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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-09-11 · Heft 24 (11.9.1890) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 24 (11.9.1890)
Date
1890-09-11
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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e JuitgVUAzkaU. Der Leiter der Musikwissenschaft an der böhmischen Universität in Prag, Herr Professor Karl Stecker, hat als Mitglied Der Ansstellungs-Commision 3 Hefte altjüdischer Synagogcumelodien, lherauSgegebeu von Benedict Singer, Obercantor in Jungbunzlau, übernomine», uni sie den bei der Landesaustellung figurirenden Kirchenwusikweiken einzuverleiben. Werkin. Zu dtN öffentlichen Blättern macht ein Brief der Kaiserin Augusta die Runde, welchen diese hohe Frau im Jahre 1882, zur Zeit als die antisemitischen Flutheu am höchsten giengeu, an die Frau von Bonin gerichtet hat und der also lautet: ,Ich komme auf unser neulich besprochenes Thema zurück, weil ich noch Dies und Jenes zu sagen habe. Die Art, wie in Volksversammlungen und in einem Theil der Preffe gegen die Juden getobt wird, ist ganz und garnicht nach meinem Geschmack. Die Bewegung wird bei dem Hass, zu dem Llnzelue Führer aufreizen, total unchristlich, und weil dies Moment je länger je mehr hervortritt, so frage ich, was soll der Lärm? Er trägt in die Volksseele viel Gift dinein. und die Folge wird sein, Lass auf viele Jahrzehnte hinaus die Inden in ihrem Gemülh sich verhärten. Ich weiß noch von meiner Jugend her, dass in den Zwanziger und Dreißiger Jahren eine der heutiger! antisemitischen Bewegung völlig entgegengesetzte im Gauge war: damals ließen sich von den angesehenen Juden sehr viele taufen und deren Familien zählen heute mit zu den respectabelsten im Lande. Damals trug sich das Christenthum mit feinem vorherrschend humanistischen Gepräge Allen als eine begehreuSwerthe Religiouslehre an, denn damals hatie sich die Welt- .auschauung mit Herder'schen Lehren und mit Hegel'schen Grundsätzen erfüllt, und das Christeuthum übte eine bezwingende Wirkung auf alle intelligenten Bekenner der israelitischen Religion aüs. Es bleiben mir die Stunden unvergesslich, in denen ich mit Leopold Zunz religiöse Fragen besprach. Nicht viel fehlte, und auch er gab ,die große Grille seiner Seele'' auf. Damit bezeichnete er seinen Entschluss, es Anderen nicht nachzulhun, die Christen geworden waren./Der Zug zum Christenthum war ein gewaltiger geworden. Das wird jetzt Alles anders werden, und ich möchte besorgen, der Antisemitismus werde, wenn er andauern sollte, in socialer und politischer Beziehung gerade so schädlich wirken, wie nach der religiösen und sittlichen Seite hin, wenn ich nicht der festen Ueberzeugung wäre, dass er sich wieder verlaufen wird, weil er ein bloßes Kampfmittel zur Erreichung augenblicklicher politischer Zwlcke ist. Ja, ich glaube, die Zeit ist nicht mehr allzu fern, wo Viele nicht werden zugeben wollen, jemals von dem antisemi-tischen Wahn besessen gewesen zu sein. Ich habe natürlich keinerlei Neigung, mich für die specisisch jüdische Sache zu echauffiren, aber ich mißbillige den Antisemitismus, weil er eine durch und durch unchristliche Erscheinung ist. Wir schädigen durch ihn unser Ansehen und bringen uns in den Verdacht religiöser Unduldsamkeit. Wo bleibt denn die Möglichkeit auch nur noch einen einzigen Juden dem Christeuthum zuzuführen? Und zählt denn nicht zu den christlichen Vereinigungen # auch die Judenmissiou? Damit ist es vorbei, und vollends entrückt sind wir dem Ausblick auf die Zukunft, die nach neutestamentlicher Verheißung für den einen Hirten eine Heerde haben soll. Ich habe es freudig begrüßt, dass der Kronprinz für den antisemitischen Lärm strafende Worte hatte; es sind ihm wohl mütterliche Worte im ' Gedächtnis geblieben, die Len Lehren Herder's entnommen waren. Ich halte dafür: wir müffeu ans der jetzigen Strömung sobald als möglich wieder heraus, und mein Bedauern über die Vorgänge soll sich ve!> ringern, wenn die Juden aus ihnen für ihr Verhalten manch' guten Wink bekommen haben.' — Die Echtheit dieses Briefes wurde von der ,Nord. Allg. Zeitz.' angezweifelt und demgegenüber erklärte die ,Tägl. Rundschau', durch welche der Brief in die Oeffentlichkeit gebracht wurde, dass sie die Abschrift des Originals nnr mit Hinzufüoung eines Komma und eines Semikolons, im Uebrigen aber unverändert abger ruckt hätte. Mainz. I. Westheimer erzählt im ,Israelit' die Entstehung des jüdische» Friedhofes in Versailles auf folgende W.ise: Es war au einem Herbsttage des Jahres 1786. Die langanhaltenden Regengüsse halten die so sehr belebte Landstraße zwischen Paris und Versailles fast bodenlos gemacht, so dass das Fuhrwerk nur mühsam von der Stelle gebracht werden konnte. Die Nebel, welche seit dem Morgen hin- und herwogren, machten eine zuverläffige Fernsicht unmöglich. Auch der vierspännige Staatswagen, der nach Versailles fuhr, konnte sich nur schwerfällig durch das Gedränge der Wagen und Caroffen ein fahrbares Geleise bahnen. Die höchste Person des Landes, König Ludwig XVI-, der gute aber wankelmüthige Fürst, welcher für die Sünden seiner Vorfahren später so sehr büßen musste, saß in dem Wagen und neben ihm sein Adjutant. Plötzlich entstand ein derartiges Gedränge, dass die Pferde am Wagen nicht mehr weiter konnten^ dabei schrie und schimpfte der Kutscher. Der Adjutant lehnte sich zum- Wagenfenster hinaus und sprach: .,Da sind Juden, die eine Leiche׳ führen, und deren Leichenwagen steckt fest.' ,Steigen wir aus!' sagte der König. — Der freundliche Leser muß sich in eine Zeit versetzen, wo der Jude noch sein Abzeichen an den Kleidern trug. Der Führer des Zuges, eine hagere Gestalt mit intelligenten Zügen, trat aut den König zu und verneigte sich. ,Woher kommen sie mit der Leiche und wohin führen Sie diese?' fragte der Fürst. »Wir kommenvon Versailles, wo wir wohnen und bringen unsere Tobten nach׳ Paris,' war die Antwort. ,Warum haben sie dort keinen eigenen- Friedhof?' ,Weil wir um keinen Preis ein Stück Land zu diesen:- Zwecke erhalten können.' — Der König erkundigte sich nun nach den näheren Verhältuißen der jüdischen Gemeinde in Versailles und fragte׳ dann schließlich: .Seit wann wohnen denn Inden in Versailles?' — ,Stit dem 15. Jahrhundert,' erwiderte der Gefragte. ,Unsere Ahnen,, die als Emigranten aus Spanien kamen, fanden durch die Gnade der Bourbonen in Versailles damals Aufnahme'. Nachdem sich der König den Namen des Mannes nennen ließ, sagte er: ,Nun Herr Fonld, Sie werden einen Friedhof in Versailles erhalten!' Unterdessen war der Leichenwagen durch Vorspann der königlichen Pferde wieder fahrbar gemacht worden. Der König bestieg mit se.nem Adjutanten den Wagen und.fuhr weiter. Von sichtlicher Theilnahme ergriffen, sagte er zu seinem Begleiter: ,,Bedauernswerthe Menschen! Nicht einmat im Tode finden sie Ruhe!" — In Versailles, angekommen, beauftragte der König sein.n Adjutanten, ein Stück Landes für den besagten Zweck zu erwerben, koste׳ es, was es wolle. Es dauerte eine geraume Zeit bis der Adjutant zurückkam׳. ,Majestät', sprach er, ,meine Mühe war vergebens, ein Stück Land können wir wohl, haben, aber vor dem Worte. ,,Judenfriedhof" schrickt Alles zurück.^ ״So will ich denn das nöthige Stülk Land zu dem Friedhöfe von meinem Garten abgeben', antwortete der König. Am andern Morgen erhielt Foutd die Mittheilnng von der edlen Handlungsweise des Königs; auch wurde ihm ein Decret des Ministeriums zugestellt, das die Herstellung eines Judenfriedhofes in Versailles auf Befehl Sr. Majestät des Königs anordnete. Kannover. Mit der am vorigen Mittwoch znr Ruhe bestatteten Frau Geh. Commerzienrath Louis Ephraim Meyer vertiert Hannover eine Mitbürgerin, die durch ihren Wohtthätigkeitssinn sich die Achtung, und Liebe weiter Kreise unserer Vaterstadt erworben hat. Im Stillen wirkend, hat die Verstorbene manche Wunde geheilt, manche Thräne getrocknet. Von ihrer Thür ist kein Hilfsbedürftiger ohne Trost und Hilfe gegangen, und die Theilnahme, welche dem allzufrüh erfolgten- Hinscheiden der wohlthätigen Frau entgegen gebracht wurde, und welche namentlich bei der Beerdigung zum Ausdruck kam, gab Zeugnis davon^ dass man ihrem edlen Streben die öffentliche Anerkennung zu Theil werden lassen wollte, die sie während ihres Lebens nicht gesucht hatte. Ihr Andenken wird allen denen, welche sie kannten, stets theuer bleiben. — Diese dem ,Tagebl.' entnommenen Zeilen können wir׳ in vollem Maße bestätigen. Es wird uns mitzetheitt, dass die Verstorbene ohne Rücksicht auf confessionelle und politische Stellungen eine umfangreiche und geradezu bewundernswerthe Wvhlthätigkeit geübt׳ hat an Allen, die ihre Hülfe erbeten haben; und das sind nicht wenige gewesen. Kannover. Am verflossenen Sabbath wurde der Obercantor׳ Herr A. Lazarus aus Teplitz in fein Amt als Nachfolger des seligen Obereantors Berggrün eingeführt. Zu diesem Zwecke war die Synagoge festlich erleuchtet. — Um 672 Uhr betrat Herr Obereantor Lazarus dasal memor und intonierte das ״leehu nerananuh.“ Herr LazaruS war sehr gut disponiert und erfreute die Zuhörer durch seinen schönen- Vortrag, man merkte, dass er den tiefen Sinn und die hohe Bedeutung, der. einzelnen Gebete empfand, mit Anstand und Würde stand er da,, sich voll und ganz seines hohen Beinfes als schliach zibur bewusst. Herr Lazarus besitzt eine schöne, wenn auch nicht besonders kräftige Tenor-Baritoustimme und ein glockenreines Organ, welch' letzteres wesentlich zu dem Erfolge beitrug, welchen er erntete. Unsere Gemeinde hat. mit der Wahl des Obereantors LazaruS eine recht gute Acquisition gemacht und wollen wir hoffen, dass derselbe lange Jahre in unserer Mitte wirken möge! ZAentHen. Die durch mehrere Jahre hier vacante Stelle eines Obereantors ist nunmehr besetzt worden. Der frühere Opernsänger Herr Fiuketftein. welcher in Frankfurt, Negensburg und Brünn engagirt war, hat dem Theater Valet gesagt und ist bei der hiesigen Gemeinde׳ als Obercantor acceptirt worden.

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