Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 26 (1.10.1890)
- Date
- 1890-10-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Fortschritt zu verzeichnen und diesen vor allen Dingen den oben angeführten Componisten zu danken, ebenso den jüngern Kräften, die sich ihnen anschließeu. Wir haben genug für die Z u k u n f t Erfprießliches zu erwarten; dass sich die Aufmerksamkeit der Cantoren besonders erwartungsvoll aus ihre Herren Collegen in Wien und Königsberg richtet, sei persönlich bemerkt. Die traditionelle Melodie trägt seitdem zur Würde des Gottesdienstes wieder bei, als sie von fachkundigen Cantoren und außerordentlich begabten, Componisten sinngemäße Behandlung erfahren hat. Ganz sind die musikalischen Mißbräuche aber aus den Synagogen doch noch nicht verschwunden. Anleihen bei Rossini, Bellini, Donizetti, Verdi werden freilich jetzt in geringerem Maaße gemacht. Wenn diese Ton- Heroen die heutigen Tantiemengesetze zur Seite gehabt hätten und gewissenhaft bezahlt worden waren, es hätte auch nicht eine Gemeiude, namentlich in Polen und Rußland, gegeben, die nicht zu einer erheblichen Summe an Tantieme diesen Componisten jahrein jahraus verpflichtet gewesen wäre. In den unglaublichsten ,Bearbeitungen', bester , Verarbeitungen * wurden Arien, Lieder und Märsche in den Gottesdienst hineingetragen. Erst kürzlich noch besuchte mich ein älterer College. Er war so liebenswürdig, mich mit dem Vorträge einer selbst erfundenen ,Keduscha-Compositiou' zu überraschen. Die ,erfundene' Melodie war aber nur eine ,gefundene', die sich von einem gewisten Flotow aus der Oper ,Martha' (,Ach so fromm, ach so Inuit') in die empfängliche Phantasie meines Herrn Collegen verirrt hatte. Zur Entschuldigung muß aber angeführt werden, dass der Entleiher mir stolz eingestand, er kenne keine Note. ,Die Noten wären auch nicht nöthig.' Nun, wie sich die ,Drösche' zur Predigt verhält, hat es wohl im Princip ähnliche Bewandtnis mit dieser Art, den gesanglichen Theil bei dem Gottesdienste zu vertreten und keine Noten zu kennen. Nicht jeder kann ein Lewandowski oder Sulzer sein; dann wäre es doch aber im Interesse der Gemeinde sehr zu wünschen, dass musikalisch nicht schöpferische Talente sich von diesen Gestirnen am musikalischen Himmel bescheinen ließen, und nicht ihr liebes ,Ich' bei dem Gottesdienste als alleinige Sonne strahlen ließen; solch' allzuhellen Glanz kann das Auge armer Sterblicher nicht vertragen. Wer hat es nicht schon empfunden, dass eine Melodie oft den Gottesdienst stört. Vielen ist dieses gleichgiltig. ,Die betreffende Melodie herrscht schon lange im Cultus' — mit diesen und ähnlichen Gründen werden solche Trivialitäten meistens beschönigt — dann hat es der fachgemäß gebildete Cantor als seine heilige Berufspflicht anzuseben, ungehörige Melodieen, die von einer Kirmeß oder einer Tanzmusik mitgebracht scheinen, trotz eingebürgerter Gewohnheit aus dem Gottesdienste zu entfernen. Sei es noch so schwer. Wir wollen keinen ,Blödsinn, selbst wenn er Methode hat', d. h. das tapfere Herunterleiern frivol klingender Melodieen, das für Manchen sogar den Hauptanziehungspunkt des Gottesdienstes bildet, muß von kundiger Seite unterdrückt werden. Ein einheitliches Bestreben sämmtlicher Cantoren und geschätzter Gemeindemilglieder, bei denen man in einzelnen Fällen erstaunliche Begabung, resp. VerstäuLuis für Len Syuagogengesang autriffr, dürfte geeignet sein, Mißstände zu beseitigen, die oft noch in den vornehmsten Gemeinden Len Gottesdienst verunstalten. Bei unserer heutigen so übel beleumundeten ,Strömung' kann nicht genug gethan werden, um den Gottesdienste seine Würde und hohe Bedeutung zu wahren. Fast wie eine Curiosität muß es betrachtet werden, dass man in einzelnen großen Gemeinden die herrlichen Partituren von Lewandowski und anderer Meister noch gar nicht kennt. Was uns diese Meisterwerke so Werth machte ist, wie bereits im Anfänge erwähnt, die Erhaltung der traditionellen Melodie in gefälliger, vornehmer und kunstgerechter Form. In der traditionellen Melodie liegt das .jüdische Herz, und wer sie aufgibt, und wo sie nickt mehr da ist, ist ein herrlicher Bestandtheil des Gottesdienstes zerstört und kann durch nichts ersetzt werden. Ein Wort über Sulzer's nachgelassene Composttioneu. Nachgelassene Werke, berühmter Männer haben für den Kunstkenner einen besonderen Werth, ja sie werden als etwas Heiliges angesehen, insolange sie der Oeffentlichkeit nicht ganz bekannt sind. Die nachgelassenen Lieder Franz Schubert's waren einige Zeit hindurch in den Wiener Salons als Schoßkinder behandelt worden und Gustav Walter sang sie mit besonderer Vorliebe; neuendeckte Compositionen Ludwig von Beethoven's und anderer Meister werden für einen Fund seltener Art bezeichnet und geschätzt. Es war demnach nicht zu zweifeln, dass nachgelassene Compositionen Salomon Sulzer's das höchste Interesse bei den Herren Cantoren erwecken würden, und da heute noch immer Salomon Sulzer der bestaccreditirte Tonsetzer bei den israelitischen Gemeinden ist und bleiben wird, so konnte es mich auch nicht Wunder nehmen, wenn einige Cultußvorstände den Wunsch äußerten, diese speciellen Piecen kennen zu lernen. Da ich mich nun gerne zu den Verehrern Sulzer's zähle, so säumte ich auch nicht, mein Votum dafür abzugrben, dass dieses Werk, welches unter dem Titel ,Gedenkblätter' vom Sohne des Verewigten, dem bekannten Solospieler der. Hofoper in Wien, Josef Sulzer, in dankbarer Erinnerung herauszegeben ist, bestellt werde. Um aufrichtig zu sein, muß ich bekennen, dass mich ein leises Misstrauen, die bekannten Manuscriptcompositionen wiederzufinden, nicht ganz verließ; und richtig, beim ersten Nachschlagen fand ich auch einige alte Bekannte, wenn auch in etwas verschönerter Verkleidung wieder: so den Eisorsri aus dem E-Dur L’chododi und den Miehomoeho von Schewuoth. Doch wer mich diese Allbekannten vergesien machte, war ein Adonaj moloch in E-Moll. Schon diese für einen Adonaj moloch ungewöhnlich gewählte Tonart erregte mein Interesse, und je mehr ich mich mit dem Geiste des Stückes bekannt machte, desto anziehender war es für mich. Besonders charakteristisch ist der Vs Takt Nos'u nehoros, und die Musik fügt sich dem Texte so gelungen an, als Hörle man anfangs leise die Wellen sich erheben, immer mächtiger wird das Losen der zu ihurmhohem Gischts sich brechenden Wogen des Weltmeeres — ,doch über dieses Alles erhebt sich die Macht Gottes, die thronend in den Höhen Zeugnis seiner Gerechtigkeit gibt.' Dem entsprechend tönen mit dynamischer Kraft ritardirend die Worte: addir bamoraum adonaj nu»; wogegen, gleich einem nach' wüthendem Sturm sich fleckenlos zeigendem Azur, daS Edosecbu als friedliches Element die Piece beschließt. So musikalisch auszumalen, war nur dem Genius Salomon Sulzer's gegeben. Es würde den Nahmen einer Besprechung der ,Gedenkblätter' überschreiten, wollte ich der Necitative Sulzer's erwähnen, welche er wie kein Anderer so charakteristisch zu gestalten und dem hebräischen Texte musikalisch anpafsend wiederzngeben verstand. Eine Bereicherung sindet das Werk in den 3 sorgfältig gearbeiteten Ni adäir, zu sorgfältig und contrapunktisch, zu reich, um kleinern Gemeinden zugänglich zu sein, denn sie sind mit allen Mitteln chorischen Naffinnements ausgestartet, welche nur großen, und Nesidenzgcmeinden zu Gebote stehen. Dafür findet der Cantor der Provinzgcmeinde in dem E-Dur Jigdal und in zwei oder drei andern Piecen gewünschte Schlußnummern für den Abendgottesdienst. In Gemeinden, wo nur ein Männerchor thätiz ist,