Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 31 (21.11.1890)
- Date
- 1890-11-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Gott al§ Vater. ,Eine verlassene Waise wurde von einem ivohlthätigen Manne als Tocbter erzogen und gar sehr geliebt. Als sie woblgebildet herangewachsen war, sorgte der Pflegevater auch für einen Bräutigam. Es kam zur Verheiratbuna, und der Gerichtsschreiber frug die Braut beim Aussetzen des Ehevertrages nach ihrem und ihres Vaters Namen. Da zögerte sie bei der Abgabe deS Namens ihres Vaters, sie schwieg. Als sie der Wohlthäter nach der Ursache ibrcS Schweigens sing, da schaute sie ans ihn voll Rührung und Dankbarkeit. Ich kannte und kenne ja keinen andern Vater als Dich; denn nicht der Erzeuger, sondern der Erzieher ist der eigentliche Vater. Die Waise ist Israel, denn es heißt: ,Wir waren Waisen, hatten keinen Vater.' (Klage!. 4), Gott, der Israel erhalten, großgezogen und gebildet, ist dessen Vater. So kennt Israel seinen Gott als Vater.' (Nab. 2. M. Absch. 46 am Ende.) Gottesverehrung ans Liebe. Ueber den Unterschied der Gottesverehrung aus Liebe und der aus Furcht stellcu die Schristgelehrten folgendes Gleichnis auf. ,Ein König hatte zwei Diener, von denen der Eine den König liebte, der Andere ihn nur fürchtete Der König verreiste auf längere Zei> und während seiner Abwesenheit zeigte sich eine auffallende Verschiedenheit unter diesen zwei Dienern. Der, welcher den Köwg liebte, beschäftigte sich eifrig mit Anlegung eines neuen Gartens, in welchem er auch allerlei kostbare Bäume pflanzte, um den König bei seiner Rückkehr freudig zu überraschen. Dagegen nahm der andere Diener, der den König nur fürchtete, nichts dergleichen vor. Der König kehrte endlich zurück und freute sich der Ueberraschung, die ihm der Diener der ihn liebte, vorbereitet hatte. Derselbe erscheint zum Empfange vor dem König, der ihn anszeichnet, und ist freudig, erregt. Dagegen zittert der andere Diener, der wegen seiner Nachlässigkeit hart getadelt wurde. So verhält es sich, schließt die Parabel, mit den Gottesdieneru: der ihm dient aus Liebe, hat einen zweifachen Lohn zu erwarten, das Wohlgefallen Gottes und die Belohnung, er ist Erbe zweier Welten.' (Zalk. 1. M. 387, gegen Ende.) D.as Gotteshaus. Ueber das Gebot zur Errichtung eines Heiligthums (2. M. 25, 8) gibt uns folgendes Geichnis Aufschluss: ,Ein König hatte eine einzige Tochter, die er sehr liebte, und von der er sich nicht zu trennen vermochte. Sie wuchs heran, ein Prinz warb um ihre Hand, und der Tag ihrer Vermählung wurde gefeiert. Als die Abschiedsstunde herankam, und die Tochter den Vater verlassen sollte, sprach dieser zu dem scheidenden Schwiegersöhne: Meine Tochter, die Du mitnimmst, ist mein einziges Kind, ich kann mich nicht von ihr trennen; doch ist sie Dein Weib und muß mit Dir fort. So erfülle mir die Bitte, wohin Du ziehest, bereite mir ein Gemach, damit ich bei Dir wohne. So sprach Gott zu Israel: Ich habe Dir meine einzige Tochter, die Thora, gegeben. Von ihr mich zu trennen, bin ich nicht im Stande, aber ebenso kann ich sie Dir nicht wegnehmen. Darum bauet mir, wo Ihr seid, ein Hans, dass ich bei Euch weile. Machet mir ein Heiligthum, und ich wohne unter Euch' (Nab. 2. M. Absch. 33.) Das Opfergesetz. Ein Königssohn war stolz und übermüthig, es genügte ihm nicht das häusliche Mahl, er suchte auch unerlaubte Genüsse bei Anderen auf. Da befahl der König, dass von nun an sein Sohn an seinem Tische speise, damit er von selbst sich des Unerlaubten enthalte; so verhält es sich mit dem Opfergeböt. Israel war dem Götzendienste ergeben; es sollte jetzt Gott allein die Opfer darbringen, um vom Götzendienste abzukommen. (Menach. 110.) Vollziehung des Gesetzes. Gegen den Einwand, wer kann das Gesetz nach seinen vielen Vorschriften beobachten hatte man folgendes Gleichnis aufgestellt: ,Ein König, der in seinem Garten einen solchen tiefen Graben hatte, dass daS menschliche Auge nicht auf dessen Grund blicken konnte, fasste den Entschluss, ihn ausfüllen zu lassen. Ec miethete zu diesem Zwecke mehrere Arbeiter. Einige von ihnen besichtigten den Graben und sprachen: Wie wäre es möglich solch' unermessliche Tiefe auszu״ füllen, und gieugen davon. Aber die Vernünftigeren dachten, was kümmert nns dessen Tiefe, wir thun unsere Schuldigkeit, füllen ihn aus, wie wir können. So spricht auch oft der Mensch: Wie groß ist das Gesetz, wie viele Gebote, das ist eine unermessliche Tiefe, die man nicht ausfüllen kann! Aber Gott ruft, Du bist auf den Tag bezahlt, arbeite redlich nach Kräften an Dein Tagewerk.' (Zalk. 5. M. 863.) Das menschliche und das göttliche Licht. Ein Gelehrter wurde gefragt, ob man am Sabbathe ein Licht, das einem Kranken belästige, auslöschen dürfe. Ec antwortete: Die Seele wird in der heiligen Schrift ein Licht genannt (Spr. 20, 17); man verlösche das menschliche Licht vor dem Lichte Gottes.' (Sab. 30.) Die Prüfungen der Gerechten. Gott prüft den Gerechten und den Frevler, und wer die Gewaltthat liebt, den verwirft er (Ps. 11, 5), dazu folgendes Gleichnis: ,Wenn der Töpfer die Güte seiner Gefäße erproben will, klopft er auf die starken und festen, aber nicht auf die schwachen, die beim ersten Schlag in die Brüche gehen würden. Wer gute Wolle hat, klopft und schlägt sie ohne Furcht, wenn es aber mürbe Wolle ist, so wagt er es nicht, sie zu berühren. Wer zwei Arbeilskühe hat, eine gesunde und starke, die andere leidend und schwach, welcher legt er das Joch um den Hals? jener starken. Darum preist der Herr die Gerechten und nicht die Frevler.' (Nab. 1. M. S. 35.) Der e r st e Mensch. .Warum wurde ein einziger Mensch geschaffen, Vater aller Geschlechte der Erde zu sein? Um uns zu lehren, dass wer einen Menschen tödtet, es so viel sei, als wenn er eine Welt zerstörte, wer einen Menschen rettet, es soviel sei, wie wenn er eine Welt gerettet hätte. Es wurde ein einziger Mensch geschaffen, damit nicht eine Generation zur anderen sagen könne, mein Stammvater war größer als der Deinize. (Was sagen die Antisemiten zu diesem talmudischen Ausspruche?) Es wurde ein einziger Mensch geschaffen, um deu Jrrthume der Unwissenden zu begegnen, die an zwei Urheber der Schöpfung hätten glauben können. Es wurde ein einziger Mensch geschaffen, um von der göttlichen Allmacht Zeugnis zu geben. In der That ein menschlicher Künstler bringt mit einer einzigen Form, die er in tausend Gegenstände eindrückt, immer die nämliche Form hervor. Aber von der ersten Form Adams rührt eine unbegrenzte Zahl von unendlich verschiedenen Formen her.' (Sanhedr. 37.) Die Wohlthätigkeit. Der gottlose Nufus sagte zu Rabbi Akiba: ,Wenn, wie Ihr sagt, Euer Gott ein Freund der Armen ist, warum ist er nicht bedacht, sie zu ernähren, sie zu unterstützen?' ,Der Herr überlässt die Sorge den Menschen', antwortete der Gelehrte, ,damit sie sich durchaus ein Verdienst erwerben, das zur Sühne ihrer Vergehungen gereiche.' ,In der That ein schönes Verdienst', entgegnet Nufus. .Gib acht, ich will Dir einen Vergleich anstelle». Denke Dir einen Fürsten, der einen Diener, der ein Verbrechen begangen, ins Gefängnis steckt und ein strenges Verbot ergehen lässt, demselben Speise und Getränke zu reichen. Wenn ein Tollkühner sich herausnimmt, dieses Verbot zu übertreten und dem verurtheilten Diener Speise zu bringen, wäre dieses vielleicht ein verdienstliches Werk bei dem Fürsten?' ,Der Vergleich ist nicht richtig', antwortete der Rabbi. .Denke Dir, ein Fürst verurtheilt seinen ungehorsam-׳» Sohn zur harten Kerkerstrafe, ihm eine gewisse Zeit Speise und Trank zu entziehen,