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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-11-01 · Heft 29 (1.11.1890) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 29 (1.11.1890)
Date
1890-11-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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- 2 — Doch nehmen wir etwas Phantasie :u Hilfe und versiegenwärtigen wir nuS die Zeit, da der junge Äbraß mit seinem trefflich geschulten Cborperlonale in der Synagoge zu Oecffa diese vor uns liegenden Gelänge aufführte. so kann es kann! bestritt, n werden, dass die Wirkung eine bestrickende, überaus mächtige gewesen sein mu§. Zuvörderst muß wieder der nach alter Gepstogeubrit als vorherrschend bebandelten Canlor-Srimmt Elwäbnung geschehen. Der Adraß'sche Chorsatz ist wobl zumeist correkt und selbständig behandelt, könnte auch selbständig mit entsprechender Wirkung Aesungen werden, allein damit scheint das Nöibige i.ickt erreicht zu sein, wenn die Cantorstimme mit den bekannten Fiorimren, Trillern und Passagen rc. nicht wie ein mächtiger Geist über demselben schwebte, und da im Nincba-Gebete sehnliches nicht üblich war, so wird es einfach weggelass n. um gleich mit einer sogenannten Effektnummer, also mit einem L'cho dodi in O-Dur zu beginnen. Bei der kritischen Durchsicht der vorliegenden Abraß'ichen Gesänge muffen wir den üblichen Weg der einfachen Besprechung, verlassen und eine neue Metbode wählen, wenn wir unsere schwierige Aufgabe voll und ganz erfüllen sollen. Das Adraß'sche Syvagogeugesangswerk tbeilt nämlich mit den Werken Richard leicht interessirt es die Leser dieser Blätter, indem ich mittbeile, dass man schon vor einem halben Zabrbundert hier in Wien daran dackie, diesem Bedürflliße entgegenzukommen.. Als ick nämlich im Fahre 1839 nach Wien kam, sungirte Herr M. H. Ber, ein Schwager Cremieüx's, als Betbäusvorsteher. Dieser trug sich' mit dem Gedanken, angebenden Cantoren Unterriebt im Hebräischen ertbeilen zu lassen, da es in dieser Beziehung gar oft bei dem Nackwuchse mangelte, und sollten die angehenden Cantoren mit dem Inhalte der Gebete, insbesondere jener an den hoben Festtagen bekannt gemacht werden. Der selige Prediger Mannheimer, der mir sehr gewogen war (ick unterrichtete seine Kinder, und zwar den Aeltesten, nachmaligen snr.Dr. Theodor im Talmud, und war in dieser Beziehung der Nachfolger Leopold Löw's, nachmals Rabbiner in Szegcdin), empfahl mich dem genannten Beihausvorsteher Beer als Lehrer des Hebräischen. Wenn ich nicht irre, übernahm ich dielen Unterricht im Zabre 1840 oder 1841, und waren mir drei Schüler zugewiesen, darunter der nachmalige Cantor PerleS in Prag. Nach etwa zwei Zähren löste sich jedoch diese Institution auf. Die jungen Leute außer Perles brachten nämlich, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, wenig Jntereffe der Sache entgegen. , Wagner's das gleiche Geschick, glühende Verehrer und die heftigsten Gegner wachgerusen zu haben. Nicht etwa wegen einer neuen Richtung, die Abraß dem Syuagogengesange vorzeichnen wollte « denn er hat nichts weniger als das beabsichtigt und gelban, sondern von wegen der moderne» Gewandung, in welche er die schlotternden Glieder des altmelodischen Körpers zu hüllen bestrebt war. Es ist wirklich possierlich zu beobachten,'wie gravitätisch der altvaterische Nigen in Gemeinschaft der ihn etwas unbehaglich umgebenden modernen Harmonien einherschreitet und sich spreizt und bläht und bemüht, die Aufmerksamkeit aus sich zu lenken. Der zum Theil in gläubig Hayden'scher, zum Tbeil in romantisch Weber'scher Manier geschriebene gemischte Choriatz Lebomor wesoebor könnte sehr gut selbstständig verwendet werden; was soll jedoch mit dem Machtgebote der Cantorstimme geschehen, wenn dieselbe zum Pausircn vernnb׳׳ilt wäre? Rasch tritt dieselbe auf den Plan, um Anfangs in flöienartig-pizzicato abgerissenen Tönen, bald jedoch in Sechzebntelläufen und italienischen Trioleu ihr Uebergewicht den andern ruhig sich bewegenden Noten gegen» über zu bekunden. Uns erscheint diese Cantorstimme wie ein Auswanderer, der .die eigene Heimat gebrochenen Herzens verlässt, um aus einem fremden Boden unter ungünstigen Verhältrußen ein neues Dasein zu beginnen. Armer Auswanderer! Unverstanden und wirkungslos bleiben Deine ehrlichen Bemühungen hier in der neuen Umgebung, fragend begegnen sich die Blicke, wozu Deine großen Anstrengungen, dieses Pathos, das sie fatsch nennen, weil sie es nicht begreifen; o kehre rasch zurück in Deine Heimat, dort warst Du ein Fürst rm Reiche, hier bleibst Du ewig nur ein Eindringling! Und trotzdem, wer jemals Gelegenheit batte, Abraß mit seinem Ehorpersonale diesen Leebo dodi umführen zu hören, der wird sicherlich beipflichten, dass die Wirkung eine bedeutende, dass Abraß sein Publikum kennt und cs, wie der Besten Einer, versteht, für sein Publikum Gesänge zu componiren. G. Wolf. Unsere Rabbinen. Eine Reminisreiy. Die Petition deS Vorstandes des österreichisch-ungarischen EantorenvereineS (Vergl. ,Cantoren-Zeitung' Nummer 28 vom LI.October 1890) klingt in dem Wunsche aus, dass bei Creirung eines Rabbiner-Seminars auch eine Lehrstätte zur Heranbildung tüchtiger und würdiger cantoraler Kräfte geschaffen werde. Viel¬ Hin Mort zur Aufklärung. Zn der ,allgemeinen Zeitung des Zudentums' wendet sich Herr Dr. Deuts cd, Rabbiner in Brüx, Böhmen, bei Besprechung der durch das neue Gesetz zur Regelung der äußeren Rechtsverhäüniße der israelitischen Religionsgesellschaft in Oesterreich geschaffenen Cultusverhältniße, gegen die Art und Weise, wie manche Gemeinden sich den § 11 des genannten Gesetzes zurecht zu legen suchen, und benützt diesen Anlass gleichzeitig, um gegen Cantoren und Neligionslehrer loszuziehen. Dass die Herren Rabbinen sich bemühten und bemühen, ihre Stellung zu erhalten und zu defestigen, wird einen vorurtheilsfreien Leser nicht sonderlich Wunder nehmen, wissen wir doch Alle, wo unS der Schuh drückt, ob Rabbiner, Cantor und Lehrer. Wenn nun das Gesetz sich der Rabbinen so warm annimmt und den Bestand der Gemeinde von ihrer Bestellung als conditio sine gua non abhängig macht, so sollten dieselben, falle nicht schon die allgemein menschlichen Pstichlen sie dazu veranlassten, den Cantoren, Neligionslebrern und Lehrern auch ein gewisses Recht zur Existenz zu gewähren, doch sicherlich vermöge ihrer Stellung, ihres Amtes als Rabbiner, als Seelsorger, als Prediger des GottesmorteS, von Liebe, Güte und Gerechtigkeit ihren Gemeindcmitglicdern mit gutem Beispiele vorangehcn und die Tbora nicht bloS predigen sondern auch selbst erfülle«. ולא המדרש עקר אלא המעשה lehren unsere Weisen, was soll aber die Gemeinde sich denken, wenn sie einen .Vergleich zieht zwischen den Worten des Rabbiners und seinerHandlungsweise? Wir würden jedoch trotz allem geschwiegen haben, wüssten wir, dass der ganze Kamps der Rabbinen gegen die Cantoren, Neligronslehrer und Lehrer einzig und allein im Interesse. des Zudentums geführt werde; allein seien wir aufrichtig, es ist nackter Brotneid. Die Herren Rabbinen, die heute in dieser oder jener Gemeinte wirken—es sind dies durchwegs größere Gemeinden, die einen Rabbiner anzustellen in der Lage sind, und fünf bis sechs Stunden in der Umgebung, ja oft noch mehr ist . kein Rabbiner, aber eine große Zahl von kleineren Gemeinden und sogenannte wilde Zuden sind zu finden — betrachten diese Gemeinde und die weite Umgebung als ihr Dominium, ihre Diezöse christlich gesagt, und wollen keinen Anderen neben sich dulden. Die kleineren Gemeinden

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