Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 24 (11.9.1890)
- Date
- 1890-09-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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- -Ss Armen zu berauben.' (Ps. 10, 9). Neben dem Löwen ist es der Bär, der am meisten Schrecken verbreitet, und der auch jetzt, wahrscheinlich in Folge des Verschwindens der Wälder, nickt mehr in Palästina gesunden wird — besonders der seiner Jungen Leraubte Bär. ,Ich werde sie anfallen, wie eine der Jungen beraubte Bärin und den Verschluss ihres Herzens aufreißen.' ^Jof. 13. 8). Und in fast humoristischer Weise ruft der Spruch- Lichter uns zu: ״Besser mit einem der Jungen beraubten Bären uls mit einem Narren zusammenzutreffen.' (Lpr. 17, 12). Der gcsrässige Wolf dient als Gleichnis, der im Dunkel der Nacht raubend und verderbend umherschweift; ,Seine Fürsten in seiner.Mitte sind wie Wölfe, Beute gierig. Blut vergießend. Menschen verderbend, Gewinn erspähend.' (Ezechiel 22. 27). Die Schlange, für welche die hebräische Sprache etwa zehn Bezeichnungen hat und schon im Paradiese als Feind und Verführer der Menschen erscheint, ist durch ihr schleichendes Wesen» Lurch ihr Gift, das schnell und tödtlich wirkt, ein Bild der im Geheim verbreiteten Verleumdung. ,Sie, nämlich die Verläumder, spitzen ihre Zunge wie eine Schlange, Otterngift ist unter ihren Lippen.׳' (Ps. 1-40, 4). Die dem Truuke sich ergeben, geißelt der Spruchdichter mit folgendem Bilde: ,Schau nicht den Wein an, wie er rörhlich glänzt, wie er Augen bildet im Becher, wie er ^glatt hernntergebt; am Ende beißt er wie die Schlange und stickt wie ein Daselißk.' (Spr. 23, 32). Dieses Gleichnis ist sehr zutreffend. Jeder sinnlicke Genuss schmeckt anfangs so süß, .so angenehm, dass er in der That wohlthuend, heiter und vcr- Hnügt wirkt; artet er aber in Leidenschaft aus, dann kommt das Bittere erst zum Vorschein. Auch der Midrasch (Jalkut z. St.) macht zu diesem Spruche mehrere treffliche Bemerkungen. Der . Biss einer Schlange tobtet nicht gleich, der Gebiffene verspürt ihn kaum, erst später folgt der Tod. So auch derjenige, der dem Truuke sich ergibt. Auch macht der Midrasch daselbst eine sinnreiche Bemerkung über Xeri und Kesiw. Es steht nämlich im Texte .כים'/ Beutel, wird aber gelesen .כ1ם', Becher, damit will angedeutet sein, indem er den Becher häufig leert, wird auch bald der Beutel leer, vertrinkt Haus und Gut und kommt materiell und geistig herab, wie die Erfahrung das häufig bestätiget. Doch scheint dieser Spruch von Israeliten sehr beherziget worden zu . sein und kommen solche Fälle äußerst selten oder gar nicht vor; fedoch bei anderen Glaubensbekennern sehr häufig. Nach dieser kurzen Abschweifung kehren wir wieder zu unserem Thema zurück. W.. (Fortsetzung folgt). Gedenket der Tage der Vorzeit—erwäget die Aenderung -er Zeitalter. V. B?M. 32, 7. Dr. Gabriel Richer V. XXXV. Am 7. Juni 1840 starb Friedrich Wilhelm III., und sein geistreicher und gelehrter Sobu Friedrich Wilhelm IV. folgte ihm Lluf den Thron. Ein freier Luftzug strömte durch die preußischen Laude. Die argen Verstimmungen, die durch den Versuch strenger Maßregelungen gegen die Katholiken in den letzten Jahren entstanden waren, wurden durch weises Einlenkeu gehoben. Ebenso wurden die Altlutheranen von ihren llnterdrückungen befreit. Natürlich regten sich auch unter den Juden frohe Hoffnungen auf eine günstige Gestaltung ihrer traurigen Zustände. Thatsächlich belchäftigten auch ihre Verhältniße die gesetzgebenden Kreise. Im Jahre 1842 gieng wiederum durch die Zeitungen das Gerücht von einer neuen Gesetzgebung für die. Juden. Dieselbe sollte eine allen bisherigen Gesetzgebungen ganz entgegengesetzte sein. Sie war besonders auf die Erhaltung ihrer Nationalität gerichtet. Die Amalgamation der Juden mit den übrigen Einwohnern sollte von Staatswegen nicht nur nicht gefördert, sondern gehindert werden. Den jüdischen Gemeinden sollten in allen Städten besondere Rechte eingcräumt sein, vermöge deren sie im Magistrate und bei den Stadtverordneten Theil zu nehmen hätten. Sie sollten zu Schiedsrichtern wählen und gewählt werden können, jedock nur um Streitigkeiten zwiicken ihnen zu schlickten. Endlich sollte den Juden aus Rücksicht der Eigenrhümlichkeit ihrer Religion die Militärpflicht derart erlassen sein, dass dieselbe durch Geld abgelöst werden könnte, doch aber gestattet sein, freiwillig auf Avancement einzutreten und zu dienen. Mit einem Worte der Entwurf entsprach ganz und gar den gelehrten, biblischen und archäologischen Anschauungen Friedrich Wilhelm IV. und erstreckte sich sogar, wie ich mich erinnere, bis auf die Ornate der Cultusbeamten, die annähernd nach biblischem Muster und Schnitt — nicht aber in nachäffender Weise leider nach protestantischer Form — gestaltet sein sollten, was entschieden fürs Jndenthum gar nicht so unheilsam wäre. Ebenso erinnere ich mich lebhaft einer Unterhaltung des hochseligen Königs, die hochderselbe mit der Deputation der jüdischen Gemeinde Berlin, welche ibm zu seiner Thronfolge die pflichtschuldige Huldigung darbrachte, ge-- pflogen und von den Zeitungen mitgetheilt wurde. Die bei uns gar nicht seltenen Namen Cohn und Lewi. deren der Hofmarschall bei der Vorstellung wie üblich Erwähnung thun musste, brachten flugs den bibelfesten Monarchen die Namen der 12 Stämme Israels in Erinnerung und hochderselbe richtete an die Deputation die Frage: ,Ist es begründet, dass die Israeliten ihre ehemalige Stammeseintheilung bewahren, resp. wissen, zu welchem Stamme sie gehören?' —,Majestät', erwiderte der erkorene Wortführer, ,so allgemein wohl nicht, weil nur die früheren Stammregister, die die Bibel uns ausbewahrt und welche von der Tempelpriesterschaft mit sorgfältigster Gewissenhastigkeit geführt, fick eben nur durch die Bibel erhalten konnten. Nach Abschluß derselben konnten durch die trüben Zeitläufte der Israeliten unmöglich diese Register fortgesührt werden. Nur die Kenntnis des Stammes Lewi, von dem die ehemaligen Tempeldiener (Cohanin) stammen, hat sich trotz der traurigen Erlebniße thatiäcklich noch erhalten, und zwar ganz einfach dadurch, weil diejelben noch jetzt in den Synagogen verschiedene Funktionen zu üben haben.' Nichts entrüstete die jüdischen Preußen gegen den projektirten Gesetz-Entwurf so sehr als die Entbindung derselben "von der Militärpflicht, der sogenannten Llutfteuer. Mit einer seltenen Einmüthigkeit protestirten sie dagegen. Dieses schönste und festeste Baud, welches sie seit einem Menschenalter an das' Vaterland geknüpft batte, wenngleich ihre Hingebung übel vergolten wurde, wollten sie sich durchaus nicht nehmen lassen. Außer vielen preußischen jüdischen Politikern trat auch Rießer in die Arena mit seiner Schrift: ,Besorgniße und Hoffnungen für die künftige Stellung der Juden in Preußen. Hamburg 1842.' In derjelben erörtert Nicßer den Begriff der Nationalität aufs Schärfste und stellt die Jrrthümer, auf welche das pcojektirte Gesetz basirte, ins hellste Licht. Im Jahre 1844 erschien eine neue Schrift Nießers in Angelegenheit der preußischen Juden. Ausnahmsweise aber war dieselbe durch eine erfreulichere Veranlassung hervorgerusen. Geheimer Oberregierungsrath Streckfuss, der im Jahre 1833 gelegentlich der Vertheidigung seiner legislatorischen Mißgeburt so vielen Widerspruch hervorgerusen, ließ eine zweite Schrift: ,lieber des Verhältnis der Juden zu den christlichen Staaten' erscheinen, worin er auf eine in dieser Frage höchst seltene und