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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-10-01 · Heft 26 (1.10.1890) · page 1

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 26 (1.10.1890)
Date
1890-10-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Oesterreichisch-ungarische Oe2atra.l-Orgra.r1 Pränumerations-Preis. Kür ßantoren und ßultusöeamtr in Hesterreich Zlngarn für die IntereAn der ^Autoren Redaktion Administration Wien Ganzjährig.fl. 4.— Halbjährig . . . . . fl. 2.— Kür ßantoren und ßnltusbeamte im Ausland Ganzjährig.8 Mark oder 4 Rubel- und HultusbeMiten. Erscheint jeden zehnten Tag. II. Novaragaffe Nr. 27, Inserate iverden billigst berechnet. Manuscripte werden nicht retouriiirt. Kür private und Institute Ganzjährig.st. 6.— Begründer: Oberccuuor Jacob Bauer. Abonnements- und Inserlionsbetröge stnd in Wien zahlbar. Nr. 26. Wirn^ 1. Octobrr 189V. 1v. Zahrgang. Wir ersuchen dringend um urngehrnde Einsrndung drr NbonnemrntsbeLräge für das laufende MuarLaI und Begleichung der Rückstände. Dir Administration. Die traditionelle Melodie. Von Eugen Dnvidsohn, Cantor der Hauptgemeinde in Frankfurt a. 5Dt. Die großen Schöpfungen auf dem Gebiete des Synagogengesanges, die Meisterwerke eines S u l z e r, N a u m b o u r g, L e w a n d o w s s k i, Deutsch behaupten ihren Werth nickt nur in der tiefempfundenen, musikalischen Entwickelung, sie er« füllen mehr: die Art, wie das Judenthum früherer Zeiten den Gebeten Ausdruck verlieb, in Melodien und Responsen, ein Schatz jüdischen Empfindens ist uns in diesen Werken überliefert. Wer den Charakter einer Melodie erfassen kann, besitzt die Fähigkeit, fremde Empfindungen in sich aufzunehmen. Was die Kraft und Innigkeit der religiösen Empfindungen der Alten anbetrifft, so wissen, wir, dass dieser religiöse Stützpunkt inneren Lebens in heutiger Zeit gar merklich schwindet. Warum? Mit der Antwort beschäftigen sich unaufhörlich Predigt und Schrifterklärungen. Wenn durch Vcrhältniße, Erziehung, innere Entwicklung es uns schwer wird, die Kraft der religiösen Empfindung zu erreichen, wie sie früher bestand, so haben wir mindestens ein theures Vermächtnis zu wahren, das in wunder» barer L-prache von jener Bckennlnisfreudigkeit und rührenden Gottergcbenheil spricht, nämlich die traditionelle Weise. . Welchen Platz räumt man ihr in unseren Synagogen ein? Sie wird entweder verunstaltet, zu wenig oder ׳gar nicht bedacht. Im ersten Falle geschieht es aus Unkenntnis der eigentlichen musikalischen Form und der religiösen Bedeutung, man gibt " Zuthaten einer üppigen musikalischen Phantasie. Der zweite Fall tritt ein, wo die Sucht vorhanden ist, mit ,dankbaren", wenn auch trivial klingenden ,Nummern" stimmliche Kraftleistungen zu entfalten. Der dritte Fall endlich tritt da ein, wo man von der traditionellen Melodie überhaupt nichts mehr weiß oder nichts mehr wissen will. Wer trägt nun die Schuld, die Gemeinde oder der Cantor? Meistentheils beide. Die Gemeinden insofern, als sie dem Cantor häufig Schwierigkeiten machen, seinen richtigen Intentionen folgen zu dürfen; aber eben so häufig verlässt den Cantor der Much, bei seiner UeberzeugunZ zu beharren. Um aus diesem Dilemma herauszukommen, gibt es nur einen Weg: Die Einführung der Werke der genannten Meister in unfern Gemeinden, oder mindestens nur die Zulassung in gleichartigem Styl gehaltener Gesänge. lieber das Ziel hinaus wird ein Componist, der den jüdischen Gottesdienst kennt, sich nicht verirren. Wo jüdisches Empfinden vorhanden ist, wird die jüdische Melodie bleiben; wo die traditionelle Melodie keinen Boden bat, da ist das echtjüdische Empfinden nicht mehr vorhanden. Trotz mancher Lücken zählt das Judenthum noch viele, sehr viele große und kleine Gemeinden, die auch in dieser Beziehung wirklich ,jüdische Gemeinden" sind. Im Verkehr sprechen die Verhältniße oft ein Machtwort, dem man meistens willfahren must; der Gottesdienst aber muß sich frei von allen äußerlichen Einfiüssen halten, da sollen wir zu Gott beten in derselben herzlichen Weise, wie es unsere Vorfahren gelhan haben, mit Gemüth — so wie der Jude betet. Der Verfasser hatte jüngst Gelegenheit, eine hervorragende jüdische Darstellerin, die vor ihrem Gang in das Theater zu Hause regelmäßig die .Mesusa" küsst, in einer Glanz» rolle als ,Maria Stuart" zu sehen. Die ganze Darstellung erhielt die Illusion an die unglückliche Schottenkönigin rege, bis zum Schluss, wo Maria betete. Mit einem Schlage änderte sich die Situation; es war kein consequenter Zug der vorangegangenen Darstellung in diesem letzten Gebete der Maria. Die Jüdin betete — dieser Grundzug offenbarte sich bei der großen Darstellerin unmittelbar. Das Gebet des Juden hat einen ganz bestimmt ausgeprägten Charakter, der dem ganzen Judenthum eigen ist, bewusst oder unbewusst. Die traditionelle Melodie ist es, die den Grundzug jüdischen Betens durchaus charakterisirt; gefehlt wurde in dieser Beziehung vor 50 Jahren noch viel mehr, als heute. Wir haben einen

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