Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 28 (21.10.1890)
- Date
- 1890-10-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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sich Herr Dr. Deutsch deshalb unbehaglich, weil, wie er glaubt,! zahlreiche Gemeinden, welche nicht die Mittel besitzen, einen Rabbiner zu besolden und doch ihre Selbstständigkeit behaupten wollen, jenen Paragraph gern aus der Welt geschasst sehen und ן das Gesetz womöglich umgehen möchten. Dass nun, wie Herr! Dr. Deutsch anführt, eine Gemeinde ihren Lehrer, eine andere ihren Cantor zum Rabbiner ernennt, ist eine Procedur, die jenen würdigen, mit bisher bescheidenem Einkommen sich zufrieden stellenden, ihrem Berufe lebenden Rabbinern nur im Interesse der Reputation ihres Standes nicht gleichgiltig sein kann, wogegen sie jene Rabbiner, welche den Sehnlchan Aruch mit der sin anziellen Frage Ln Einklang zu bringen suchen, förmlich in einen kuror rabbmicus versetzt. Damit erklärt sich auch das Gruseln, welches die letzteren überläuft bei den: Gedanken, dass eine Gemeiude in Nieder-Oesterreich einen Concurs ausschreibt, in welchem ftt für 600 sl. einen Rabbiner, der zugleich Religionslehrer, Vorbeter und Schächter sein soll, verlangt, eine andere Gemeinde wiederum einen Rabbiner sucht, der geprüfter Volksschullehrer fein soll, was wohl nach den Begriffen des Dr. Deutsch nichts Anderes heißt, als einen Elementarlehrer, der auf irgend eine schwindelhafte Weise stch irgend ein Rabbinatsbefähigungszeuznis verschaffen konnte. An seine Behauptung, dass unter den Cantoren jetzt ein besonders heißer Wettlauf nach solchen Zeugnißen ist, knüpft Herr Dr. Deutsch zu ihrer Charakteristik folgende Worte an: »Einzelne Rabbiner werden fortwährend darum gedrängt, und einzelne sind unklug, schwach oder eigennützig genug, sich dazu zu verstehen. Die Unklugheit liegt in der Herabsetzung ihrer eigenen Standesehre, die ohnehin unter den Uebergrisfen der Cantoren leidet. Damit soll gegen den Stand nichts gesagt werden. Der Cantor ist ein nothwendiges Organ des Gottesdienstes, nicht in Bezug auf besten Zweck, der allerdings ohne Cantor durch Pflege des Gemeindegesangcs bester zu erreichen wäre, aber er ist es durch besten geschichtliche Entwicklung. Daher wäre es viel bester, für eine tüchtigere Bildung der Cantoren zu sorgen, als über ihre schlechten Eigenschaften zu schimpfen. Tüchtig gebildete Cantoren würden dann auch die Posen und Faxen weniger pflegen, als das bis jetzt geschieht, und wären endlich auch in der Lage, wenigstens supplirend Las Amt eines Rabbiners zu versehen, aber mit der Einbildung, dass sie einen Priester vorstellen, wenn sie den Kidduschbecher mit dem Tallis umfasten oder durch fratzenhafte Mimik eine exstatische Andacht produciren, werden sie unser» Gottesdienst am' wenigsten hebend Bei dieser kleinen Federzeichnung konnte Herr Dr. Deutsch ostenöar nicht jene in den mit reich dotirten Synagogen oder Tempeln versehenen isr. Gemeinden der Haupt- und größeren Provinzstädte wirkenden Cantoren, deren Stellung von dem Gesetze betrestend die Regelung der äußeren Nechtsverhältniße der isr. ReligiouSgesellschaft vollständig unberührt bleibt, gemeint Haben, also doch nur jene Cantoren auf dem Lande. Nun ist es bekannt, dass flch die kleinen Landgemeinden den Luxus, ansschließlich für ihre Synagogen einen Cantor zu berufen, unmög- Lich gönnen können. Derselbe muß vielmehr in erster Linie geprüfter Lehrer oder mindestens Religionslehrer, in zweiter Linie erst Cantor sein. Als Lehrer leitet er die Volksschule, unter allen Umständen jedoch, selbst wenn er nicht Leiter derselben ist, unterrichtet er daselbst einige Stunden des Tages, es obliegt ihm also die religiöse Erziehung und der Unterricht der isr. Zugend, als Cantor die gottesdienstliche Function. Dass der isr. Lehrer seine Aufgabe erfüllen muß, beweist der von Jahr zu Jahr flch steigernde Ucbertritt der isr. Volksschüler an Mittelschulen und die Thatsache, dass die Cultusvorsteher, zumal in Böbmen, in der Wahl ihrer Lehrer vorsichtig sind und dass sie es verstehen; einen wirklich gebildeten Lehrer von einem mit dem Mittelmaß des Wistens ausgestatteten Lehrer zu unterscheiden. So wie es in dieser Beziehung in jeder Sphäre Abstufungen gibt, so finden sich vielwistende und halbwistende Lehrer, es theilen sich aber auchZ die Rabbiner, mögen sie auch mit einem Doctordiplom versehen sein, in eben solche Wissenskategorien ab; es ist somit in beiden Fällen nöthig, das Fehlende zu ergänzen. Herr Dr. Deutsch hat daher jedenfalls Recht, wenn er auf eine tüchtigere'Bildung der Cantoren das Schwergewicht legt. Es gibt eben Cantoren. die ausschließlich Cantoren sind, und mit wenigen Ausnahmen nur das verstehen, was zu ihrem Berufe gehört, im Uebrigen aber die größte Unwissenheit zu Tage fördern, das sind aber gerade nicht jene Cantoren auf dem Lande, welche in erster Reihe sich dem Lehrerberufe gewidmet haben. Und selbst wenn man manche derselben nicht ganz von den Posen und Faxen, die geradezu widerlich erscheinen, freizusprechen vermag, so kann nicht. geleugnet werden, dass auch Rabbiner ähnlichen Manieren huldigen. Fast wirkt es unerträglicher als das Umfassen des Kidduschbechers mit dem Tallis, dass beispiels» weise, wie es sich in Prag in letzter Zeit ereignete, ein Rabbiner bei seinem Gange hinter dem Leichenwagen denselben, sobald er an der Stadtlinie angelangt, halten ließ, um durch das Necitiren des Joscbew besseser der von katholischen Geistlichen geübten Einsegnung nachznähmen, dass ferner ein Rabbiner durch Angenverdrehen auf der Kanzel, durch theatralischen Aufstieg zu derselben unter musikalischer Begleitung, durch schauspielerische Attitüden und Gesten beim Kanzelvortrage zum Comödianten herabsinkt. Eine solche Faxenmacherei ist weit unverzeihlicher, weil sie der ganzen Würde eines Rabbiners Eintrag thut und diesen als ganz was Anderes erscheinen lässt. Der Rabbiner muß gleichfalls die von Herrn Dr. Deutsch den Cantoren empfohlene Würde ohne Affection besitzen, er muß sich durch einen festen und unerschütterlichen, der ganzen Gemeinde imponirenden Charakter auszeichnen, denn wo dieser sihlt, da kann er niemals durch Wisten und Nednertalent ersetzt werden; immer noch würde dann dem charaktervollen Cantor der Vorzug vor dem charakterlosen Rabbiner gebühren, ob auch ersterer einen geringeren Fond von jüdischem Wissen, letzterer ein Niesencapital desselben besitzen mag. Charakter ist eben Würde, durch ersteren verleiht man erst recht dem Stande, dem man angehört, die Würde, diese erlangt man jedoch niemals durch das Herabsetzen eines anderen Standes, und gerade vor dieser verwerflichen Methode sollte sich ein Rabbiner, der als ein leuchtendes Vorbild der Tugenden seiner Gemeinde voranzuschreiten habe, wohlweislich hüten. In letzterer Zeit jedoch trat in jüdischen Zeitungen die Erscheinung zu Tage, dass Rabbiner in Böhmen, aus Furcht vor kleinlicher Concurrenz, in verletzendem Tone über Lehrer und Cantoren herfallen in der'Absicht, auf. die ministerielle Durchführungsverordnungen einen Druck auszuüben. Das Ministerium wird sich von solchem Unkengeschrei nicht irre führen lassen, es wird schon dafür sorgen, dass der rabbinischen rabies nicht die die Lehrer und Cantoren zum Opfer fallen, aber auch, dass nicht ein unwissender Cantor über Nacht zum Rabbiner werde. Wir legen uns einstweilen die gebotend Reserve auf und werden zur Zeit auf den Gegenstand zurückkommen.* Abgesehen von der Bemerkung über jene Cantoren, welche ausschließlich Cantoren sind, die so allgemein ausgesprochen, unS zum Widerspruch herausfordern muß, können wir uns diesen mit vieler Sachkenntnis geschriebenen Ausführungen vollkommen anschließen. Namentlich, was die Intentionen der hohen Regierung