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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-10-01 · Heft 26 (1.10.1890) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 26 (1.10.1890)
Date
1890-10-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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von der politischen Seite mit einigen Graden ungewohnter Wärme ן und ein bischen Kraft des Ausdruckes so leichten Kaufes Eindruck ן und Aufsehen gemacht, gehörte die Gelehrsamkeit eines Neander und die Auffassung eines Herder dazu, um der Behandlung des inneren Lebens, der Geschichte entfremdete Gemüther zuzuwenden und sie zu vereinigen. Ich kann mir nickt verbergen, dass es eine Unbesonnenheit meinerseits war, ein Werk zu unternehmen, bei dessen Aussührung ich so sehr auf fremde Kräfte zählen musste, auf deren Mitwirkung mit Sicherheit zu rechnen ich wirklich keinen Grund hatte. Ich bin jetzt fest überzeugt, dass wenn ich mick gleich anfangs eifriger nach fremden Arbeiten umgesehen hätte, ich größtentheils Diatriben gegen den Talmud u. s. w. erhalten haben wurde, und wenig oder nichts, was nach meinem Sinne gewesen wäre. Ich war schon ganz fest entschlossen, das Unternehmen mit diesem Jahrgang zu schließen, und um der Sache nicht zu schaden, ehrlich den einzigen Grund anzugeben, dass ich mich dem Unternehmen aus bestimmten Gründen nicht gewachsen fühle. Etwas wankend bin ich wieder in dem Entschlüsse geworden durch das entschiedene Zureden Mannheimer'». Er ist mit dem bisher Geleisteten sehr zufrieden und hört ungeachtet meiner Gegengründe nicht auf, in mich zu dringen, von der Fortsetzung, wenn irgend möglich, nicht abzulassen. Er selbst hat übrigens, wie er sagt, zu litterarischen Arbeiten kein Talent. Aber jene Möglichkeit ist cs, an der ick zweifle. Ein bloßes Repertorium für Notizen aller Art wäre freilich, auch selbst ohne Geist und Farbe, von einem gewissen Nutzen; aber dazu habe ich keine Lust und tauge auch weniger dazu als mancher Andere, die bloße Emancipationssrage in dieser Form zu hehandeln, wäre unklug und auf die Länge langweilig. Uebrigens habe ich mich auch überzeugt, dass meine Art zu denken und zu arbeiten zu einem periodischen Unternehmen nicht taugt. Mein Genius ist etwas schwerfälliger, weitläufiger Art und vermag es selten, dem Augenblick, dem einzelnen Factum eine interessante Seite abzugewinnnen. Arbeiten wie über die Baden'schen Verhandlungen — dem Gedankengange nach, das Beste was ich noch geschrieben habe — werden mir hingegen durch die Zerstückelung total verdorben. Dass ich einen Plan, der mir lieb war, wenn er in der Aussührung nicht recht fort will, ohne viel Bedauern ausgeben kann, ist eine gute Seite meiner Natur. Die meisten Menschen sind freilich beharrlicher in ihren Mitteln, aber dafür geben sie am Ende mit dem mißrathenen Mittel leickt auch den Zweck auf. Ich wechsle leicht und gern die Mittel und Wege, aber in der Verfolgung des Zweckes werde ich hoffentlich um so beharrlicher sein.* Von Wien verfügte sich Nießer nach Prag und Berlin. .Hier schloß er viele ihm werlhe Freundschaftsverbindungen, namentlich mit M. Feit, späterem Abgeordneten im vereinigten Landlage 1847, Josef Lehmann, Redacteur des ,Magazin für die Litteratur des Auslandes*, Zunz, Jost, Nubo u. m. A. Anfangs December nach Hamburg zurückgekehrt, nahm er wiederum seine frühere Arbeit auf. Mannheimer's Zusprache hatte ermunternd auf ihn gewirkt. Er setzte seine Zeitschrift nicht nur fort, sondern verlieh derselben durch geistreiche Arbeiten über preußisch-jüdische Zustände neuen Reiz. Ende 1833 aber stellte er die Zeitschrift wenigstens zeitweise ein. Grund der Einstellung war seine nunmehrige Betheiligung an der Nedaction der ,Hamburger Abendzeitung' für ein festes Entgelt. Ehe er aber seine neue Thätigkeit begann, beschäftigte ihn auch ein Gegenstand von unmittelbarstem, ^praktischem Interesse. Jahre lang hatte er schon für das Recht der Juden in verschiedenen Theilen Deutschlands gekämpft, für Hamburg, das?ihm am nächsten lag, hatte er noch gar nichts gethan, und doch ן war in Hamburg mehr zu tbun, als im übrigen Deutschland. I Die Hamburger Juden waren zu Anfang des 17. Jahrhunderts durch eine Art Contract wie eine fremde Colonie ausgenommen worden, zu einer Zeit wo die Lutheraner es noch nicht für möglich hielten, mit anderen christlichen Consesfionen und Secten innerhalb derselben Ringmauern zu wohnen. In verschiedenen Verordnungen, zuletzt 1710, wurden die Rechte der Juden festgestellt und gegen die Hand'tsvortheile, die sie im Ganzen boten, genau abgewogen. Während zweier Jahrhunderte aber waren die Fremden zu Einheimischen geworden, kein anderes Land, keine Stadt konnten sie als näher angebörig betrachten; dennoch aber blieb ihre Stellung im Hamburger Staate unberührt. Zum Könige von Dänemark standen sie in einem gewissen Schutzverhältnis, das durch ein jährliches Schutzgeld lebendig erhalten wurde. Es gewährte ihnen in Culturangelegenheiken und in der selbstständigen Rechtspflege bestimmte Vortheile, und sie begruben ihre Tobten auf Holsteinischem Gebiet, in Otlensee, Altona, Wandsbeck. In Hamburg aber war ihnen;ede Tbeilnahme am bürgerlichen Leben versagt, sie waren Fremde in der Heimat. Die Occupation Hamburg's durch die Franzosen machte natürlich diesem Zu׳rande sofort, aber leider nur auf kurze Zeit, ein Ende. Die Einführung des französischen Rechtes tilgte alle llnterschiede zwischen Hamburgern und Hamburgern. Freudig kündigten die Juden das Verhältnis zum König von Dänemark und zu den Gemeinden von Altona, Wandsbeck, sie traten ans gleiche Weise wie die Christen in sämmtliche Bürger- und Pflichtenrechte bedingungs- und ansnahmst»» ein. Als das Joch der Fremdherrichast abgeschüttelt wurde, eilten natürlich die Juden zu den Waffen, um Las Vaterland zu verlheiöigen, und vergossen ihr Blut für dasselbe mit gewiss nicht minderem Patriotismus wie die Christen. Obngeachtet dessen trat bei der endlichen Befreiung Hamburg'» von der Franzosenherrschast rücksichtslos die alte Verfassung wieder ins Leben, und die früheren Schranken gegen die Juden wurden wieder ausgerichtet. Der Senat proponirte freilich schon im Jahre 1814 eine neue Gesetzgebung für sie, nachtheilig im Vergleich der bereits mehrere Jahre genossenen, unbeschränkten Gleichheit der Rechte, doch im hohen Maße günstig gegen die jüdischen Zustände von 1811. Die erbgesesfene Bürgerschaft lehnte natürlich die Proposition ab, und alle früheren Beschränkungen traten wieder in Kraft. Das ehemalige Verhältnis zu Dänemark blieb jedoch gelöst, die eigene Jurisdiction wurde nicht wieder hergestellt, und jo war die rechtliche Stellung der Juden in Hamburg, ungeachtet des Artikel 16 der Bundesacte, weil ungünstiger als früher. Die Wünsche . des Senates, ihnen mindestens Erleichterung zu verschaffen, scheiterten meistentheils an Pöbelausständen. 1819 erstreckten sich die vom südlichen Deutschland ausgehenden Excesse gegen Juden auch auf Hamburg, 1830 wurde die freiheitliche Bewegung durch Angriffe gegen Juden, wie in anderen deutschen Städten so auch in Hamburg entweiht, und immer wurde dann die nächste Zeit als ungeeignet erachtet, mit Anträgen zu bürgerlichen Verbefferungen für sie an die gesetzgebende Gewalt zu treten. Bis 1849 wurden Juden noch von jeder zünftigen Thätizkeil ausgeschlossen und bestraft, wenn sie einen Nock oder ein Paar Stiefel verfertigten. Nicht einmal der regelmäßige Detailhandel stand ihnen ausnahmslos frei, weil er ursprünglich ein Privilegium des Krameramtes war. Zu den Versammlungen der Großhändler (dem ehrbaren Kaufmann) hatten sie erst recht keinen Zutritt. Ihre Wohnungen waren auf gewisse Straßen der Stadt beschränkt, und fand ein Jude einen Hausbesitzer, der ihm in seinem Interesse ein Geschäftslocal vermiethen wollte, so brauchte nur einer der Nachbaren, der die Coneurrenz fürchtete, Einspruch zu erheben, und der Plan war

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