Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 30 (11.11.1890)
- Date
- 1890-11-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 und demütbig grüßen. Schärfet der Jugend Euere weisen Lehren ein; wenn sie da nichts fruchten, so setzet Eure Hoffnungen nicht auf erwachsene Männer und Frauen, die sich zumeist bereits ihre festen Grundsätze über die wichtigsten Leben fragen gebildet haben. Erwecket die Wissbegier und haltet sie wach in den Mitgliedern Eurer Gemeinde. Die jüdische Alterthumswissenschaft ist Unerschöpflich, während Ihr Euch nothwendig nach zwei bis drei Jahren in Euren Predigten wiederholen müsst. Erzählet Eurem Auditorium auf Grundlage der neuesten Forschungen die interessantesten Episoden unserer Geschichte; mackt Eure Zuhörer mit dem Leben . unserer Gelehrten und sonstiger hervorragender Glaubensgenossen aus Vergangenheit und Gegenwart bekannt. Dann dürftet Ihr des stetigen Interesses der Gemeinde gewärtig sein; man wird Euere historischen und litterarischen Kenntniße bewundern, während man — ich füge hinzu leider — für Eueren Schulchan Aruch und Talmud kein Verständnis mehr hat. Auf diesem Umwege allein könnt Ihr dazu gelangen, in dem Knaben und Jüngling Liebe für seinen Glauben zu erwecken und vielleicht wird wieder der Tag aubrechen, wo man die alten hebräischen Werke in den Bibliotheken aufsuchen und studieren wird. Nicht Jammern und Klagen über die Indifferenz unserer Glaubensbrüder, sondern vernünftiges Handeln allein kann das Judenthum vor dem Hinsiecheu retten, an dem Ihr leider mitverantwortlich seid. Das Iudenthum in der Journalistik. Es ist ein nicht zu unterschätzendes Verdienst des Vereines der ,Oesterr. israel. Union* in Wien, dass in seinen Versammlungen solche Fragen, die theils für das Gemeindeleben in Wien, tbeils für das allgemeine Judenthum von hervorragender Bedeutung sind, zum Gegenstände freier Vorträge gewählt worden, und hiedurch unter Männern von wissenschaftlicher Durchbildung und praktischem Blicke zu ernster und eingehender Discussiou gelangen. Die heurige Vereinssaison wurde nun durch einen Vortrag des Herrn Siegfried Fleischer über das obige ebenso interessante als zeitgemäße Thema eingeleitet: Der Vortragende besprach zunächst das Wesen und die Bedeutung der Presse, die thatsächlich eine Macht in den Händen Derer sei, welche sie gebrauchen. Die allgemeine Schulpflicht vermittle den unteren Volksschichten nur jenes Maaß von Kenntnißen, welches für den Broterwerb durchaus nothwendig ist. Für diese Elasten sei die Presse die Hochschule, durch welche sie ihr Wissen über Land und Leute, über politische und sociale Zustände vervollständigen. Die Zeitungen seien demnach ein wichtiger Behelf zur Bildung und Erziehung des Volkes. Wie allem Menschenwerke, so haften allerdings auch dieser Institution Mängel und Fehler an. Wir leben in einer Zeit des politischen und wissenschaftlichen Ueberganges, und solche Perioden pflegen tiefe Spaltungen der bürgerlichen Gesellschaft aufzuweisen. Die Presse ist der Spiegel der Zeit, sie dient den Parteien, und so kommt es, dass sie der Bevölkerung die Vorgänge des öffentlichen Lebens in einseitiger Darstellung und im Sinne der einzelnen Parteien zur Kenntnis bringt. Das ist allerdings ein wesentlicher Uebelstand, welcher vielfach hemmend auf die kulturelle Entwicklung einwirke. Allein die Presse könne selbst in dieser unvollkommenen Form ihrem höchsten Ziele nicht untreu werden. Indem sie vermöge der außerordcntlicheuVervollkommnung des Communications. Wesens ihren Lesern über alle wichtigen Ereigniße auf dem ganzen Erdball Nachricht gibt, stärkt sie daS Gefühl der Gemeinsamkeit aller Nationen, bringt sie die geistigen Strömungen aller Völker in näheren Zusammenhang und kräftigt den Gedanken der Universalität. Und hier sei der Punkt, wo sich die höheren Auf» gaben der Presse mit der großen Culturmifsion deS Jude nth ums decken. Denn das Judenthum sei von' feinem Anbeginn bis auf die heutige Zeit der Träger des W e l t b ü r g e r t h u m s, der kosmopolitischen Idee gewesen. Der Glaube an ein messianisches Reich, welches alle Völker der Erde im Dienste der Cultur und der bürgerlichen Freiheit vereinigt, bildet den Kern des Judenthums, und jeder wahre Jude sei deshalb ein Vorkämpfer für diese Culturgemeiuschaft aller Nationen, für den Weltfrieden, für die Aufklärung und den Fortschritt. Und in dieser Congruenz der jüdischen Idee mit den letzten Zielen aller journalistischen Thätigkeit sei das Geheimnis enthüllt, warum die Juden sich in besonderem Maße für den publiciftischen Beruf eignen. Der Jude ist durch Geschichte, Tradition und Erziehung der prädestinirte Journalist, der Bannerträger des Humanismus. Er kennt die Leiden der unterdrückten Nassen und Völker, er hat den Werth der Freiheit, des Wissens und der Civilisation in der harten Schule der Knechtschaft schätzen gelernt, und er wie kein Anderer erscheint berufen, im Namen der Menschheit und der Menschlichkeit das Wort zu führen. Thatsächlich datirt denn auch der Aufschwuug der modernen Journalistik von dem Augenblicke der Emancipation der Juden. Die Presse und die Juden sind in derselben Stunde freigeworden, und von dieser Stunde an sprachen die Jude» nicht blss zu ihrem Volke, sondern zu den Völkern überhaupt. Und es ist begreiflich, dass sie sich mit stürmender Gewalt des freigegebenen Wortes bemächtigten. Jahrtausende hindurch hat dieses reichbegabte, geistesstarke und hochstrebende Volk schweigen und dulden müssen. Wie der Gefangene, wenn die Riegel seines Kerkers gesprengt werden, ausjubelt, so drängte eS die Juden, in dem Augenblicke, wo ihre Fesseln gefallen waren, ihre tausendjährig verhaltene Sehnsucht nach Freiheit, Licht und Recht in Worte zu fassen und den Völkern des Erdballs endlich, endlich zu sagen, wie reich an Kraft und Geist, an allem Hohen und Edlen dieses verfolgte, geschmähte, mit Füßen getretene Judenthum ist. So waren es denn in Wahrheit Juden, welche in der großen Bewegung des Jahres 1848 sich zuerst der Waffen des Wortes und der Schrift bedienten) um den Völkern die Wege der Freiheit zu ebnen. Der Jude Adolf F i s ch h o f sprach das erste erlösende Wort vom Brunnen des Landhauses herab. Der Jude Ludwig August Frankl ließ das erste censurfreie Blatt ,Die Universität' in die Welt flattern, und Juden wie Siegfried Kapper, Ignaz Kuranda, Becher, Jellinek, Mahler, Isidor Heller, Leopold L a n d st e i n e r, waren die ersten journalistischen Verkünder der schwer errungenen Freiheit. Weit zurück in altersgraue Zeit reichen die Anfänge der journalistischen Thätigkeit der Juden. Mann dürfe kühn d i e Propheten als die ersten jüdischen Iournalisten bezeichnen. Redner weist durch Citate aus Jesaias und Jeremias nach, dass das Weltbürgerthnm, die Idee der menschlichen Culturgemeinschaft, der Gedanke der Universität schon in den Weissagungen dieser großen Propheten, die man als gesprochene Leitactikel bezeichnen dürfe, zum Ausdrucke gelangte. Und die Hoheit der Auffassung und die Sprachgewalt der Propheten finde sich auch bei den Vorläufern der modernen Publiciftik, bei den Juden Börne und Heine, welche in ihren journalistischen Schriften auf Grund der jüdischen Weltanschauung den bornirten Stand» Punkt des exclusiven Nationalismus bekämpfen und den d e m ok r a t i s ch e n G r u n d z u g des JudenthumS aufzeigten. Noch über sie hinaus ragt Adolf F i s ch h o f, der ein leuchtendes Beispiel selbstloser Aufopferung biete und den Gedanken der Universalität