Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 29 (1.11.1890)
- Date
- 1890-11-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 sind oft frob, wenn sie einen Functionär erkalten können, der , alle religiösen und erziehlichen Ausgaben zu erfüllen bat. Kommen nun Trauungen, Begräbniße und andere Functionen, so wird der betreffende Rabbiner der fünf bis sechs Stunden entfernten Gemeinde!berufen, natürlich muß er dafür gut bezahlt werden, und Gebübren von 30 bis 40 fl. und darüber sind gang und gäbe. Ob die Partei dies zahlen kann, darnach wird nicht gefragt. Natürlich ist dies für die Herren Nabbinen eine bedeutende Einnahmequelle, zwei- bis dreimal so groß als ihr Iahresgebalt. / Da kommt nun der Z 11 des neuen Gesetzes und diktiert den Gemeinden, ihr müsst einen Rabbiner haben, wenn ihr nicht zur Gemeinde X — Y — Z zugetheilt werden wollet. Diese kleinen Gemeiden nun sollen ibre Selbständigkeit einbüßen und einer mehrere Stunden entfernten Gemeinde einverleibt werdet», von der sie nichts anderes baden als äs nomine den Rabbiner, natürlich wieder gegen Bezahlung. Das Gesetz verlangt, dass der anzustellende Rabbiner ein gewisses Maß allgemeinen Wissens besitze — was und wie viel, wird der StaatSregteruug überlassen. Aber der Begriff des allgemeinen Wissens ist sebr dehnbar, und cs fragt sich, ob cS denn zur allgemeinen Bildung des Rabbiners notdwendig ist, die Sprache und Lilteratür des Sanskrits die Wedas der Inder, das Lateinische und Griechische oder Arabische zu beherrschen? Die Entscheidung ritueller Fragen bedarf weder des Arabischen noch irgend eines anderen cla'sischcn Idioms, däS zu denDisciplinen höheren philologischen Wissens gehört. Solche Gelehrte können Großgemeinden suchen und bonoriren, aber die kleine Gemeinde begnügt sich mit einem Rabbiner, der neben einer genauen Kenntnis der deutschen Sprache die rabbinischen Ooäioos gut kennt, um in rituellen Fragen seines AmteS zu walten, und das dürften die so sehr gehassten Lehrer, Cantoren oder Rrligiouslebrer, die ein gewisses Maß von rabbinischem W-sseu, von Talmud, Nisobna, Schulchan Aruch, Even boeser baben und dabei mindestens die Lehrbefähigung für allgemeine Volks- und Bürgerschulen besitzen und auch einige autodidactische Kenntniße in anderen Disctplinen sich erworben haben, wol zu Stande ״bringen. Daß sind also die Nabbinen der kleinen Gemeinden, das sind die über Nacht zu Nabbinen gewordenen Cantoren und Lehrer. Ob der Functionär dann die Augen verdreht, Gestikulationen und Mimik nach diesem oder jenem berühmten Muster macht, das, denken wir. fällt nickt in die Wagschale. Aber was wir von Allen, ob dem zum Rabbiner avancierten Lehrer oder dem studierten Docror-Rabbiner zu verlangen berechtigt sind, das ist C harakter, der Titel ist Nebensache. Nur kein Brotneid, nur nicht einen Anderen berabs tzen, der vielleicht nicht so glücklich gewesen, diese oder jene Alma matsr zu besuchen oder nicht zu besuchen, um daS Doctordiplom erwerben zu können. Sollen wir Herrn Dr. Deutsch etwa auf die Bestimmungen des Talmud, äors äsa u. s. w. verweisen, was diese von dem Rabbi verlangen, und wie alt überhaupt dieser Titel ist? Einem Gelehrten loschen Ranges gegenüber glaubt der bescheidene Lehrer- Rabbiner dieser Psticht überhoben.zu sein. Diese Herren haben ja jüdische Geschichte — nachbiblische — studiert und kennen sie aus dem ״F“, und eine Hierarchie, wie sie z. B. die katholische Kirche besitzt, kennte daS Zudentbum G. s. D. nicht! «köre, jore —- jodin, jodin! Nickt wabr. Herr Doctor, so lautet der Schlu'Siatz eines gewissen Schriftstückes, aber nichts von Latein, Griechlich, Persisch, Arabisch, Indisch u. 1Uv Sapienti sat! >;j Ein Lehrer-Rabbiner! Das Gebet. Betrachtungen über Gebet nutz Gebctserhöruug. M. Tintner, Canlor und Lehrer in Bunzlau, Preußisch »Schlesien. I. ,Erzählen will ick Deinen Namen meinetr Brüdern, mitten in der Versammlung Drch tübmfn.* (P'alm 22, 23.) Diese Worte finden Widerhall in der Seele und im Herzen ein-S jeden eckten und rechten Israelitin. Aber nun fragen wir uns: Wie können wir diele Sehnsucht nach dem Einzigen stillen, wie können wir uns immer wieder von neuem vereinigen mit Ihm, dem allgegenwärtig.n Gott? Und dir Antwort tautet: Im Gebet. In, im Gebet reden wir mit Gott, danken und preisen ihn, als solche^ die ibn boten und rufen, und flehen zu ihm, als sotche, die sich nach ibm «ebnen, die ibn rübmen mitten in der Versammlung. Es ist daber nicht, wie eS so häufig, ja ich möchte sagen, meistens angesehen wird, nur ein bloßes Mittel, um irgend etwas zu gewinneu und zu erhalten, nein, eS ist die Äeußerung unserer Liebe und Hingabe zu dem. der uns erhält und auf den wir alle unsere Zuversicht setzen sollen. Im Gebete suchen wir uns Gott zu nähern, ihn in nuS aufzunedmen; aber das können wir nur dann, wenn wir uns ihm hingeben, wenn wir fortgesetzt ankämpsen gegen alles das, was dem Gebete hindernd entgegentritt. Freilich wird da wohk Mancher entgegnen: .Kann uns irgend etwas hindern, wenu wir beten wollen?' Und im ersten Augenblicke scheint auch dieser Einspruch mit Recrt erhoben zu werden. Dennach aber sage ich t Wer ernstlich beten will, hat sich nickt nur vorzubereiten, sondern auch zu kämpfen nickt mit einem, mit vielen Hiudernißen. Das Gebet ist eines der wichtigsten religiösen llebungen. Es ist der himmlische Odem unseres Geistes, das Herz unseres Glaubens^ von dem alle höhere Lebenskraft auSgeht, der PulSschtag unseres Lebens in Gott. Es gibt aber Leute in allen Beruisklasien, die da meinen: Wie können wir durch unsere Gebete, unsere Wünsche auch nur ) im kleinsten Tbeil auf die göttliche Weltregierung einwirken? ES geschieht so, wie es Gottes Wille ist, mögen wir nun beten oder nicht. Das fiitb Leute, die sich eine eigene Religion geschaffen und sich selbst als ihren Gott anlehen, sie vergesien aber an ihre sinnliche Schwäche und Sündhaftigkeit und sehen sich erst dann betrogen und verführt, wenn die Gefahr ihnen entgegentritt, der sie nicht gewachsen sind, bis daS steinerne Herz im Gebete und im Aufblick zu Gott erweicht wird. »Wir aber wollen im ernsten Gebete Gott preisen, von nun an bis in Ewigkeit Hallelujah.* Wahrlich, so kann dasjenige, waS nach dem menschlichen Verstände ein Unheil zu sein scheint, nach Gottes Urtheil zum Glück und Segen der Betroffenen werden. Darum bete in frommer Andacht. Du wirst eS merken, dass Gott das Gebet erhört, wenn eS ernstlich ist. Wirst Du nicht selbst durch das Gebet ein anderer, als Du vorher warst» und erscheint Dir nicht auch Deine Umgebung, ja alles, was Dich vorher bedrückte und quälte, anders. Freilich, wir Menschenwissen nicht, was einem gut ist; und nur zu oft mögen wir um Dinge bitten, die uns nicht zum Heil, sondern nur zum Schaden gereichen würden, »venn wir sie erhielten. Und wo ist ein größerer Trost in trüben Stunden als das Gebet? Da schütten wir unser Herz vor Gott aus. Kein irdisches Geschäft sei das Gebet, nein, es ist ein himmlisches. Die Flamme der Andacht läutert unsere Wünsche. Das Irdische verliert da allen Werth gegen das Himmlische, und mit anderen Urtheilen tritt! der Betende aus dem Gebete zurück. Er sieht ein, dass das, wornach