Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 30 (11.11.1890)
- Date
- 1890-11-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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und Humanität in seiner ganzen Reinheit erfasste, indem er! Freiheit und Fortschritt höher stellt als die nationale Idee, welche die Völker in wildem Hass gegeneinander hetzt. Und fürwahr, d e r I u d e, d e r d i e s e r exclusiv u a t i o n a l e n S t r ö m u n g folgt, verleugnet das Wesen und die Tradition des Juden thu ms und verdient es nicht anders, als dass er selb st zum Sünd en b o ck der Hasserfüllten Menschheit gemacht werde. Redner wendet sich sodann den Vorwürfen zu. welche gegen die moderne Presse, aus Anlass der hervorragenden Mitarbeit der Juden an derselben, erhoben werden. Eines der beliebtesten antisemitischen Schlazworte sei jenes von der Corrumpirung der Presse Lurch die Juden. Die Urheber jener journalistischen Corrnptiou seien jedoch die Clericalen gewesen. Der Arier Emil de G i r a r d i n habe unter dem Juli- Königtbum Len Börsentheil seiner Blätter ״Gazzette de France“ und ״Ami de religion“ an den Spekulanten Ser re verpachtet, und während diese Blätter früher monatlich 2—300 Francs für die Börsenberichte zahlen mussten, habe dann Girardi«, dafür dass ihm Serre die Börsenberichte im Sinne des Bankiers Pereire, Lesfep, Mi res rc. lieferte, von diesem monatlich 3—4000 Francs bezogen. Die genannten Bankiers waren Arier, Die jüdischen Bankiers James Rothschild und Benoit F o u l d haben an dieser Ausbeulung nicht theilgenommen, und später war es der Jude Lass alle, der gegen solchen Missbrauch der Presse eiferte. Auch die Scandalaffairen W i l l s o n und B o n t o u x kommen ausschließlich auf arische Rechnung, und der Vater des Antisemitismus, Fürst Bis mark, hat mit dem Welfenfonds die Pressrrptilien im Großen gezüchtigt. Man sagt, die Juden wollen Lurch die Presse berrschen. Aber man verwechsle hier Ursache und Wirkung. Nicht weil die Presse eine Macht ist, sind Juden Journalisten geworden, sondern weil die Juden Journalisten wurden, ist die Presse eine Macht geworden. Sie haben ihren Moltke als Musikfreund?) Von Eusebius. Gleich dem ersten Kanzler des neuerrichteten Deutschen Reiches ist auch sein erster Heermeister ein großer Musikfreund. Bismark hat einmal iu einem Briefe an seine Schwester eine Schilderung seines eigenen GemüthszustaudeS in die beiden Bezeichnungen zusammengepresst: ,Sonnenuntergang und ein bischen Beethoven-Stimmung!* Fürwahr, der eiserne Kanzler ist um diese Arrcittanderreihuug von vielsagenden und noch mehr verheißenden Wortbildern zu beneiden. Der in sich gekehrte Moltke hat sich in seinen veröffentlichten Schriften über sein Gemüthverhältnis zur Mrrsik nirgendwo geäußert. Aber er lauscht den tönenden Offenbarungen der großen Meister mit innigstem Behagen und mit feinstem Verständnis. Er steht in dieser Hinsicht unter seinen NuhmeSgenoffeu jedoch nicht vereinzelt da. Friedrich der Große und Napoleon waren, wie alle Welt weiß, ebenfalls leidenschaftlich der Musik ergeben. Der Elftere hat seine unsterblichen Kriegsthateu durch prächtige Marschweisen verherrlicht; während der Letztere, zum großen Leidweisen Cherubinis, ein ausgesprochener Freund der süßlichen Musik PaesielloS war. Es ist bekannt, welch bittere Wortpfeile der Welteroberer dem schweigsamen Musiker in Schönbrunn ontgegenschleuderte. Moltke, der Dritte im Bunde der gewaltigen Kriegsdenker der Neuzeit, theilte mit den eben Genannten die Vorliebe für die Kunst der Töne. Allein sein Geschmack wendet sich nicht sowoh l der hinfälligen italienischen, als vielmehr der nachhaltigen deutschen Art zu. *) S. ,Berliner Tagblatt*, Festschrift zum neunzigjährigen Geburtstag des Grafen Moltke. Geist, ihren Witz, ihre Verstandesschärfe, ihren Sinn für gefällige Formen, die Kraft ihrer Sprache, die Glnth ihrer Phantasie in die Zeitungen hineingetragen, und weil die Wiener Presse diese Merkmale der jüdischen Journalistik am meisten anfweift, ist sie ein Muster für ganz Europa geworden. Unaufhaltsam, schließt Redner, schreitet die Menschheit vorwärts zu den Höhen der Freiheit und der Civilisation. Aber diese Vorwärtsbewegung vollzieht sich nicht in gerader Richtung. In einer solchen Zeit befinden wir uns heute. Die Juden sind an der Spitze der. liberalen Partei gestanden, als diese die Bahnbrecherin der Freiheit war. Der Liberalismus als politisches S y st e m ist aber nur eine Etappe, eine Phase in der Ent- Wicklung der Menschheit, und er scheint seine Ausgabe erfüllt zu haben. Neue Geisteßströmungen dringen herein, die große sociale Bewegung kündigt sich machtvoll an. Auch an ihrer Spitze stehen Juden, Lassalle und Marx, denn auch sie bedeutet einen Fortschritt auf der Bahn der Civilisation. Und seien Sie überzeugt, was immer die Zukunft auch bringen mag, wie immer sich die politischen und socialen Zustände gestalten ׳mögen, ob das Programm des Fortschrittes den Namen des Liberalismus oder eine andere Bezeichnung tragen wird, auch an der Spitze jener neuen Bewegungen werden Juden stehen, denn die Juden sind die Fakelträger der Menschheit, die Pionniere des Fortschritts, und ihre Mission ist es, für Freiheit und Fortschritt, für Recht und Gerechtigkeit und für die Culturgemeinschaft aller Völker zu wirken. Die Mannnien. Historische Skizze-von A. Wertheim. In Spanien war der jüdische Stamm im 14. Jahrhundert nicht nur sehr zahlreich vertreten und ausgebreitet, sondern auch sehr mächtig; ein großer Theil des Grundbesitzes war in seinen Händen, zahlreiche Häuser und Paläste in Toledo, Barcelona In dem prunkvollen Zuschauerranm der Oper ist ihm wohl׳ schwerlich schon Jemand einmal begegnet, cs sei denn, dass er einem hösischen Pflichtgebot gefolgt wäre. Aber in der Berliner Singakademie konnte man gewiss sein, den Feldmarschall bei den Joachimschen Quartett-Abenden anzutreffen. Namentlich gehörte er während der ersten Jahre des Bestehens des erlesenen Künstler-Vereines Joachim- Nappoldi-Deahna-Müller zu dem festen Besucherstamm dieser unvergleichlichen musikalischen Veranftaltnugen. Die Augen aller Anwesenden waren auf den weltberühmten Mann gerichtet, für den die Menge der Beobachtenden gar nicht vorhanden zu sein schien. Unbeweglich saß cr > auf seinem Platze, die Beine übereinander geschlagen, auf seinem ehernen Antlitze zuckte keine Fiber, und nichts vcrrieth die innere Erregung, welche die Werke der großen Tondenker in ihm Hervorrufen mochten. Er hörte, eben zu, und ein Mann, gewohnt, stets ganz bei der Sache zu fein, die ihn gerade beschäftigte, mochte er wohl all fein Sinnen und Empsiuden auf das Musikwerk hinrichteu und seine Ent- Wickelung verfolgen. Es will uns nicht wie ein Zufall oder wie eine Laune erscheinen, wenn Graf Moltke als ein Freund gerade derjenigen Musikgattung sich ausweist, iu welcher dem echten, das Gemüth ergreifenden oder erregenden Inhalt die klare Form nicht geopfert ist. Gerade die Vereinigung innigster Gemüthstiefe mitkühnster und klarster Construktion wie sie den unsterblichen Werken unserer musikalischen Großmeister eigen ist, muß auf einen Mann von ׳der feingebildeten und dabei logisch haarscharfen Denkweise, wie eS Graf Moltke ist, einen nachhaltigen Eindruck machen. Die Folgerichtigkeit, mit welcher der Componist feinem Ziele zustrebt; die Mannigfaltigkeit der Mittel, durch welche er die beabsichtigte Wirkung erreicht; die kühne Sicherheit; mit welcher er bis zur äußersten Spitze vordringt, das mag ein geistig es