Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-09-01 · Heft 23 (1.9.1890) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 23 (1.9.1890)
Date
1890-09-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/1304829-3453172-3453195--2935-3457237
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

© sie ans Verzweifln»g sich dem Christenthume ergeben sollten. Das Phantom eines christlichen.Staates trat hier feindlich auf und zerstörte alle Hoffnungen der Juden. Der Staat, ein ideales Institut, auf NechtSformen gegründet, sollte sich zu einer bestimmten Religionkansicht in dem Matze bekennen, dass andere religiöse Uebcrzeugungen keinen Raum in ihm fanden, während seine eigene Religion durch innere Spaltungen zerklüftet, so verschiedene Glaubenslehren anfnahm, dass der Staat sich nur erhalten konnte, nienn er selbst dagegen völlig indifferent erschien. Der Widerspruch, den das neue Projekt von vielen Seiten fand, zeigte der Negierung dessen Unanssührbarkeit. Sie suchte zunächst durch Specialgesetze einzelnen besonderen Uebelständen abzuhelfen, aber leider immer im feindlichen Sinne gegen die Juden. (Fortsetzung feist.) Littrranschrs. Wachtrag zur Worveterschule von Moritz Deutsch, Obercantor in Breslau. —Das synagogale Nccitativ gehörte zu allen Zeiten zu den bedeutungsvollsten Leistungen des jüdischen Cantors. Nur beim freien Necitativ zeigt der Cantor, welche Summen von stimmlicher, musikalisch-ästhetischer und grammatikalischer Fähigkeiten er sein eigen nennt, luiiftn welch' künstlerischer Form er kraft seiner eigenen Individualität all' diese Vorbedingungen zu kleiden vcrmag. Indes, auch das winzigste Rccitaliv muß dem Gestaltungsvermögen des Cantors wie ein Heiliglhum erscheinen, soll dasselbe ein Anrecht auf Form und MustergiUigkeit erheben, denn an der Gestaltung dieser kleinen Arbeiten des Geistes rankt sich dann jene Niesenarbeit empor, die ja jedem von uns unter der Be- Zeichnung Nalcbios, Sichronos Schofros genügend bekannt ist. Diese jüdisch-cautorale Tetralogie kann jedoch nur von demjenigen möglichst formgerecht vorgetragen werden, dem die Möglichkeit geboten war, sich an den Meisterschöpsungen bedeutender Vorgänger oder Zeitgenoffen zu sättigen, dieselben anfangs einfach zu copieren, nachträglich jedoch durch individuelle Verarbeitung selbstständig Hervorragendes zu leisten. Nicht unerwähnt darf die Lhatsache bleiben, dass der Cantor der alten Synagoge möglichst viel Zeit für die erwähnte Gestaltung mich desselben nur mit dem Gefühle des Schmerzes. — Den innigsten Gruß von ihrem dankbaren Neffen Simons Monate verstrichen, ohne Nachrichten von Simon. Die alte harmonische Ordnung und Ruhe kehrten wieder ein. Sara sprach niemals von ihrem Vetter, während Moritz in schwärmerischer Verehruug seines unvergesslichen Freundes gedachte. Eines Tages erhielt Herr Leberccht eine amtliche Zuschickung, einen Todtenschein, welche ihm das Hinscheideu Simons, als auch die ihm und feiner Familie zugedachte Erbschaft anzeigte. Moritz reiste nach Petersburg und ordnete die Angelegenheit. Sava hatte ihren Vetter nie geliebt, nie verstanden, sie war.ein zu alltäglicher Character. Simons Herz jedoch schlug ihr noch, bis der Tod sein Auge brach, in Liebe entgegen. — Nach einigen Jahren heirathete sie einen biederen Kaufmann, der nach dem Heimgange ihres Vaters das alte Geschäft übernahm und es zeitgemäß rü die Höhe brachte. Frau Leberecht "füllte den Lehnsessel ihres verstorbenen Gatten aus und sah die Freuden und daS Glück bei ihrer Tochter.' יי׳ Und Moritz? Er war zwar Buchhalter bei seniein Schwager doch bUeb er der Musik treu. ÄWfn ahn die Mutter fragte, ob er sich schon nach einer Lebensgefährtin^ uülgesehen habe, da antwortete er scherzend: »O, Mutter ich häbe"^^,öch lange Zeit dazu; überdies׳' bin ich schon längst mit meiner ,GeH^' berheirathlt.* ' hatte, auch durch die, eingeschalteten Piutim immer wieder einige Minuten Muße fand, um sich zu neuer Thätigkeit aufzuraffen, während die moderne Synagoge zur Abkürzung drängt und durch die Eliminirung der Piutim den Cantor zwingt, Nalchlos, Sichronos und Schofros beinahe ununterbrochen vorzutragen. Soll nun der moderne jüdische Cantor all' diesen Anforderungen gerecht werden, so mutz er trachten, den Geist des alt-cantoralen Nccitativs mit seinen mannigfachen Windungen und Modulationen bei der möglichsten Vermeidung melodischer oder textlicher Wiederholnngen in knapper Form ans das zu rccitirende Wort zu übertragen. Das ist jedoch eine schwierige Arbeit, namentlich für Anfänger im jüdischen Cantorate. Darum macht sich seit vielen Jahren gleichsam ein Angstruf zur Veröffentlichung müstergiltiger: Nccitative der eben angcdenieten Richtung fühlbar, der Herrin College« Deutsch in Breslau veranlasste, an die Bearbeitung: dieser, mit Ausnahme von Leivandowßki, von jämmtlichelr- Componisten der synagogalen Musik geradezu stiefmütterlich׳ behandelten Vorwände zu schreiten. Die Nccitative sind durchwegs, wie es von einem im Amte׳ erfahrenen, außerdem hochintelligenten Manne, wie College Deutschs überaus liebevoll und fachgemäß behandelt, jede nutzlose Phrase energisch zurückgewiesen, jede der leider so allbeliebten Wiederholnngen zielbewusst vermieden und dennoch dem Gesammtbilde das Gepräge des Alten so meisterhaft verliehen, dass die Stimmung: des Tages in ihrer ganzen Heiligkeit zum AuSdrucke gelangt.. Diese kurze Andeutung möge genüge!׳, um die jüdischen Cantoren beim Herannahen der hohen Feiertage auf ein Merkchen aufmerksam zu machen, welches geradezu als Nachschlagebuch für etwaige dunkle Stellen erachtet werden muß. Wer seine eigenen Anschaumigen an den Musterschöpfungen eines Meisters kräftigen,, oder wem es daran liegt, an den hohen Feiertagen, namentlich mit dem Vortrage von Malchios, Sichronos und Schofrosmöglichst Formgerechtes zu schaffen, dem empfehlen wir den soebew erschienenen Nachtrag zur V o r b e t e r s ch u.l e von M o r i z D e u t s ch, O b e r c a n t o r an der großen Synagoge zu Breslau. Singer. — Musikübende und alle, die der Tonkunst Interesse schenken,, werden in den letzterschienen Nummern (14 und 15) der »Neuen Musik-Zeitung' (Grüninger, Stuttgart) ein reiches und inteieffantes Material von Artikeln sowohl belletristisch-nnterhaltcnder, wie fachwiffenschastlicher Natur sinden. Besonders hervorzuyeben sind: Savenaus hochinteressante Ab- Handlung »Auf gleichen Pfaden', ans welchen ad. oculos der Nachweis erbracht wird, dass in den Werken unserer ersten Ton-- dichter Händel, Beethoven, Mozart, Mendelssohn, Wagner nahezu gleiche Motive Vorkommen, und die Arbeit Dr. Goliners »Eine musikalische Heilmethode', A. Keßler: »Gottfried Keller und die Musik'. Die Noten-Beilage bringt ein Klavierstück und Lied von Walter Petzet. — Wir machen unsere Leser auf das Inserat, die nachgelaffenen Compositionen unseres dahingegangenen Altmeisters S a l o m o n S u l z e r זיל ansmerksam. Der Name S u l z e r ' genügt, um die Erwartung eines neuerlichen Meisterwerkes zu rechtfertigen und so können wir uns jede weitere Anpreisung!, dieser׳ von Herrn Joseph Sulzcr, Solospieler an der k. k. Hofoper in Wien, in pietätvollster Weise veranstalteten Herausgabe ersparen- 'Wir halten die Anschaffung dieses würdig ausgestatteten, mit dem vortrefflichen Bildnis Salomo n S u l z e r 's - geschmückten Werkes für eine Ehrensache seitens der Gemeinden und Cantoren-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.