, wurden von der Versammlung missfällig ausgenomm-n. Die Wahl sämmtlichcr Candidaten ist bei dem Mangel jedweder Opposition gesichert.

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