Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 24 (11.9.1890)
- Date
- 1890-09-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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darum um so ehrenhaftere Weise seine früher ausgesprochenen ' Ansichten als nnhältbare anerkannte nnd widerrief. Er sprach aber dennoch der öffentlichen Meinung ihre Befugnis zur Entscheidung der Frage über das Recht der Juden zu, und stellte eine Emanckpation in der Meinung als das Ziel aller Bestrebungen auf. Nießer schrieb hierüber: ,Bemerkungen über die zweite Schrift des Geheimen Oberregierungsralhes StreckfusS das Verhältnis der Juden in christltchen Staaten betteffeud. Berlin 1844.' In dieser Schrift drückte Nießer zuvörderst seine Freude aus, über den männlichen Muth des Verfassers. Gleichzeitig, aber ',legte Nießer seine abweichenden Ansichten dar über manche Aeußerungen des Geheimen Oberregieruugsrathes z. B. über das Klassen» fystem im Posen'schen Judcngeietz, über die Deutung der öffentlichen Meinung, über Ehen zwischen Juden und Christen u. s. w. .Ueber den Begriff der öffentlichen Meinung hatte. Nießer schon 1833 tiefbegründete Worte gesprochen, und besonders den Versuch, die Aussprüche der Prvvincialstände für eine solche auszugeben, 'beleuchtet. Die Versuche des Jahres 1842 hatten zu keinem Erfolg -geführt, und erst 1847,. als endlich die Hoffnungen des Landes aus eine repräsentative Verfassung, wie sie 1815 und wiederholt .vom vorigen Könige versprochen war, durch Berufung - des ver» einigten Landtages in gewissem Sinne sicd zu erfüllen schien, wurde auch der Entwurf, die Verhältniße der Juden betreffend, ..dem Landtage vorgelegt. Aus den ausführlichen, denkwürdigen Verhandlungen (erschienen Berlin 1847) gieng endlich ,das Gesetz über die Verhältniße der Juden vom 23. Juli 1847' hervor. Das Gesetz hatte viele Vorzüge. Statt 21 verschiedener Gesetz- .gebungen hatten die Juden Preußens nunmehr nur zwei (die -Poseu'sche wurde beibehalten). Die inneren Gemeindeverhältniße wurden geordnet und erhielten dem Staate gegenüber eine feste '׳Gestaltung. Die Ausschließung von Staats- und Lehrämtern wurde mit geringer Ausnahme beibehalten, und die Wünsche der Juden blieben demnach unbefriedigt. Wichtiger aber noch als das Gesetz selbst waren die geistreichen Verhandlungen über dasselbe in beiden Curien des vereinigten Landtages. Was an Geist und ׳-Gesinnung Hervorragendes in der Versammlung sich befand, erklärte sich unbedingr zu Gunsten einer vollen, unbeschränkten ׳Gleichstellung der Juden mit den übrigen Bewohnern des .preußischen Staates. Diesmal schwieg Nießer, wiewohl seine preußischen Freunde auf ihn blickten und auch seine Stimme erwarteten, die nie gefehlt hatte, wo er seinen Brüdern nützen zu können hoffte. Vermuthlich hielt er es diesmal für unnöthig. Nießer war jetzt .aricht mehr der einzige Kämpfer unter den Juden. Viele hochbegabte jüdische Männer in Preußen, wir nennen nur die Königsberger Abgeordneten Johann Jacobi, Nosch, Feit u. A. m. waren jederzeit bereit, die Verlheidigung des Rechtes durch Wort׳ und Schrift kühn und siegreich zu führen. Johann Jacobi namentlich, der anonyme Verfasser der berühmten vier Fragen, von dem das-nunmehr geflügelte Wort zum Könige Friedrich Wilhelm IV. unerschrocken gesprochen wurde: ,Das ist eben daS Unglück der .Könige, dass sie die unverhüllte Wahrheit nicht hören mögen.' — Diese Männer erübrigten anderweitige Verlheidigung. Mit wie großem Interesse Ni.eßer aber den preußischen Verhandlungen folgte, zeigt der Umstand, dass er sich in Berlin während dieser .Zeit aushielt, seine Verbindungen mit der liberalen Partei erneuerte, und neue anknüpste. Der frische Hauch, der damals durch Deutschland wehte, war nicht zum geringsten Theil aus jener .Repräsentation des preußischen Volkes hervorgegangen. Nießer wirkte nicht nur auf dem politischen, sondern wir ffeheu ihn auch auf gemeinnützigem Gebiete zum Frommen und Heile seiner Glaubensgenoffen ungemein thätig. Ec wurde in die Verwaltungen der jüdischen Freiickule und des Vereines zur Förderung der Gewerbe unter den Israeliten gewählt und nahm in beiden mehrere Jahre hiedurch lebendigen, segensreichen An» theil. Reisen gehörten zu den Paffionen Nießer's, die er aber nächst seiner nothwendigen Erholung zum Zwecke einer Orientirung über jüdische Zustände in Deutschland, wie überseeisch in England und sogar Amerika übernahm, deren wir jedoch nur summarisch erwähnen können. (Fortsetzung folgt.) Kleine Chronik. Wien. Der nahezu dreißig Jahre bei der israelitischen Cultusgemeinde angeftellte ReiigionSlehrer. Herr Jonas Jellinek, wurde Dienstag den 9. d. M. Mittags, kurz nachdem er i! einem Schulsaale im Tempelgebäude in der Seitenstettengasse Religionsprüfunzeu vorgenommen hatte, vom Schlage gerührt. Herr Jellinek wurde durch den Schuldiener Saal aus dem Schulsaale in das Vorzimmer hinausgebracht und auf eine Bank gebettet. Sofort wurde ärztliche Hilfe requirirt, und es erschienen alsbald der Cultusvorsteher Med. Dr. Fürth sowie die Freiwillige Rettungsgesellschaft, jedoch ihre 'Bemühungen waren vergebens. Herr Jellinek verschied, ohne zum Bewusstsein wiederzukehren, gegen 1 Uhr, wahrscheinlich an den Folgen eines Hirnschlages. Die Wiener Cultusgemeinde verliert an dem Verblichenen einen ebenso tüchtigen als pflichteifrigen Beamten. Wien. In Anknüpfung an den vielcitirten Brief der Kaiserin August» über die antisemitische Bewegung, der an anderer Stelle dieses Blattes wiedergegeben ist, erinnert die ,Magdeb. Wochenschr." an eine denkwürdige Aeußeruug der vom ganzen Volke so geliebten Prenßenkonigin Louise, der Urgroßmutter deS jetzigen deutschen Kaisers. Diese Aenßerung ist ausgezeichnet im 2. Band deS von Conrad Rahn heransgegebenen .Preußische Fürsten und ihre Frauen", Seite 139 und lautet: ,Des Königs Minister sind hart, sobald es sich um die Juden handelt. Mein Gott, nichts als Witzeleien! O, es ist unnöthig, die armen Leute noch weiter zu kränken. Es liegt sehr, sehr viel Demüthigendes für den menschlichen Stolz in dem Leben eines Inden. Es schneidet in's Herz, wenn man an den Ton denkt, den sich Christen oftmals gegen Juden erlauben. Wir sehen in den Inden auch die Menschheit in ihrem ungeschminkten Zustande. Sie sind eben ihren Völkcrsitten treu geblieben — nnd es ist ein trauriger Gedanke um das Bewusstsein, dass wir Christen diese» Zustand verachten und sie zn uns hinüberzi-hen wollen. Von der grauen Morgens dämmernng deS Mittelalters bis jetzt war das Judenleben eine Kette mit Gesetzen umsäumt. Die ganze heitere Welt, worin wir uns bewegen und vergnügen, machen wir für ihn zn einem Ort voller Fallstricke und Gefahren. Herr Minister, verhärten Sie das Herz meines künftigen » Gemals nicht!' u. s. w. Wien. In keinem der jüdischen Blätter ist bereits so viel über die ,Spenden' und ״Mischeberach“ wahrend der Vorlesung au» der Thora geschrieben worden, wie in diesem, und zahlreiche Stimmen erhoben sich, um imJntereffe der Heiligkeit des Gottesdienstes für die Abschaffung derselben zu plaidiren. Es ist nicht zn leugnen, dass mancher Unfug hiemit getrieben wird, und als neuerlicher Beleg hiesür dienen achrolgende Meldung ans Gloffau in Böhmen. In diesem Orte besindel sich eine ganz nette Synagoge, nur ist dort die uöthige Vorsorge getroffen, damit das dort Samstag gespendete Geld sogleich von dem dort anwesenden Vorstandsmitglied, welcher in der nächsten Nähe der Thor» placirt ist. eincassirt wird, und zwar während des Gottesdienstes. Es ist traurig constalireu zu müssen, dass sogar im GotleShauje selbst Geschäfte abgemacht werden und der Gottesdienst Nebensache ist; die Herren sollten wenigstens zuerst ihre Andacht in würdiger Weise verrichten nnd dann, wenn sie sich schon wirklich fürchten. Las Geld nicht zu erhalten, die Eincassirnng vornehmen. Lemöerg. Wie wir aus verlässlicher Quelle erfahren, hat der auf die Dauer von drei Jahren für den hiesigen Tempel engagirte Qbercantor, Herr D. Schlamm, in Folge Berufung in eine andere Gemeinde, noch vor Ablauf seines Vertrages um seine Entlassung angesucht. Herr Schlamm erfreut sich in der Gemeinde eines großen Beifalls, und es ist Aussicht vorhanden, dass es gelingen wird, ihn zur Rücknahme seiner Demission zn bewegen.