Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 27 (14.10.1890)
- Date
- 1890-10-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 Es wäre wohl e'n muffiges Beginnen, zu alldem noch nach-- weisen zu wollen, welch eine vitale Frage es fih Cultusgemeinden sei, Seelsorger und Lehrer für die Gemeinde zu erhalten, welche, systematisch auszebildet, eine klare, vorurtbeilsfreie Anschauung in religiösen Dingen besitzen sollen, gehoben und getragen seien von einem gründlichen Wissen in den betreffenden DiSciplinen, ferner die Vertrautheit mit dem Gemeindelcben und deren Institution, sowie nicht minder eine oratorische Befähigung aufweilen, um auf die Gemeinden heilsam einwirken zu können. Dass die österreichische Judenschaft für die ly'tematische, theologische Ausbildnng ihrer Nabbinats-Aspiranten und zur Deckung ihres Be-! darfes an religiösen Functionären auf ausländische Institute angewiesen sein soll, deren Studienplan und richtunggebender Geist sich jeder hieramtlichen Controle entziehen, muß — nebenbei bemerkt — deprimirend wirken und das patriotische Gefül verletzen. Das Seminar verhält sich zu einem Proseminar wie eine Hochschule zur Mittelschule. Jenes ist daher ohne dieses nicht denkbar, ebensowenig als es sich rechtfertigen ließe, die Universitär etwa an die Volksschule anknüpfen zu lassen. Die spccielle Noth- Wendigkeit einer Theilung der Arbeit durch Creirung von Prosemiuaricn, welche das Candidatenmateriale für das Seminar liefern sollen, abgesehen von der abschließenden Ausbildung von Neligivuslehrern für Volks- und Bürgerschulen und von Cantoren, ergibt sich schon aus den provinziellen Verschiedenheiten der Juden in Bezug auf die religiösen Anschauungen, Einrichtungen und Anforderungen an ihre Neligionsdiener. 2. Zweck des Proseminars. Der Schüler, der dem Berufe eines Neligionslehrers und Seelsorgers sich zuwenden will, muß Gelegenheit und Anregung finden, sich wenn auch nur ein bescheidenes Ausmaß jener Kenntniße anzueignen, ohne welche ein jüdisch-theologisches Fachstudium zur Unmöglichkeit wird, umsomehr, als dieses zur Bewältigung ferneliegender, umfangreicher Wissensgebiete vieljährigen, eifrigen Studiums, mit welchem nicht früh genug begonnen werden kann, bedarf, zumal es mit der Pfiege der rabbinischen Wissenschaft arg bestellt ist und der Befürchtung immer mehr Raum geben wird, dass bei dem Umstande, als der Knabe, der sich später dem Nabbinatsamte widmen soll, von seinem Austritte aus der Volksschule bis zur Absolvirung des Gymnasiums keine Gelegenheit und nicht die Unterstützung findet, um sich einige Kenntniße auf dem Gebiete des Talmud und dcr hebräischen Litteratur anzueignen, in einigen Jahren kaum die geeigneten Individuen für vacante Nabbinerposten werden zu finden sein. Das Talmudstudium ist eben eine solche cigenthümliche mit seinem ganzen Entwicklungsgänge, mit Denk- und Deutungsweise in anderen Welt- und Ansichtskreisen wurzelnde und von den übrigen wissenschaftlichen Materien abweichende, umfangreiche Discipliu, dass sie, im späteren Jünglingsalter begonnen, sehr schwer — und dann nur nach einer Reihe von Jahren — zu bewältigen ist. Von einer gründlichen Kenntnis der alten rabbinischen Litteratur lässt sich wohl bei dem jüdischen Seelsorger und Neligionslehrer nicht absehen, weil darin die Quelle der mündlichen Tradition und die Grundlage jedes theologischen Wissens zu suchen ist. Einem solchen Bedürfniße kann darum nur eine Anstatt gerecht werden, die mit Qeffentlichkeitsrecht versehen, als ein besonderer Schulorganismus an ein Gymnasium, eine Realschule, Präparandie sich anschließeud, für angehende Rabbiuats.Candidaten, oder solche, die Religionslehrer an Mittelschulen werden wollen, den v o r b i l d e n d e n, für Lehramtszöglinge und Cantoren den befähigenden hebräischen Religionsunterricht in einer angemessenen, den Mitteln, Zwecken und Bednrfnißen der Jsraeliten-Gemeinden i^nes Landes entsprechenden Weise ertbeilen ließe. Der aufzunehmende Knabe müsste ausreichende Kenntniße des Pentateuchs und des geschichtlichen TbeileS der ersten Propheten in der Ursprache, die Grundelemente der hebräischen Grammatik, Lesen unpunktirter Texte in den wichtigsten Commentaren. Verständnis einzelner Mischnastellen in diese Vorbereitungsschnlen mikbringen. 3. L e h r st o f f im Proseminar. Der Lehrstoff umfasst eine von Fachkennern zu treffende Auswahl aus Mischna. Talmud und Commentaren, ferner die I Bibel in der Ursprache, den Pentateuch bei geeigneten Stellen mit Naschi, Nachmann Jbn-Esra, Kimcbi, Sefer Hamitzworb von Maimonides, Auszüge aus den Midraschim, Grammaiik gründlich, Uebung in den llebersktzungen aus dem Deullcheu in's Hebräische mehrere Capitel aus Kusari, More Nebochim. nachbibli'che Geschichte des jüdischen Volkes und seiner Litteratur, sowie didactische Uebungen. Jahresstipendien wären für Zöglinge dieses Institutes unerlässlich, weil sonst dieselben, der ärmeren Classe zumeist angehörend, ihre freie Zeit durch Privatleclioneu verwerthen müssen, um Subsistenzmiltel sich zu verschaffen, was ibncn unmögtlch wäre, wenn sie außer der Schulzeit noch sechs bis acht Stunden wöchentlich dem fachlichen Unterrichte widmen müssten. - 4. D i e Tendenz des S e m r n a r s. Das Seminar verfolgt die Idee, Einheit in der Mannigfaltigkeit jüdisch-religiöser Anschauungen und Lebensäußerungen herzustellen, eine Pflanz-und Pfiegeftätte für die Wisjenschafk des Judenthums zu werden, Seelsorger heranzubilöen, die, gleich weit entfernt von starrem Fanatismus und unzeitgemäßen, das Indenthum in den Augen der Welt tief schädigenden, krankoaften Auswüchsen, wie von deftructiver Frivolität, ihren eigentlichen Beruf darin finden, auch die culturell zurückgebliebenen jüdischen Gemeinschaften für die ethisch vertieften, edler und gefälliger ausgestalteten Formen zu gewinnen und so Pionuiere der civiliiatorischen Mission des Judenthums zu werden. Die erkannte Nothwendigkeit hat ja noch immer verständnißvolleu Sinn und opferbereiten Eifer gefunden. 5. Lehrgebalt, Methode und Lehrziel des Seminars. Auf der im Proseminar gewonnen Grundlage soll dem Hörer des Seminars aus allen Gebieten jüdisch-theologischer Wiffemcdaft das für sein Amt Nothwendige in einer nicht nur die Erkenntnis mehrenden und klärenden Form sondern auch in einer gemülherwärmenden, sittigenden, Begeisterung für den Beruf erweckenden Weise vorgeführt werden, um eine wünsckenswerlhe Garantie zu bieten, dass der aus der Anstalt hervorgehends Rabbiner oder Religionslehrer seineZAngabe ernst erfasse und gewissenhaft erfülle, dass ihm das Bewusstsein seinerheilvoilen, auf das Ideale gerichteten Wirkamkeit über die Misere deS Lebens, besonders seines Standes hinweghelfe und bis zur edlen Resignation erbebe. Die talmudischen und verwandten Studien sollen oeu Candidaten nicht nur zur pilpulistischen Rabulistik anregen, vielmehr durch kritische Behandlung den historischen, hermenemischeu und philosophischen Feingehalt finden, erkennen und mit allgemeinen wissenschaftlichen Errungenschaften in fördernden Vergleich und Zusammenhang bringen lehren. Die Liebe und Mgnung zur lrtterarischen Production, welche im Seminar geweckt werden, sollen nicht zur hohlen, eitlen Vielschreiberei (עשית □פרים הרבה אין קץ) führen und nicht jenen Gelehrtendünkel erzeugen, der dem praktilchen Seelsorgerberufe abträglich werden und den Rabbiner leicht um das Anseben, die Liebe und Achtung in der Gemeiude bringen könnte. Ein Geist walte unter den Candidaten, der weder einer exclusiven, anderweitige Bestrebungen unterschätzenden, klein-