Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 30 (11.11.1890)
- Date
- 1890-11-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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5 und Granada trugen jüdische Namen- und was noch viel wichtiger war, ein nicht unbeträchtlicher Theil der Staatsverwaltung wurde den Abkömmlingen Abrahams anvertraut, vorzüglich die Finanzen und Landeseinkünste des spanischen Reiches administritten die Juden. Dass der Wohlstand und die Macht der Inden einen großen Neid erregten, ist selbstverständlich. Wenn die spanischin Inden Klugheit genug besessen hätten, ihren Neichthum und ibren Einfluß zu verbergen, wären sie vielleicht dem Missgeschicke, von dem sie ereilt wurden, entronnen; aber wir Juden haben von jeher den Fehler, dass wir im Glücke an unsere Herkunft und Geschichte vergessen. Die spanischen Inden waren [nicht zufrieden mit ihren thatsächlichen Neichthümern und ihrer wohlbegründeten Macht, sie gelüsteten nach hohen Adelsstcllen und Staatswürden, sie wurden Granden, Grafen, und in den belebtesten Straßen der großen Städte des Reiches tummelten sich Juden in kostbaren Gewändern hoch zu Rosse und den Degen zur Seite. Die Volksmenge wurde von den Ordensgeistlichen und Bettelmönchen zum Hasse gegen die übermüthigen Inden aufgestachelt, und nach und nach wuchs dieser Hass so an, dass die Juden mit Schrecken wahrnahmen, sie ständen auf einem ganz nnterwühlten Boden. Aber zu spät, bereits war cs bei Hofe, durch den mächtigen Einfluß der Geistlichkeit, eine festbeschlossene Sache, die Juden nicht nur aus ihren Aemtern zu vertreiben, ihre Besitztbümer mit Beschlag zu belegen, sondern durch eine gänzliche Austreibung ans Spanien sich ihrer zu entledigen. Zum Schein und um nicht vor der ganzen Well als Räuber zu figurircn — denn die Inden in Spanien hatten sich keines Vergehens schuldig gemacht, sie waren nur übermüthig — wurde der Glaube als Ursache der unerhörten Verfolgung und Ungerechtigkeit vorgeschützt. Die Macht der Juden sei eine Gefahr für die Landeskirche, und zur Ebre Gottes darf und muß man eine temporäre Ungerechtigkeit begehen. Ein Dekret wurde erlassen, Spiel sein, dem dee Graf Melkte nach Stunden mühevollster Gedankenarbeit mit Behagen lauscht. Im Laufe der Jahre ist Graf Moltke immer seltener in den .Räumen der Singakademie erschienen, höchstens dass ihn einmal ein Wohlthätigkeitsconcert zu dem Besuche einer größeren Musikauffnhrung -veranlasste. Allein auf musikalischen Kunstgenuss hatte er nicht etwa verzichtet. Im Gegentheil. Er wusste sich den Reiz dieses edelsten Genusses dadurch zu erhöhen, dass er die Musik in seinem Hause pflegte. Meist.r Joachim und seine Genossen sind gar gern gesehene Gäste im Hause des Grafen Moltke. Er ist unermüdlich in seinem eifrigen Zuhöreu, und man kann sich leicht vorstellen, mit welcher unerschöpflichen Lust die Künstler dem großen Meister im Kriegsspi le etwas vorgeigen. Es muß allerdings kein geringer Genuss sein, dem Spiele Joachims zn lauschen, wenn Moltke srin eil!zig-.׳r Zuhörer ist, vder wenn sich eine erlesene Gesellschaft um den greifen Marschall zum Anhören einer Musik vereinigt, die ihrem innersten Wesen nach eben, ,Hausmusik, sein sott, Quartette heißen ja nicht ohne Grund ,Kammermusik'. Nun denke man sich den alten Moltke mit dem feingefältelten Antlitz, auS dem ein Paar tiefe, graublaue Angen hervorleuchten, von einigen Freunden und Vertrauten seines Hauses umgeben, wenn er mitten in seinem Arbeits- oder seinem Gesellschaftszimmer einem Quartett zuhört, das die Joachimsche Künstlervereinigung vorträgt. Man möchte wol:dabei gewesen sein. Meister Joachim hat eben stets ganz besonders ausgesuchte musikalische Leckerbissen in Bereitschaft — denn Jber Alte ist in Wahrheit ein Feinschmecker. Eine alte hebräische Melo di e hat sich dem greisen Zeldmarschall׳ ganz besonders tief in sein Herz geschmeichelt. Es .ist jenes weltberühmte Eingangsgebet zum Versöhnungstage, jenes welches alle Juden aus Spanien für ewige Zeiten^ verbannte. Ihre Liegenschaften und Güter wurden vom Fiskus mit Beschlag belegt. Ein großer Theil der begüterten und öffentliche Aemter innehabeuden Juden wellte Wohlstand und Würden nicht preisgeben. Sie beschlossen, im Lande zn bleiben, und opferten dafür ihre väterliche Religion zum Scheine, denn im Geheimen blieben sie Juden. Diese Schcin-Nichljnden wurden von den Spaniern mit dem Namen ,Marannen' bezeichnet — es ist ein Schimpfname, denn Maranne bedeutet im Spanischen eine Zwitterzattung zwischen Pferd und Esel — und will tu unserer Bedeutung so viel heißen, als Nicht-Jnd und Nicht-Christ, sondern Maulesel. Die Maranuen bereuten in der Folge bitter ihren übereiligen Scheinaustritt aus dem Judenthum, der letzte vagabondirende wirkliche Jude war im Vergleiche mit den Maranne» ein glücklicher Mensch. Die Inquisition hatte die Maranuen unter ihre besondere Aussicht genommen. Sie halten weder am Tage noch in der Nacht vor den Spionen dieses furchtbaren Tribunals Ruhe, und zu jeder Zeit brannten Scheiterhaufen in den großen Städten, auf welchen die Unglücklichen lebendig gebraten wurden. In Hellen Haufen wandten sich daher die Maranne« zur Flucht aus Spanien, welche ihnen aber durch Wachschiffe an den Küsten sehr erschwert wurde. Im Auslande erwartete sie neue Pein und neue Qual, denn die ihrem Glauben trengebliebenen Brüder waren auf die Maranne» mit Recht sehr erzürnk und wollten sie als Juden nicht anerkennen. Erst die Intervention des großen Isak bai• Schesches fand den Modus, unter welchem die Maranne» in dis Gemein» schaft des Jndcuthums wieder ausgenommen werden konnten. Diejenigen, welche ein beglaubigtes Zeugnis beibrachten, dass sie gezwungen das Judenthum abgeichworen und die erste Gelegenheit zur Flucht aus Spanien benützten, wurden als reuige Juden nach geschehener öffentlicher Buße wieder ausgenommen, die ein solches ,Kol Nidre', das Lenau zu einem seiner tiefempfundenen Gedichte begeisterte, deffen Weisen der unsterbliche deutsche Heermeister oft und mit ergriffenem Herzen lauscht. Die rührende Weise, in welcher jenes Gebet gehalten ist, muß allerdings, mit Joachims unvergleichlicher Kunst aus der Geige vorgetragen, bis ins Mark erschüttern. Etwas ,Beethoven- Stimmung', um mit den Kanzler zn reden, ist in dieser unendlichen Melodie; wir glauben wenigstens, dass zwischen dieser und der unendlich rührenden Weise, mit welcher Beethoven den Chorsatz in seiner Neunten eiuleitet, eine unverkennbare Gemüthsverwandtschast besteht. Nun, sei d.m, wie ihm wolle. Es ist immerhin nicht ohne ein gewisses Interesse, zn erfahren, dass der Mann, der kalten Blutes während des kritischsten Augenblicks in der Schlacht von Königzrätz dem neben ihm zn Pferde haltenden Ministerpräsidenten Bismark sein Cigarren-Ctni anbietet, sich in die melodische Weise eines Bußgebetes so zu vertiefen vormag, dass er sich dieselbe oft und gern Vorspielen lässt. Dieser kleine Zug aus dem Leben des großen Mannes gehört auch dazu, um das geistige Antlitz desselben in seiner physiognomischen Besonderheit und in seiner ganzen anziehenden Schärfe voll hervortreten zn lassen. Es gibt ein ungemein anziehendes Bild, das Len alten Fritz darstellt, wie er in einer Kirche dem Orgelspieler GrannS znhöct. Nun, es wäre eine nicht weniger anziehende künstlerische Ausgabe, den alten Moltke zn malen, wie er dem Joachimschen Geigenspiele lanscht. Am Ende mag sich sogar der Künstler gefunden haben, der den Neunzigjährigen mit solch einem Gemälde überrascht. Sollte dies jedoch noch nicht der Fall sein, so regen vielleicht diese Zeilen einen oder den andern unserer Meister des Pinsels zu solch einem Kunstwerk an. Der alte- Graf Moltke kann ja, trotz seiner neunzig Jahre, noch lange warten.