Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 30 (11.11.1890)
- Date
- 1890-11-11
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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e Zeugnis nicht beibringen konnten, wurden zmückgewiesen und fielen der fie verfolgenden Inquisition zum Opfer. Viele noch fitzt blühende jüdisch-spanische Familien sind Nachkommen solcher Marannen, die aus Spanien sich flüchteten und in Italien, den Niederlanden zu dem Zudenthume znrückgekehrt sind. Sie verdanken ihre heutige Existenz der Toleranz und der Gelehrsamkeit des großen Isak bar Schesches. Kleine Chronik. Wim. Dem ,Gaulois* wird aus Petersburg gemeldet: Der Czar hat besohlen, zum Zwecke der Abschaffung der Gesetze undsVer- Ordnungen, welche Ruffen jüdischer Religion von den öffentlichen Beamtenstellen auSschließeu, eine EuquZte zu veranstalten. Die ersten^Resultate dieser von Kaiser Alexander HI. vorgeschriebenen Maßregel stud schon ans Licht getreten, indem der kaiserliche Gerichtshof in seiner Sitzung vom 27. October beschloß, 100 jüdische Advocaten, welche durch die allgemeinen Judengesctze ausgeschlossen waren, wieder in ihr Amt einzusetzen. Wien. Mittwoch den 5. d. M. wurde das israelitische Versorgungshaus, welches aus Anlass des vierzigjährigen Negierungs- Jubiläums Sr. Majestät des Kaisers von der Wiener Cultusgemeiude ins Leben gerufen wurde, seiner Bestimmung zugeführt. Aus diesem Aulaffe fand in der Haussynagoge der erste Gottesdienst statt, welchen: sämmtliche Insassen, sowie Vertreter des CultuSvorstandes und mehrere geladene Gäste beiwohnten. Herr Cantor Z. Schiller verrichtete das Mincha- und Maariw-Gebet und brachte durch seinen Vortrag die weihevolle Stimmung der Versammlung vortrefflich zur Geltung. 'Drag. Nach dem Berichte des Landesausschuffes über den Zustand des Volkschulwesens in Böhmen im Jahre 1890 bestehen in Böhmen 99 israelitische Privatschuleu. Mreska«. Sonntag den 2. November ist Herr Dr. M. Joel, Rabbiner in Breslau, im Alter von 64 Jahren nach längerem Leiden verschieden. Der Verblichene stand in Folge seiner hohen Gelehrsamkeit und seines biederen Charakters in großem Ansehen in- und außerhalb seiner Gemeinde und war einer der bedeutendsten jüdischen Kanzelredner. Im Jahre 1858 concurirte er mit Jeüinek um die Wiener Predigerstelle. Nach Geigers Abgang von Breslau (1863)wurde er hier zum Rabbiner gewählt. Dr. M. Joel entwickelte auch eine bedeutende litterarische Thätigkeit, und seine ausgezeichneten Schriften über die jüdische NeligionSrPhilosophie sowie über mannigfache Fragen, des jüdischen Cultns und Ritus sind von dauerndem literarischem Werthe. Aarmfiadt, 5. November. Die Darmstädter Zeitung bringt die Antwort auf die Vorstellung einer israelitischen Deputation bei dem Großherzog in Betreff der antisemitischen Bewegung. Der Staatsminister veröffentlicht auf Befehl des Großherzogs einen Erlass, welcher besagt: Der Großherzog habe von den in Theile des Großherzogthums von Außen hereingetragenen gehäffigen Anfeindungen der israelitischen Unterthaneu mit Bedauern Kenntnis genommen, mißbillige dieselben aufs ernstliche und erwarte von dem sonst gesunden und christlichen Sinne der betheiligten Kreise ein baldiges Aufhören jener gehäffigen Angriffe, wozu übrigens wesentlich beitragen werde, wenn der sittlich höher stehende Theil der israelitischen Bevölkerung nach Kräften sich angelegen sein laffe, den Ursachen zu Klagen über die Handlungsweise mancher Glaubensgenoffen uachzuforschen und mit geeigneten Mitteln Abhilfe zu schaffen. In den ihnen verfaffungSmäßig und gesetzlich zustehenden Rechten werden »ach dem Willen des Großherzogs die israelitischen Unterthaneu ebenso geschützt werden, wie Unterthauen anderer Bekeuntuiße. Magdeburg. In Ergänzung der in voriger Nummer dieses Blattes veröffentlichten Notiz über Maßregelung einiger antisemitischer GerichtSbeamter wird der ,Magdeb. Wochenschrift* aus Hildesheim gemeldet: Die hiesigen jüngeren, unverheirateten Juristen (fast ausschließlich Referendare) haben einen gemeinschaftlichen Mittagstisch, an dem auch einige Personen anderen Standes theilnehmen. Die Gesellschast ist insofern eine geschloffene zu nennen, als sie eigene Satzungen und Aufnahmsbedingnngen hat. Ein kürzlich hierher versetzter Referendar jüdischen Glaubens, Sohn des Advocaten Dr. Benfey in Hannover, suchte Aufnahme in die Gesellschaft zu erhalten, in der die Aufnahmebediuguugen sehr streng sind: eine ablehnende Stimme genügt, um die Aufnahme zu verhindern. Der Referendar meldete sich zum Eintritt in die Tischgesellschaft und — wurde abgewiesen. Er wandte sich hierauf an das Oberlandesgerichtspräsidinm in Celle und wünschte ohne Angäbe von Gründen seine Versetzung. Von dort aus wurde eine Untersnchung der Angelegenheit angeordnet, in Folge deren acht an der Abstimmung betheiligt gewesene Referendare, welche bei den hiesigen Gerichten oder Rechtsanwälten beschäftigt waren, auf Befehl des OberlandesgerichtSpräsidenten Dr. Bardeleben, versetzt wurden, während daS Versetzungsgesuch des jüdischen Referendars abschlägig beschieden wurde. Zwei ebenfalls an der Abstimmung betheiligt gewesene Referendare, welche bei der hiesigen Staatsanwaltschaft beschäftigt sind, bleiben am Orte. Wertitt, 5. November. Der großherzoglich hessische Erlaß gegen den Antisemitismus erregt umso größeres Aufsehen, als gleichzeitig autbentisch verlautet, dass der Hofprediger Stöcker sein Entlassnngsgesnch eingereicht hat, und dass dessen Genehmigung zweifellos sei. Dem antisemitischen Hetzer Stöcker sind in letzter Zeit verschiedene Zurücksetzungen widerfahren, welche ihm diesen Schritt unbedingt nahelegen mussten. Oberhofprediger Kögel, welcher, wie schon gestern bekannt ward, einen sechsmonatlichen Urlaub erhalten hat, wird nicht mehr ins Amt zurückkehren. Kögel gehörte zu Denjenigen, welche Stöcker hielten, und auch sein Rücktritt hat eine politische Bedeutung, obwohl Kögel freiwillig geht. Oberhosprediger Kögel, ein starr orthodoxer Geistlicher, ist ein unbeugsamer selbständiger Charakter; er wittert anscheinend Morgenluft, eine Zeit, die ihm nicht behagt, und darum der Urlaub. Stöcker's Rücktritt erscheint aber um so bedeutsamer, als der unlängst angekündigte Rücktritt Waldersee's noch nicht vollzogen ist; da jedoch die Thalsache seit sechs Wochen seststeht. so ist dieselbe prinzipiell dem Rücktritt Stöcker's sozusagen vorangegangen. Das Scheiden Waldersee's und Stöcker's von der politischen Bühne wird wohl erst nach Monaten vollauf gewürdigt werden. Superintendent Dryander ist zum Schloßprediger ernannt worden, mit welchem Amt die Seelsorge für die gestammte kaiserliche Familie verbunden ist. Dryander steht in religiöser Hinsicht ans streng positivem Standpunkt, ist aber politisch niemals hervorgetreten und wegen seiner maßvollen, toleranten Gesinnungen bekannt. Zum Sturze Stöcker's hat schließlich offenbar auch jene Rolle init beigetragen, welche er in der jüngsten brandenbnrgischen Proviuzial-Synode spielte. Stöcker brachte dort einen Antrag ein, rer für die geistlichen Bebörden das Recht beanspruchte, bei der Ernennnngstheologischer Universitätslehrer mitbefragt zu werden. Dieser Antrag musste an hoher Stelle peinlich berühren, weil die seinerzeitige Berufung des gemäßigt liberalen Professors Harnack nach Berlin gegen die Wünsche der orth-'doxen Geistlichkeit, aber auf Wunsch des Kaisers erfolgte. Berlin- 6. November. Die gestern aufgetauchte, aber Anfangs ungläubig aufgenommene Meldung, dass Stöcker seine Demission eingereicht habe, wird heute bestätigt. Die ,Kreuzzeitung* schreibt heute Abends, Stöcker habe zwar nicht seine Entlassung eingereicht, sondern er und Hofprediger Schräder hätten in Folge der Betrauung Dryander's mit der Vertretung Kögel'S als Schloßpfarrer dem König ihre Entlaffung angeboten. Trotzdem nun diese Entlassung keineswegs als sicher gilt, wird doch in evangelisch theologischen Kreisen gerade die Heranziehung des gemäßigten und humanen Dyrander zu den Functionen des Schloßpfarrers als bemerkenswerthes Anzeichen angesehen. Während die ,Kreuzzeitung* bezüglich Stöcker's die feine Unterscheidung zwischen der von ihm angebotenen und der eingereichten Entlaffnng macht, schreibt die Norddeutsche ,Allgemeine Zeitung* geradezu, Stöcker habe seine Entlassung eingereicht, die Entscheidung darüber sei aber noch nicht getroffen. Gestern war Consistorialrath Dryander und außer ihm nur Wildenbruch beim Kaiserpaare zu Tisch geladen. Jnformirte Kreise meinen, nach der erwähnten Ernennung Dryander's sei Stöcker und ׳Schräder nur die Demission übrig geblieben. Jedenfalls ist der Vorgang eine nene Widerlegung der früheren Gerüchte, dass das Kaiserpaar Stöcker's Ansichten billige. Zufällig fand heute der seit zwei Jahren zwischen den Predigern Stöcker und Wüte bestehende und verschiedene Male zn Gericht gekommene Preßstreit seine endgiltige Beilegung durch einen Vergleich. Zuerst widerstrebte Pastor Witte, zeigte sich aber dann einem Vergleiche geneigt, verlangte jedoch, Stöcker solle alle Aenßerungeu gegen ihn widerrufen. Stöcker forderte dagegen, Witte solle den beleidigenden Inhalt seiner Broschüren zurücknehmen. Schließlich drohte der Vergleich noch am Kostenpnukte zn scheitern. Da erklärten sich beide Vertheidiger zur Tragung der Gerichtskosten bereit, und 18 wurde folgender Vergleich geschlossen: Beide Parteien erklären, dass in den 'gestimmten,