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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-09-21 · Heft 25 (21.9.1890) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 25 (21.9.1890)
Date
1890-09-21
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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erkennen/ Für diejenigen, die meinen, es dürfe auf solche elende Beschimpfungen durchaus kein ordentlicher Mensch antworten, rechtfertigte fick Nießer .dais Herr Dr. Meyer den gebildeten Ständen angehört, zudem Lehrer einer öffentlichen Schule ist. ׳Gründe genug, nicht um einer Meinung, aber um einer Beleidigung einiges Gewicht zu geben, wenigstens so viel, dass nickt Jeder, vielleicht nicht einmal der Verfasser selbst, Stillschweigen für den Ausdruck von Verachtung nehmen würde.' Die Schrift Rießers fand große Verbreitung und that ihre volle Wirkung, namentlich in Hamburg. Frankfurt a. M., wo Nießer viele Freunds und Verehrer hatte, besuchte er auf seinen alljährlichen Neiien nur zu gern. Frankfurt ist in der neuern Entwicklungsgeschichte des deutschen Judenthums ebenso ein Centralpunkt geworden für daS westliche Deutschland, wie Berlin für das östliche. Die Neugestaltung gieng hier von der Gründung des Pbilantropins. der jetzigen Neal- und Bürgerschule, im Jahre 1808 aus. Männer, wie Oberlehrer M. Heß, Johlsohu, Creiznach, Jost, lehrten an derselben und brachten sie zu großer Blüte. Alle diese Männer machten es sich zur Aufgabe, das Leben der Juden durch die Bildung der Zeit mit ihrer Umgebung in Harmonie zu bringen. Die Schule wirkte in ihrem stillen Walten dahin, die starrgewordeuen Glaubensformen wieder in lebendigen Fluß zu bringen. Der Neligionsunterricht suchte in gebildetem, deutschem Ausdruck die Herzen der Jugend für das Erbe der Väter zu begeistern, Confirmationen bei Entlassung der Schüler wurden nach dem Vorgang der Anstalten zu Wolfenbüttel, Seesen und anderer eingeführt. Später schloß sich die Audachtsstnnde au, welche ursprünglich nur für die Schüler der Anstalt bestimmt, bald aber einen großen Theil der Gemeinde an sich zog, zumal die erwähnten Lehrer abwechselnd erbauende Vorträge dielten und religiöse Lieder Einleitung und Schluß der .Andachtsstunde bildeten. Joblsohn und .Creiznach wirklen auch durch Schriften über ihren Beruf hinaus, durch Bibelübersetzung. Neligionslehr- und Gesangsbuch und wissenschaftliche Erörterung des historischen Judenthums. Jetzt war schon eine ganze Generation seit Stiftung der Schule aufgewachsen, an welcher Liebe und Anhänglichkeit an jüdischem -Leben und jüdischer Sitte tief gegründet waren. Rießers freimüthiges Auftreten musste auf sie einen mächtigen Eindruck machen. Ein junger Mann, der mit solchem Ernst und Nachdruck, mit solchem Scharfsinn, mit so lauterer Begeisterung ihre Mechtc vertrat, der nicht ermüdete, immer, wo sie bedroht waren, .zu vertheidigen, musste ein Gegenstand ihrer Liebe und Verehrung werden. Als sie nun erfuhren, dass Nießer nach Frankfurt kommen würde, ward in ihnen der Gedanke rege, ihre Dankbarkeit und Bewunderung durch ein Ehrengeschenk und Festmahl zu bekunden. Ueber diese Ehrenbezeugung in Frankfurt schreibt Nießer seinem Freunde Ai. Ai. Haarbleicher in Hamburg: ,Um aber zugleich von mir und einem Gegenstände von allgemeinem Interesse mit Dir zu reden, komme ich auf denjenigen, mit welchem meine ׳Persönlichkeit am allermeisten in Beziehung steht, die jüdilchen Angelegenheiten. Der Mittelpunkt dieser Beziehungen, bildet auf meiner Neise der Aufenthalt in Frankfurt. Die warme, herzliche Theilnahme, die man mir dort, allgemein crwieS, erfreute und beschämte mich oft. Es ist darin mehr Belohnendes, als ich mir in meinen kühnsten Erwartungen träumen ließ, und ich muß darüber lachen, wenn ich denke, wie oft ich von einzelnen Juden hörte: Die Juden seien undankbar,, ihre Verdienste seien von .ihnen nicht gehörig anerkannt und belohnt worden u. s. w. Leider kann ich mich oft nicht des umgekehrten biltern Gefühls erwehren, mehr Dank geerntet, als, wenigstens durch den Erfolg, verdient zu haben.' Neben diesen reichen Beweisen der Anerkennung, erfuhr Nießer zum ersten Mal auch ernsten Widerspruch gegen seine Schriften von Seiten der Juden. Die Richtung der Stimmführer in Frankfurt war eine rücksichtslos reformirende. Die Freude an der Arbeit hatte bei ihnen auch einen scharfen Gegensatz gegen die alte Orthodoxie hervorgerufen, und mit einer Art von Fanatismus wandten sie sich gegen dieselbe, wo sie ihnen nicht gutwillig weichen wollte. Nießer aber hatte für seine Nechtsbestrebungen keinen Unterschied in Bezug auf strengere und freiere Ansichten gelten lassen. Jeder hatte für ihn gleichen Anspruch auf bürge» liches und politisches Recht, er mochte über das Ceremonialgesetz denken, wie er wollte. Er hatte in seiner ersten Schrift den .Talmud' verschollen genannt. .Der Talmud ist leider nicht verschollen', antwortete ihm gleich darauf ein Frankfurter Freund. In der Badischen Judenfrage lehnte er, wie wir wissen, mit größter Bestimmtheit die Zumuthungeu auf vorgängige Reformen im Inneren des Judenthums ab. Damit aber stimmten die Frankfurter Freunde gar nicht überein. Nießer schreibt in demselben Briefe: ,Jene erfreuliche Theilnahme konnte mir dennoch manche sehr wesentliche Verjchiedenheit zwischen den Gesinnungen derer, die in Frankfurt den Ton angeben, und zwischen den meinigen, ich kann wohl sagen den unserigen statisindet, nicht verdecken. Es ist das ein Ver» hältuis eigener Art. Die Frankfurter sind klug und praktisch genug, um cinznseben, dass zur Belebung und Erhaltung eines so rein geistigen Strebens, wie es das politische Streben der Juden ist, und mit diesem ist rS ihren hohen Ernst, ein gewisser Grad von Enthusiasmus unumgänglich nöihig ist, und diesen sinden sie in meinen Schriften in Vorrath für dürre Gemülher, und darum halten sie sie hoch und in Ehren. Aber es versteht sich, dass ein Jeder seinen Antheil an dem reinen Sauerstoff des Enthusiasmus mit der gehörigen Dosis von dem Stickstoff seiner Klugheit versetzt, um sich seine arhmofphärische Luft daraus zu bilden, und so kommt es denn, dass die Einzelnen in einzelnen Punkten sehr wenig meiner Meinung sind. Diese Verschiedenheit zeigt sich zunächst darin, dais sie nicht begreifen, dass meine Wärme nicht einzig und allein in der abslracten Rechtsidee ihre Quelle hat, sondern in einer innigen, wenn auch meiner oberflächlichen Kenntnis wegen mehr auf Gemülh und Pietät als ans dem Urlheil beruhenden Anhänglichkeit an jüdischem Leben und jüdischer Sitte. Jene Anhänglichkeit und l׳eionte׳s die fromme Achtung vor der letzteren, da wo sie der Aufklärung gegenüber mangelhaft erscheint, sind aber bei dem größten Theil der Gebildeten in Frankfurt in hohem Grade verpönt. Du kannst Dir keinen Begriff davon machen, was meine in dieser Beziehung bei Gelegenheit der Badischen Beihandlungen geäußerten Ansichten, dort für Aufsehen gemacht und für Opposition gefunden haben. Dcrnburg, ein Mainzer Nechlsgelehrter, und Creiznach machten mir gemeinschaftlich den Borivurr, nicht nur dass ich die Vorurlheüe der Juden viel zu schonend l^urcheile, sondern geradezu, da!s ich die Alten halsstarrig mache und in ihren eigenen Umgedungen der Sache der Reform schade. Sie können es nicht begreifen und nicht billigen, dass man über die religiösen Verhältniße ein Wort rede, ohne mit einem Votum auf Abschaffung fciö Talmuds, der Speifegcsetze, auch wohl auf Verlegung des Sabbats zu schließen. Es kam mir nur lächerlich vor, wie Mancher sich ordentlich Mühe gab, mich von dem Dogma der absoluten Verdammlichkeit deS Talmuds zn überzeugen, wogegeu ich dann freilich ganz aufrichtig meine Unkenntnis, desselben vorzuschützen׳ geuülhizt war. Kurz, ich sage Dir, hätte ich mich nicht kurz nach meiner Ankunft: bei einem Essen in der ‘ Harmonie, das zur Feier meiner Aufnahme gegeben ward.

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