Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 24 (11.9.1890)
- Date
- 1890-09-11
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Waris. In Pariser Musikerkreisen erregt ein neuartigesJnstrumsnt, das den exotischen Namen ,Codonophone' führt, lebhaftes Interesse. Das Instrument, in der Grösse eines Glasschraukes, ist beenfen, den Glockenklang zu reprodnciren und kann auf einmal, so mächtig wie fünfundzwanzig Glocken zusammen erkt! rgen. Das Instrument hat feine eigene Geschichte. Der Director der Pariser Oper, Gailhard, hatte vor drei Jahren auf der Antwelpener Ausstellung ein eigenartiges Kinderspiel'eug bemerkt. Dasselbe bestand aus Metallröhren, die beim Anschlägen, laute glockenähnliche Töne gaben. Nun ließ ׳Gailhard ähnliche große Röhren ansertigen, die zum erstenmale bei einem Ballet zur Verwendung gelangten. Doch fiel das erste Resultat nicht befriedigend aus; ein falscher Schlag, zu hoch oder zu tief ansgeführt, rief die größten Tonwirren hervor. Da nahm sich nun der Instrumentenmacher Lacape der Sache an. In einem buffetähnlichen Schranke brachte er fünfundzwanzig Metallröhren an, auf welche mittelst einer Clavialur von kleinen Hämmerchen Schläge ausgeführt und so Glockenklänge reproducirt werden. Die längste Röhre misst 1.40 Meter, die kleinste 60 Centimeter. Eine Röhre von zwei Kilogramm Gewicht bringt einen Klang hervor wie eine Glocke, die achtzig Kilogramm wiegt. Das neue Codonophone soll im nächsten Monate zum erstenmale dem Pariser Opernpnblicum vorgeführt werden. Aaris. Nenestens scheint die Hauptstadt des heiligen Landes dazu auserfehen zu sein, einen neutralen Boden zu bieten, auf welchem nationale Gegensätze in friedlicher Weise ausgeglichen werden können. Bisher konnten die Geographen über die Zählung der Meridiane sich nicht einigen. Die Franzosen beharren auf ihrem Meridian von Paris, wie die Engländer auf jenem von Greenwich und die Deutschen auf fettem von Ferro. Nun wird von Rom aus ein Versuch gemacht, einem Compromiß-Meridian zur allgemeinen Anerkennung zu verhelfen. In der letzten Sitzung der Akademie der Wissenschaften in Paris gelangte ein Schreiben des Generals Mauebra, italienischen Gesandten in Paris, zur Verlesung, mit welchem die Akademie eingeladen wird, Delegirte zu einer in Nom abzuhaltenden Conferenz behufs Annahme eines einheitlichen Meridians zu entsenden. Um etwaige nationale Empfindlichkeiten zu umgehen, wurde der Meridian von Jerusalem ״vorgcschlagen. Dieser Meridian hat den großen Vorzug, nicht bloS allen katholischen und protestantischen Ländern genehm zu sein, sondern auch den Muselmännern, da Jerusalem auf türkischem Territorium liegt. Die Akademie der Wissenschaften in Bologna hat im Interesse ,der Wissenschaft und des Verkehres die Feststellung einer einheitlichen Stundenbezeichnnng vorgeschlagen und an die internationale Telegraphenconferenz eine Zuschrift gerichtet, in welcher ersucht wird, neben der ^jeweiligen Localzeit auch die Zeit von Jerusalem — welche somit einheitliche Weltzeit werden soll — auznführen. Die Conferenz hat ihr Votum zu Gunsten dieses Vorschlages abgegeben. Mew-Aork. Die Einwanderung von Israeliten in die Deteinigten Staaten ist in fortgesetzter Zunahme begriffen: Namentlich in den!• letzten Monaten ist die Zahl der Eingewauderten rapid gestiegen. Nach den officiellen Listen, welche über die anlangeuden Passagiere in ׳-Castle Garden geführt werden, langten vom 1. October 1888 bis 1. August 1889 16.499 Juden in New-Pork au, während in der gleichen Periode dieses Jahres 23.208 landeten. Die ersten sieben Monate weisen folgende Ziffern auf: 1205, 1530, 2186, 786. 1987, 6003, 5364. Die Einwanderung war somit in den Monaten .Juni und Juli die stärkste, welche überhaupt in New-Pork seit Langem ' beobachtet wurde. Arier. Seit längerer Zeit wird in unserer Stadt die Umwandlung der israelitischen Elementarschule, die den Charakter einer Privatschule trägt, in eine öffentliche Schule erwogen. Die Sache har mehr .als eine locale Bedeutung, schon aus dem Grunde, weil die gleiche .Frage auch in anderen rheinischen Städten auf der Tagesordnung steht. Die jüdischen Elementarlehrer der Rbeinprovinz haben sich gemeinsam an den Kultusminister gewandt und mit Rücksicht auf den .Umstand, dass sie als Lehrer von Privatschulen keinen Ruhegehalt beziehen, die Umwandlung der privaten, jüdischen Elementarschulen in öffentliche Schulen angeregt. Der Kultusminister hat zu dieser Anregung freundlich Stellung genommen und die Negierungen äuge» wiesen, sie möchten dort bei den städtischen Behörden dahin wirken, das die gewünschte Umwandlung stattfinde. Die hiesige Stadtverordneten- Versammlung ist entschlossen, die Umwandlung vorzunehmen trotz des hartnäckigen Wiederstandes, den die klerikalen Mitglieder des Kollegiums der Neuerung entgegensetzen. Sachlich haben die Herren natürlich;nichts vorzubringsn, und nun klammern sie sich krampfhast an die .haarsträubende Möglichkeit, dass einmal ein Jude Mitglied der Schulkommision werden und anf die Verwaltung der Volksschulen Einfluß gewinnen könne. Indessen ihr sonderbares Treiben hat in der Stadt wie bei der Mehrheit der Stadtverordneten einen Heiterkeit-- erfolg davongetragen. Die Umwandlung wird nach Erledigung einiger Formalitäten vorgenornmen werden. London. In der September Nummer der Monatsschrift ,Good Word6' fetzt der frühere Premier Gladstone seine Vertheidigung der biblischen Tradition in einem bedeutsamen Essay über den Pentateuch fort. Er betrachtet die legislativen Bücher MoseS. vom Exodus bis Deuteronomion, beurtheilt sie im Lichte ihrer Glaubwürdigkeit und ihres Inhaltes und kommt dabei zu überraschenden Schlüffen. Die Art und Weise, wie er die verschiedenen Kritiker gegen einander ausspielt, ist besonders bezeichnend für den greisen Staatsmann. Er bemerkt, dass einige Kritiker die Zeit der Abfassung dieser Bücher in eine spätere Epoche rücken — bis zur Zeit Samuels, Davids, zur Trennung der Königreiche, ja bis zur babylouischen Gefangenschaft, und fragt, ob es möglich sei, dass ein historisches Werk, da? gewisser* maßen die ells-rtL der hebräischen Nation seit tausend Jahren gewesen, zu einer Zeit des nationalen Verfalls entstanden sein rönne. Gladstone schließt sich daher den neueren Kritikern an, welche zugeben, dass Moses an den gesetzgeberischen Büchern müsse mitzearbeitet haben, und die Ansicht äußern, dass manche Gesetze zweck- und sinnlos seien ohne die Annahme, dass sie im mosaischen Zeitalter entstanden sind. Er kommt daher zum Schluss: .Der Kern ultd die Substanz des gesetzgeberischen Systems, da» uns im Pentateuch überliefert wird, ist historisch zuverlässig.' Witna. Das strenge Gesetz gegen den Wucher gibt, wie der .Magdeb. Wochschrst.' von hier gemeldet wird, der größtentheilS den Juden feindlich gesinnten russischen Presse Gelegenheit zu Auslassungen gegen diese. Trotzdem es genügend erwiesen ist, dass die Inden ein weit geringeres Strafcontingent hierfür liefern, gilt hier dennoch ,Jnde und Wucherer' identisch. So beginnt daß offizielle I ruff. Blatt ״Wilenski-Wiestnik" den Bericht des Gouverneurs von Grodno, wo'cher energisch beschloss, im Administrativwege die Wucherer zu vertreiben, damit, dass die jüdischen Wucherer in Slonim und andern Grodnoer Städten höchst beunruhigt über diesen Beschluss wären rc." Also die nichtjüdischen Wucherer sind nicht beunruhigt? oder dürfen nichtjüdische Verbrecher weniger fürchten? Nun höre man aber wie die rnffische Zeitung .Nowr. Telegr." über ein anderes Verbrechen, den Pferdediebstahl, sich auslässt: ,Nach unserer Ansicht beschäftigen sich mit dem Pferdediebstabl hauptsächlich nur die Israeliten. Diese verachten j--de productive Arbeit und denken einzig und allein daran, wie am besten die Unwissenden auszunützen seien, während sie selbst (die Juden) sich zu verbergen wissen und der Gerechtigkeit entgehen. Wo es ihnen die Zustände nicht ermöglichen, falsches Geld zu schlagen, Banknoten nachznmachen, und iui Allgemeinen Documente zu fälschen, da unternehmen sie complicirte aber weniger riskante Arbeiten. Sie legen in den Dörfern Pferdediebereien an und wählen dazu ein eigenes ,Cheder* — die Schenken. Der Leiter ,Melamed" wird der Schenkwirth, welcher der wissbegierigen Jugend die raffinirren Operationen vorträgt. Sobald die Jugend ihren Lehrer begriffen hat, überträgt sie sich nach der Stadt und nach Städtchen, wo sie schon mit den ״Professoren" Zusammentreffen, das ist mit den Vorstehern der Diebes» banden, welche über ihnen Tod und Leben verfügen. Zur Ausführung benutzen die Juden die Bauern, welche die gestohlenen Waareu der Jugend zur Weiterbeförderung übergeben. Die größte Gefahr übernimmt also noch der Bauer-" So der Wortlaut. Kanu man noch gemeiner und sophistischer schreiben? Großwardei», 10. September. Sr. Majestät der Kaiser empfing heute eine ׳Abordnung der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde und erwiderte auf ihre Ansprache Folgendes: .Gnädig empfange ich Ihre Huldigung und wünsche aufrichtig, dass Ihre Glaubensg e n o s s e n und Ihre religiösen Einrichtungen im Frieden sich all' des Wohlergehens und der Zufriedenheit erfreuen mögen, welche der Schutz des Gesetzes und M e i n e unwandelbare Gnade Ihnen zusichern.' Allen geehrten Collrgrn sowie den geschätzten Lesern und Mitarbeitern unseres Mattes wünscht hirrnit כתיבה והתימיה טובה Gbercantor J. Herausgeber der ״Veperr.-ungar. Lantoren-Zeitung^,