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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-10-01 · Heft 26 (1.10.1890) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 26 (1.10.1890)
Date
1890-10-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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a vereitelt. Von der Advocatur, jeder amtlichen Bedicnstung, von allen bürgerlichen Ehrenämtern wurden sie fcrngehälten. So blieb ihnen trotz aller Hinderniße nur die einzige Möglichkeit, im Noth- Handel zu einiger Behaglichkeit, ja zur Wohlhabenheit und Neichthum zu gelangen. Eine große Masse von Armen belastete daher die Gemeinde und diese musste für sie gemäß dem Aufnahmccontrakt sorgen. Dadurch hatte die Gemeinde aber eine Doppelbelastung, denn sie musste nicht minder zu allen StaatSbedürfnißen. wie zur Erhaltung der Stadtarmen beitragen und außerdem für ihren eigenen Eultus und ihr Armenwesen steuern. Ende 1833 bildete sich durch Nießer's Anregung etn Comite, das in einer nachdrücklichen Supplik den Nath ausforderte, erneuerte Vorlagen über die jüdischen Verhältniße der Bürgerschaft zu machen. Riester als Eomird-Mitglied wurde mit Concipirung der Supplik und Abfassung einer gründlichen Denkschrift zur Unterstützung derselben betraut. Letztere erschien als Manuscript gedruckt, unter dem Titel: ,Denkschrift über die bürgerlichen Verhältuiße der hamburger'schen Israeliten zur Unterstützung der von denselben an einen hochedlen und hockweisen Dlntb übergebenen Supplik. Hamburg 1834'. Die Hoffnungen der Hamburger Israeliten waren nur auf die Zulaffung von Handwerken, wie zur Advocatur gerichtet, an völlige Gleichstellung konnte man unter den damaligen Verhältnißen kaum denken. Beim Nath fand zwar Supplik und Denkschrift geneigte Aufnahme, doch der schneckenarkige In stanzen gang verschleppte diese.Augelegeuheit, bis wieder eine jener Störungen eintrat, wie sie in diesem Falle sich immer als wirksam erwiesen, um jedes Vorgehen zum Beffern der Zuden zu vereiteln. Zn unserer trüben Geschichte bewährt sich entschieden Ben Äkibas geflügeltes Wort: ,Alles schon dagewcseu." (Eigentlich Salomon'S Wort Pred. 1. 9.) Thatsächlich ist es den jetzigen Antisemiten trotz ihrer Findigkeit geradezu unmöglich, eine neue Uubill zu ersinnen, die wir nicht schon längst kennen gelernt, demnoch ein bereits überwundener Standpunkt ist. Was Berlin ungefähr 1880 erlebt, nämlich die ExmiLtirung jüdischer Gäste aus den Restaurants, das Stück haben die Hamburger bereits 1835 kennen gelernt, und zwar ebenfalls durch einen Berliner Kaffeewirth. Letzterer war natürlich nur eine vorgeschobene Person, fand unter seiner Kundschaft mehr Juden, als ihm und seinen Hintermännern lieb war, und erklärte rundweg: er danke für die jüdische Kundschaft. Da aber dies so ohne weiteres nicht gieng, überdies nach einem geflügelten Wort Friedrich des Großen: Zudeugeld gut mitzuuehmen ist 11. j. w., forderte dieser ehrbare Kaffeetier vvu Juden den doppelten Preis für verabfolgte Speise und Trank, was natürlich die jüdische Jeunesse-dore sich nicht gefallen lassen mochte, und so sorgte dieser Humane Wirih durch eine An׳ zahl vorher bestellter, handfester Kerle, dass dieselbe eines schönen Abends an die Lust gesetzt wurde, wodurch der wohlberechnete Judenkrawall mit bekanntem üblichen Zubehör in Scene gesetzt wurde und dadurch die angebabnte Besserung der jüdischen Zustände natürlich vereitelt, aussichtslos und als nickt zeitgemäß zurück gelegt ward. Die Stimmmung sollte sich erst wieder beruhigen, dann wollte man von Neuem beginnen. So 1819, so 1830 und so jetzt 1835. (Fortsetzung folgt). Kleine Chronik. Wien. Wie wir vernehmen, wird das Präsidium des Cantoren- Vereines nach Ablauf der Feiertage zur Wahrung der Interessen des Cantorenstandes hohen und maßgebenden Ortes vorsprechen, um ein Memorandum zu unterbreiten, in welchem die berechtigten Wunsche der Eautoren im Hinblicke auf das neue Gemeindegesetz zum Ausdruck gelangen. Wien. Aus diplomatischen Kreisen wird in hiesige Blätter nachfolgende Begebenheit berichtet: Bekanntlich ist der bisherige dänische Gesandte in London, Herr von Falbe, .in tiefster Ungnade von seinem Posten entfernt worden. Er hatte die Verhandlungen mit England wegen Abtretung der Insel Helgoland au Dänemark zu fuhren, welches dieselbe wieder an Deutschland cediren und dafür einige Bezirke von Nord-SchleSwig für Dänemark begehren wollte. Die Ungeschicklichkeit des Herrn von Falbe führte zum Scheitern dieser Negociationen, und der Gesandte siel. Genau um dieselbe Zeit in diesem Sommer, als diese Mitheilungen in dis Oeffentlichkeit gelangten, kam Baron Moritz Königswarter, daß Mitglied des österreichsich-n Herrenhauses, nach Kopenhagen. Baron Königswarter war ehedem königlich dänischer Generalconsul. Als der König von Dänemark vor elf Jahren nach Wien kam, gieng der Generalconsul den damaligen dänischen Gesandten in Wien, der eben Herr von Falbe war, an. ihm eine Audienz bei seinem Souverän zu erwirken. Bei der Stellung des österreichischen Bankiers schien das eine selbstverständliche Sache, nichtsdestoweniger ließ aber Herr von Falbe das Ansuchen liegen, Baron Königswarter erhielt die Audienz nicht und nur die Mitrheilung, dass der König ihn bei der Abreise ans dem Bahnhofe sehen werde. Baron Königs- Wärter erwiderte auf diese Miitheilung, dass er auf dem Bahnhofe nicht erscheinen' werde und sandte seine Demission als Generalconsul nach Kopenhagen. Darauf kamen die höflichsten Entschuldigungen und AuSdrücke des tiefsten Bedauerns, aber Baron Königswarter-forderte nochmals und sehr dringend seine Enthebung und diese wurde ihm nunmehr gewährt. Als der österreichische Pair nun in diesem Sommer nach Kopenhagen kam und bei dem österreichischen Gesandten Baro» Trautteuberg vorsprach, fragte dieser den Baron Köuigswater, der ihm die Ereigniße von vor-elf Jahren mitgetheilt hatte, ob er eine Einladung zu einer in den nächsten Tagen gelegentlich des Besuches des österreichischen Geschwaders stattfindenden Hoftafel wünsche. Als der Wiener Ankömmling darauf die Besorgnis ausdrückte, der König möchte in 1 ungnädiger Weise auf jene Vorkommnisse zu rückkommen, beruhigte ihn der österreichische Gesandte mit gewohnter Liebenswürdigkeit, und bald darauf erhielt Baron Königswarter die Einladung. Als der König nach dem Diner sich erhob, gieng er zuletzt aus den Baron Königswarter zu, reichte ihm die Hand und sagte: ,Vergessen Sie die Vorfälle von vor elf Jahren, ich hatte keine Gelegenheit daruf znrückznkommen, aber wenn es Ihnen eine Satissaction ist, so bitte ich Sie um Verzeihuug.* Baron Königswarter wusste sich ob solcher Liebenswürdigkeit und Gnade kaum zu fassen und versicherte nur, dass er längst vergessen, am wenigsten aber aus eine so huldvolle Lösung gehofft habe. So hatte der Generalconsul seine Genugrbunng, iudess Der Gesandte sich kaum mehr öffentlich zu zeigen wagte. Austerkitz. Unter äußerst großer Theilnahme seitens der isc. Cultusgemekiide Austerlitz fand Donnerstag den 26. d. M. das Leichenbegängnis des Herrn Obercantor Heinrich B r a n d w e i n e r, welcher Montag nachts nach langem und schwerem Leiden im 58. Lebensfahre verschied, statt. Der Sarg des Verblichenen wurde vor dem Tempel ausgebahrt. Ein einfaches schwarzes Bahrtuch war über den schmucklosen Sarg ausgebreitet, der von einer doppelten Reihe brennender Wachslichter umgeben war. Das Leichenbegäugu's war für 2 Uhr anberaumt, jedoch schon lange vorher hatte sich eine äußerst zahlreiche Trauergemeinschaft eingesuudeu. Nachdem Herr Cantor Regner in ergreifender Weise einen Trauerpsalm recitirt hatte, hielt Herr Ober-- lehrer Diamant dem Verblichenen einen warmen Nachruf. In äußerst beredten Worten schilderte der Redner dessen 17 jährige erfolgreiche Thätigkeit in der Gemeinde Austerlitz, seinen streng religiösen Character, seinen äußerst großen Pflichteifer für seinen Berus. Kein Auge blieb trocken, als er in herzergreifenden Worten lut Namen der Gemeinde und in seinem eigenen Namen zärtlichen Abschied nahm. Nachdem der Männerchor, unterstützt von den Herren Cantoren Landau ans Butschowitz und Piskaip ans Wischau, das Schiwisi gesungen halte, wurde der Sarg ans den Leichenwagen gehoben, und der Tranerzrg setzte sich iu Bewegung. Vor dem Leichenwagen gieng de isr. Schuljugend, neben demselben mit Fackeln die Mitglieder der Chewra Kadischa und die beiden obgenannten auswärtigen Cantoren, hinter denrselben die trauernde Witwe mit ihren drei tieftranernden Töchtern und eine unabsehbare Menschenmenge. Trotzdem eine sehr weite Strecke nach dem Friedhofe ist, ließ es sich Niemand nehmen, diesen Weg zu Fuß znrückzulegen. Am Friedhöfe sprach Herr Oberlehrer Diamant ein deutsches Grabgebet für den Verstorbenen, und der Sarg wurde in's Grab gesenkt. In Herrn Obercantor Heinrich Brandweiner verliert die isr. Cultnsgemeinde nicht nnr einen tüchtigen Cantor, sondern auch einen braven.

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